"Die Wirtschaft trägt sich von selbst" – Seite 1

DIE ZEIT: Wann haben Sie zum ersten Mal gedacht, dass wir eine Revolution der Wirtschaft erleben?

Jeremy Rifkin: Da gab es wirklich einen Moment. Seit 20 Jahren gebe ich an der Wharton School in Philadelphia Kurse für Topmanager. Und im Jahr 2000 kam eine kleine Internetfirma namens Napster auf, bei der man Musik mit anderen teilen konnte. Ich sagte zu meinen Vorstandschefs: "Sieht so aus, als gebe es hier eine Plattform, auf der Menschen Musik zu Grenzkosten von kaum mehr als null teilen können – Millionen von ihnen sogar, die an der Musikindustrie vorbeikommen." Und ich fragte im Seminar: "Ist das jetzt nur eine Ausnahme, eine Anomalie, oder sehen wir hier ein tief greifendes Muster künftiger Wirtschaft?" Niemand dachte, das sei relevant. Ich habe die Frage ein Jahrzehnt lang jedes Jahr wieder gestellt und erlebte eine tief greifende Veränderung. Denn wir haben gesehen, wie sich das Null-Grenzkosten-Phänomen verbreitete ...

ZEIT: ... womit Sie meinen, dass die Verteilung eines Produkts an einen weiteren Nutzer so gut wie nichts kostet. Ist ein Inhalt erst mal produziert, lässt er sich nahezu kostenlos vervielfältigen.

Rifkin: Die Informationsgüterindustrie geriet also unter Druck, erst mit Datentausch und Musik, dann mit Videos. Eine Milliarde Leute auf YouTube – wieder ging es mit Grenzkosten nahe null am klassischen Anbieter von Film und Fernsehen vorbei, zu einem gewissen Maß jedenfalls. Dann natürlich Zeitungen und Magazine. Hunderte Millionen junger Menschen posten ihre eigenen Informationen und Neuigkeiten in Blogs und teilen sie unter Umgehung der Industrie im Gemeinschaftsraum des Netzes. Auch das Buchgeschäft wurde von kostenlosen E-Büchern im Netz getroffen. Das Neueste sind die Online-Massenvorlesungen, abgekürzt MOOCs. Diese freien Kurse haben in weniger als zwei Jahren schon mehr als sechs Millionen Studenten angezogen. Da kreieren die besten Professoren an den besten Unis Vorlesungen und verteilen sie zu Grenzkosten von null.

ZEIT: Warum erkannten Ihre Schüler nicht, was da vor sich ging?

Rifkin: Vielleicht weil Unternehmer immer nach neuen Technologien suchen, damit sie produktiver werden und ihre Kosten senken. Was niemand vorhersah, nicht mal in unserer wildesten Vorstellungswelt, war, dass die Revolution so extrem sein und die Grenzkosten für einige Produkte und Dienste auf null drücken würde. Das heißt, sie können umsonst und in Fülle vorhanden sein.

ZEIT: Stellt das nicht die Grundregeln der Marktwirtschaft infrage?

Rifkin: Es gibt eine Rede von Larry Summers aus dem Jahr 2001. Sie wissen, der ehemalige Finanzminister der USA und Harvard-Präsident. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase brachte die Zentralbank in Kansas City einige Ökonomen und Unternehmenschefs zu einem privaten Treffen zusammen. Und er sagte in der Eröffnungsrede, dass wir eine technologische Revolution erleben, die so wichtig sei wie die Elektrifizierung. Sie werde die Wirtschaft verändern, die Welt, alles. Sie würde die Grenzkosten für Video-, Audio- und Textinformationen im Internet auf fast null senken. Aber wie könne man dann noch Gewinne erzielen? Seine Antwort, und das war wirklich überraschend für einen Finanzminister: Wir werden Monopole bevorzugen müssen. Und dann sagte er etwas noch Interessanteres: Wir wissen noch nicht, welches System den Marktkapitalismus ablösen wird.

ZEIT: Und dieses neue System beschreiben Sie heute als kollaboratives Gemeingut wie etwa das geteilte Wissen bei Wikipedia.

