Männer, die in Baracken Wer-ist-hier-der-Chef?-Rituale zelebrieren und einem antiquierten Bild von Mut, Pflicht und Selbstverwirklichung nachhängen: Du setzt dich in deinen Jet, ziehst in den Himmel und kommst erst zurück, wenn du eine gegnerische MiG-15 abgeschossen hast. Für jeden "Abschuss" pinselt man dir einen Stern auf die Maschine, und so wächst dein Ruhm. Geschichten werden erzählt, Legenden der Ehrfurcht, die dich zum Helden machen, zumindest in dem Kosmos dieser Fliegerwelt, in dem die getöteten Koreaner in ihren brennenden Maschinen wie Sternschnuppen fallen, unwirklich und, aus der Vogelperspektive, irgendwie harmlos.

Es ist eine geschlossene und ziemlich unzeitgemäße Welt, die der amerikanische Autor James Salter in seinem ersten Roman Jäger rund um die drei K einer Whisky-Männlichkeit (Kampf, Konkurrenz und – manchmal – Kameradschaft) beschreibt. Aber vor allem ist es eine Kammerspielwelt der immer gleichen, immer intensiver werdenden Gefühle. Es gibt die halsbrecherischen Flugeinsätze und das lange Warten auf den nächsten Start, das Hoffen und den Stolz auf Erfolg, das Hadern mit dem Misserfolg und die unendlichen Qualen des Neides. "Es war ein geheimes Leben, das man allein lebte." Entweder hat der Flieger am Ende seiner hundert Einsätze die begehrten fünf "Kills" und wird zum "Ass" geadelt. Oder eben nicht. Dann wird er vergessen.

James Salter wusste, wovon er schrieb. Der Roman erschien 1957, nur wenige Jahre nachdem er selbst im Koreakrieg Einsätze "am Yalu" geflogen war. Nach Salters großem Roman Alles, was ist (2013), der dem Autor – fast neunzigjährig – auch in Deutschland die verdiente Bekanntheit brachte, gibt der Berlin Verlag nun Salters Erstling auf Deutsch heraus und schenkt dem Leser dabei nicht weniger als ein unheimliches Meisterwerk.

"Und dann folgte der Rausch. Der geschmeidige Start und das befreite Gefühl, wenn die Welt unter einem abfiel ... Es war noch immer ein Abenteuer, aufregend wie die Liebe und genauso beängstigend." Der Vergleich führt freilich in die Irre. Es geht, anders als in den Büchern, die James Salter in den folgenden 45 Jahren schreiben wird, in Jäger höchstens um die Liebe zum eigenen brennenden Ehrgeiz. Keine Frauen, kein kontrastierendes sogenanntes normales Leben, kein Kater danach. Dieses Buch spielt nicht am Boden, sondern in der Luft, in einem Zwischenreich verdichteter Zeit. Salter idealisiert den Krieg keineswegs, aber er leistet sich die Freiheit, die Gefechte als das zu beschreiben, was sie für seine Figuren bedeuten: mitreißende Leidenschaft.

Am Anfang und am Ende sitzt Cleve Connell, die Hauptfigur, in einem Flugzeug. Zu Beginn bringt ihn ein Transporter von Japan zum Stützpunkt. Am Ende jagt er in seiner Maschine dem legendenhaften Casey Jones hinterher. Dazwischen treibt Salter ihn in einer kompakten Dramaturgie durch die scharfen Kurven eines Loyalitätskonflikts "seinem Schicksal" zu. Das Bomberjackengetue, das hierarchische Gerangel, in das fast jedes Gespräch mündet, irritiert nur kurz. Denn Cleve ist, im Gegensatz zum Bösewicht Pell, alles andere als ein ungebrochener Held. "So war es immer gewesen, überlegte er, das Gefühl, zu spät zu kommen, nachdem alles vorüber ist." Und da sich alles Entscheidende im Cockpit ereignet, in einer Ausnahmekapsel, wo jeder Fehler den Tod bedeutet, entfaltet die Geschichte einen ungeheuren Sog.

Salter schreibt schon in seinem Erstling Sätze zum Niederknien: "Er selbst fühlte weiterhin nichts als die klägliche Befriedigung, dabei gewesen zu sein; und doch war da noch etwas anderes, eine Art mystische Erfüllung, als hätte der Kampf etwas Nährendes oder wäre ein starkes Gift, das einem in wiederholt verabreichten kleinen Dosen letztendlich Immunität verschaffte."

Die Gefechte, die Angriffe der Flugzeugschwärme oder ihre Ausweichmanöver werden unter Salters Hand zu Lufttänzen mit dem Gegner (dem man sich mitunter verbundener fühlt als den eigenen Leuten). Die Kampfszenen sind von solch einer abstrakten Schönheit, dass James Salter sich in einem kurzen Vorwort zur Neuauflage 1999 genötigt fühlte, klarzustellen: "Kampfpiloten kämpfen nicht, wie Saint-Exupéry schrieb, sie morden, und das taten sie für gewöhnlich, indem sie sich, so nah es ging, ans Heck der feindlichen Maschine hefteten und feuerten."

Dieses Kommentars hätte es nicht bedurft. Denn der Fortgang der Handlung zerbröselt schon selbst das heroische Ideal, dem hier alle nacheifern. Der Kampf schafft eben keine Immunität. Und so wie Cleve im blauen Himmel die winzigen Punkte der feindlichen Schwärme meist erst erkennt, wenn es fast zu spät ist, so nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung, als man fast schon nicht mehr daran glaubt.

Nach der Lektüre von Jäger leuchtet auch das Eigenwillige, das sozusagen Salterhafte seiner späteren Bücher wie etwa des Romans Lichtjahre oder des Erzählbands Dämmerung klarer ein. Salter siedelt seine Geschichten später meist in der für die amerikanische Literatur so typischen Mittelschicht an. Nur kann keiner dieses durchschnittliche Leben so erhaben beschreiben und leuchten lassen wie er. Seine Figuren suchen und finden – wie die Piloten in Jäger – auch im Alltag scheinbar immer und überall den passenden Moment, die Erfahrung eines komprimierten Jetzt, ob bei einem Abendessen mit den Kindern, einem Seitensprung oder dem Blick durch eine belebte Straße. Sie sind begnadete Intensitätsauskoster und zugleich auf tragische Weise rauschvergiftet und untüchtig. Denn sie sind nicht in der Lage, die punkthafte Erfüllung, den Moment in die Dauer zu überführen und zu einem gelungenen Dasein zu formen. In all seiner gefeierten Gegenwärtigkeit scheint das Leben an den Figuren unverstanden vorbeizufließen. Für den Leser aber heißt das: Anschauungsglück und schmerzhaftes Erschrecken über das nackte Verstreichen der Zeit. Lest Salter! Jäger und all die anderen Bücher.