Die Hochhaussiedlung in Wuppertal-Rehsiepen war marode. Die Häuser stammten aus den siebziger Jahren, von den Außenwänden fielen hin und wieder Schieferplatten herab, Gehwege und Eingangsbereiche waren notdürftig mit Baugerüsten überdacht. An vielen der blassgrün gestrichenen Treppenhauswände klebte der Schimmel, oft tropfte es sogar herein.

Das war im Jahr 2010.

Wuppertal-Rehsiepen war kein Einzelfall. Auch in Hamburg-Steilshoop, in Leverkusen-Mathildenhof oder in Duisburg-Mündelheim beklagten sich damals Mieter – immer zahlreicher und immer lauter. Sie alle hatten denselben Vermieter, den Immobilienkonzern Gagfah, und dessen Manager ließen den Wohnungsbestand verfallen. Für sie zählte offenbar nur die kurzfristige Rendite. Die Gagfah avancierte zum Beispielfall, wie Finanzinvestoren, die von ihren Gegnern gerne "Heuschrecken" genannt werden, als Eigentümer ein Unternehmen aussaugen können – in diesem Fall zu Lasten der Mieter. Es war diese Zeit, es waren diese Bilder katastrophaler Zustände, die das Image großer Immobilienkonzerne in Deutschland prägten und die bis heute nachwirken.

Vielen stehen diese Zustände heute wieder vor Augen, denn am Montag wurde bekannt, dass die Gagfah geschluckt wird – vom größeren Konkurrenten Deutsche Annington, der bis zu seinem Börsengang im vergangenen Jahr ebenfalls in den Klauen eines Finanzinvestors, Terra Firma Holdings, war. Insgesamt 3,9 Milliarden Euro will die Deutsche Annington für den Konkurrenten zahlen. Die Manager beider Immobilienfirmen sind sich bereits einig, geht alles glatt, entsteht Anfang nächsten Jahres der größte Wohnungskonzern Europas, mit 350.000 Wohnungen, in denen rund eine Million Menschen lebt. Das fusionierte Unternehmen wäre damit der mächtigste Vermieter der Republik. Mit einem angestrebten Börsenwert von rund neun Milliarden Euro wäre es sogar ein Anwärter für den Dax, die erlesene Gruppe der dreißig größten deutschen Konzerne an der Börse. Da passt es, dass man die Historie nun tilgen und die alten Zeiten hinter sich lassen will: Ein neuer Name soll her, auch ein neuer Firmensitz.

Aber es geht wohl um mehr als Aufhübschen. Es gibt Anzeichen, dass sich für die Mieter nun tatsächlich einiges zum Besseren wendet.

Als zur Jahrtausendwende zahlreiche angelsächsische Finanzinvestoren einfielen und sich hierzulande riesige Wohnungsbestände unter den Nagel rissen, häufig Werkswohnungen der Industriekonzerne, aber auch Bestände von Kommunen oder Ländern, die ihre Haushalte sanieren wollten, da gingen viele von ihnen ruppig mit den Menschen in ihren Wohnungen um. Mit Sparmaßnahmen und einem rigorosen Auftreten drückten Investoren ihre Rendite nach oben. Durch Tricks und wegen des Preisanstiegs am deutschen Immobilienmarkt haben viele inzwischen ihren Schnitt gemacht. Die meisten "Heuschrecken" sind weitergezogen, haben ihre Objekte an die Börse gebracht oder an die Konkurrenz verkauft.

Bei der Gagfah verscherbelte der alte Investor Fortress in diesem Jahr seine letzten Anteile über die Börse, und schon seit längerer Zeit versucht ein neues Management, die Fehler der Vergangenheit vergessen zu machen. Gagfah-Chef Thomas Zinnöcker und Annington-Chef Rolf Buch versicherten diese Woche denn auch sogleich, das neue Unternehmen werde alle abgeschlossenen Vereinbarungen einhalten und sich am Anspruch eines sozial verantwortlichen Vermieters messen lassen können.

Was bedeutet der Megadeal für den einzelnen Mieter? An seinem Mietvertrag ändert sich zwar nichts, aber das ist ja nicht alles, worauf es ankommt. 84 Millionen Euro im Jahr wollen die beiden Unternehmen künftig einsparen. Aber auch das muss nicht zu Lasten der Mieter gehen. So lassen sich Kosten auch dadurch senken, dass beide Konzerne ihre Verwaltung zusammenlegen und dass sie wegen einer besseren Bonität weniger Zinsen für ihre Kredite zahlen. Außerdem: Aktuell kauft die Gagfah pro Jahr allein 2.500 Durchlauferhitzer, 1.650 Waschbecken und 1.250 Heizkörper – Zahlen, die sich mit dem Zusammenschluss grob verdoppeln dürften, der neue Konzern kann also eine noch größere Einkaufsmacht ausspielen.

Gut möglich, dass auch weitere Immobiliengesellschaften an Zusammenschlüsse denken. Die Aktien kleinerer Konkurrenten schossen Anfang der Woche jedenfalls schon in die Höhe.

"Die Heuschrecken-Ära ist definitiv zu Ende", versichert Dirk Schmitt, Generalbevollmächtigter der Gagfah. Schmitt war zuvor auch lange Jahre bei der Deutschen Annington tätig, er kennt beide Unternehmen und die Wohnungswirtschaft seit vielen Jahren. Er ist überzeugt: "Die Branche ist reif und erwachsen geworden. Wir sind jetzt ganz normale Unternehmen, die auch so langsam den Kunden entdecken, und wir merken, dass uns auch die Politik allmählich akzeptiert."

Mieterschützer wollen nicht vorschnell Entwarnung geben. Nach wie vor erreichen den Mieterschutzbund Klagen, etwa über Nebenkostenabrechnungen der Deutschen Annington oder Schimmel in Wohnungen der Gagfah. "Aber bei einem so großen Bestand ist das auch ein Stück weit normal", sagt Ulrich Ropertz vom Deutschen Mieterschutzbund in einem ungewöhnlich versöhnlichen Ton. Er macht seit einiger Zeit Verbesserungen aus. Mit Mieterhöhungen in größerem Umfang rechnet er nach der Übernahme nicht, denn diese seien in vielen Problemgegenden gar nicht durchzusetzen, eine Mietpreisbremse brauche es dort gar nicht. "Das sind jetzt in der Tat keine Heuschrecken mehr", sagt Ropertz über die Immobilienfirmen heute, doch eines dürfe man nicht vergessen: "Es sind börsennotierte Unternehmen, die natürlich ebenfalls auf die Rendite achten."

Immobilienexperte Peter Barkow von Barkow Consulting pflichtet dem bei, sieht zugleich aber Unterschiede zu den Finanzinvestoren: "Natürlich erwarten börsennotierte Immobiliengesellschaften eine höhere Rendite als zum Beispiel Genossenschaften. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass es die Börse in der Regel mit Kurssenkung abstraft, wenn das Management nicht ausreichend in die Wohnungen investiert."