Rifkin: Ja, fast 14 Jahre später sehen wir dieses noch ganz junge Wirtschaftssystem im Weltmaßstab entstehen.

ZEIT: Wirtschaft ändert sich doch andauernd.

Rifkin: Obwohl es noch in der Geburtsphase ist, so ist es doch das erste neue Wirtschaftssystem seit dem Aufkommen von Kapitalismus und Sozialismus im 19. Jahrhundert – es erblüht neben der klassischen kapitalistischen Marktwirtschaft.

ZEIT: Aber Sie wollen nicht behaupten, dass der Kapitalismus untergeht, oder?

Rifkin: Ich vermute, dass auch der Marktkapitalismus weiter gedeiht, aber er wird um das Jahr 2050 herum gänzlich verwandelt sein. Erfolgreich werden dann Unternehmen sein, die kollaboratives Gemeingut aufbauen und managen – wie Facebook, Google oder Twitter. Und: Der Kapitalismus wird das Wirtschaftsleben nicht mehr allein dominieren. Vielmehr wird er ein mächtiger Partner des kollaborativen Gemeinguts sein, sodass wir eine große Menge unserer Produkte und Dienstleistungen nahezu kostenlos produzieren und teilen können. Das wird so manch anderer Industrie ihren Raum nehmen. All das ist wirklich paradox: Die unsichtbare Hand des Marktes erreicht ihren größten Triumph, sie schafft nämlich die effizientesten Märkte überhaupt, mit Grenzkosten nahe null, bloß erzielt man an diesem Punkt mit dem Verkauf keine Gewinne mehr. Also schafft die unsichtbare Hand etwas Neues, die Wirtschaft des Teilens.

"Sonne und Wind schicken keine Rechnung"

ZEIT: Sie erwarten eine Art Hybridwirtschaft.

Rifkin: Der kapitalistische Markt wird erfolgreich sein, muss aber mit dem kooperativen Gemeingut leben und ihm auch zugutekommen. Und das nicht nur bei den virtuellen Gütern. In meinen Manager-Seminaren in Wharton damals haben wir das nicht kommen sehen. Wir dachten, es gebe da eine Mauer. Das Null-Grenzkosten-Phänomen, das die integrierte Info- und Unterhaltungsmedienindustrie verwüstet hat, werde nicht von der virtuellen in die Welt der physischen Wirtschaft übergehen. Doch das stimmt seit zwei Jahren nicht mehr. Die Mauer stürzt ein.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Rifkin: Alle großen wirtschaftlichen Systemveränderungen der Geschichte – vom frühen Agrarwesen über die feudale Gesellschaft bis zum industriellen Kapitalismus – haben drei Dinge gemeinsam: neue Kommunikationswege, um die Wirtschaft zu organisieren, neue Formen von Energie, um die Wirtschaft anzutreiben, und neue Arten von Transport und Logistik. So verband die industrielle Revolution im 20. Jahrhundert die zentralisierte Stromversorgung, das Telefon, Radio und Fernsehen mit billigem Öl als Treibstoff für Autos, Busse oder Lastwagen auf nationalen Straßennetzen. Doch dieses System geht auf sein Ende zu, viel mehr Produktivität ist da nicht herauszupressen. So erleben wir nun auch eine neue, dritte industrielle Revolution, in der sich das digitale Kommunikationsinternet verbindet mit einem noch ganz jungen digitalen Netz für erneuerbare Energie. Zuerst sah man das in Deutschland, Dänemark und seit Kurzem sieht man es in noch größerem Maße in China. Und jetzt kommen diese beiden Internets – für Kommunikation und Energie – noch zusammen mit einem digitalen, von Satelliten geführten Transport-Internet. Zusammen schaffen sie das, was wir ein "Internet der Dinge" nennen.

ZEIT: Drei Internets?

Rifkin: Das Internet der Dinge ist in Wirklichkeit eine Dreiteilung des Internets in ein Kommunikationsnetz, ein Energienetz und ein Transportnetz. Und dieses Netz hat Sensoren in der gesamten Wirtschaft, um jedes Gerät, jede Maschine und jeden Menschen zu verbinden. Wir haben schon heute rund 14 Milliarden Sensoren in Fabriken, in Straßen, Lieferzentren, Einzelhandelsgeschäften und jetzt sogar in smart homes und Fahrzeugen, die Daten sammeln und ins Netz schicken. Nehmen wir nur mal an, dieses Supernetz der Dinge bleibt neutral und wird nicht von Google, Facebook und Co. dominiert, nehmen wir an, wir schützen die Privatheit, schaffen Datensicherheit und sichern uns gegen Cyberterroristen, dann kann die Menschheit ins Superinternet der Dinge gehen, das fängt schon an, und sie hat Zugang zu den großen Datenmengen, die ausdrücken, was gerade geschieht in der Wirtschaft. Das wäre totale Transparenz. Man wüsste alles, was in der Wirtschaft vor sich geht, und könnte seinen eigenen Computer nutzen, um eigene Analysen zu machen und Algorithmen zu schaffen und damit energieeffizienter und produktiver zu werden. Man könnte seine eigene erneuerbare Energie produzieren und mittels 3-D-Druckern seine eigenen Produkte, zu Grenzkosten von nahe null. Ein Teil könnte am Markt verkauft werden, ein Teil im kollaborativen Gemeingut geteilt werden. Man kann das daran sehen, was gerade in Sachen Energie in Deutschland geschieht: Die Möglichkeiten sind riesig, aber die Probleme auch.

ZEIT: Lassen Sie mich da einhaken. Was man in Deutschland sieht, ist einerseits die Dezentralisierung: Menschen produzieren selbst Energie, nutzen sie oder speisen sie ein. Aber gleichzeitig merkt das Land, dass es nationale und sogar europäische Netze braucht, um den erneuerbaren Strom in alle Regionen zu tragen. Da wird also auch zentralisiert.

Rifkin: Heute wollen die führenden Parteien in Deutschland in ein anderes Energiezeitalter aufbrechen, mit neuer Technologie, neuer Infrastruktur, neuen Geschäftsmodellen. Mehr als ein Viertel des Stroms ist schon grün, 2020 dürften es 35 Prozent sein. An einem Frühlingssonntag waren es schon mal 75 Prozent, sodass die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt von Sonne und Wind angetrieben wurde. Aber das bringt auch große Probleme mit sich. RWE, E.on und Co., diese integrierten Kraftwerks- und Verteilriesen des 20. Jahrhunderts, erfahren das gleiche Schicksal wie die Musikindustrie, wie Zeitungen und Buchverlage. Sie sind teilweise noch im alten Geschäft, produzieren aber nicht die Elektrizität für die nächste industrielle Revolution. Das tun vielmehr kleine Produzenten und Kooperativen, Millionen von Leuten. Da gibt es viele kleine Gemeinschaften, die zu niedrigen Zinsen das nötige Kapital erhalten und die neue Technologie einsetzen. Die Stromriesen schaffen weniger als sieben Prozent der erneuerbaren Energie, weil sie auf der Idee zentralisierter Energie fußen. Sie können nicht Millionen kleiner Produzenten zusammenbringen. Und jetzt schon gilt: Hat man einmal für sein Solarpanel bezahlt oder für die Windturbine, dann ist die Produktion nahezu umsonst. Sonne und Wind schicken keine Rechnung, man muss nur das Solarpanel und die Turbine sauber halten. Auf Dauer haben fossile und nukleare Energie, deren Preise langfristig steigen, keine Chance.

ZEIT: Und doch hat Deutschland riesige Probleme bei den Kosten.

Rifkin: Deutschland hat vieles richtig gemacht, die Einspeisevergütung, die Umwandlung von einer Million Gebäuden in Minikraftwerke. Aber es hat kurzfristig auch erhebliche Probleme. Man hat das Energie-Internet nicht vorangebracht. Das Netz ist 60 Jahre alt, geht nur in eine Richtung, vom Lieferanten zum Nutzer, und verliert viel Strom auf dem Weg. Es war eben nicht dafür gemacht, dass Millionen kleiner Mitspieler den Strom teilen. Das muss nun geändert werden. Und die Preise? Nun, während die Großhandelspreise sinken, steigen aufgrund der Einspeisevergütung die Verbraucherpreise – wovon viele Unternehmen wiederum befreit sind. Das ist aber nur ein kurzfristiges Phänomen. Deutschland ist auf dem Weg, das erste Null-Grenzkosten-Land bei Energie zu werden. Das wäre ein Riesensprung für die Produktivität und die heimische Industrie.

ZEIT: Aber derzeit haben die USA einen riesigen Preisvorsprung, gerade beim Gas.

Rifkin: Amerika hat ein Fenster von vielleicht fünf Jahren mit dem Fracking-Gas. Die großen Investoren haben schnell alle wichtigen Vorkommen gekauft. Da gibt es schon eine Blase. Es dauert nämlich nur eineinhalb Jahre, die jeweils kleine Menge Gas aus einem Vorkommen herauszuholen. Ölquellen sprudeln dagegen Jahrzehnte. Und die Gaspreise sind so stark gesunken, weil gerade jedes Vorkommen angezapft wird. Aber eine Studie zeigt schon, dass 2019 die Preise wieder steigen werden, weil die lukrativsten Vorkommen dann weitgehend ausgeschöpft sind.

"Der 3-D-Druck hat mich wirklich überrascht"

ZEIT: Und – nutzen die USA diese gekaufte Zeit?

Rifkin: Nein, wir speisen derzeit Gas, die Energieform des 20. Jahrhunderts, in die Netze ein. Doch in zehn Jahren werden weltweit viele Millionen Produzenten grünen Strom bereitstellen, Technologieparks, Fabriken, Privathäuser, Nachbarschaftskooperativen. Und in einem Vierteljahrhundert wird ein großer Teil der Menschheit, vielleicht mehr als eine Milliarde Menschen, seine Energie produzieren und übers Internet der Dinge teilen – so wie es Milliarden Leute heute mit Informationen machen. Es hat 24 Jahre gedauert, bis 40 Prozent der Menschheit zu Nutzern und Bereitstellern virtueller Güter über das World Wide Web wurden. Noch mal so lange, und die meisten können auch die Energie herstellen und teilen.

ZEIT: Kurzfristige Probleme, aber langfristig die Erlösung. Scheint zu schön, um wahr zu sein.

Rifkin: Was ich außerdem erwarte: Das Internet für Transport und Logistik wird sich in dieser Zeitspanne ebenfalls entwickeln. Schon nutzen Millionen junger Leute Carsharing, und innerhalb von 15 Jahren werden diese Autos elektrisch oder mit Brennstoffzellen fahren, angetrieben von erneuerbarer Energie, wahrscheinlich fahrerlos und hergestellt im 3-D-Drucker. Der 3-D-Druck hat mich wirklich überrascht. Da gibt es schon Tausende Hobbyproduzenten und Start-ups, und die Deutschen haben tolle Leute, die mit dem Silicon Valley konkurrieren können, weil es hier so viele Präzisionshersteller unter den Mittelständlern gibt. Die Software ist umsonst, die Grenzkosten sind nahe null. Es ist wie bei virtuellen Gütern, weil Menschen sie füreinander schaffen. Und viele dieser Fabrikationslaboratorien, kurz fab labs, nutzen ihr eigenes recyceltes Material wie Papier, Plastik oder Metall. Die amerikanische Regierung überlegt schon, in jeder Schule ein fab lab einzurichten. Die heutigen Kinder wachsen auf und schaffen alle Arten neuer Software, um 3-D-gedruckte Produkte zu kreieren und zu teilen – so wie ihre Eltern als Heranwachsende mit neuer Software experimentierten, um virtuelle Produkte fürs Internet herzustellen.

ZEIT: Dieser Teil Ihrer Vision mag deutschen Mittelständlern Auftrieb geben. Aber die Autoindustrie hätte ein riesiges Problem.

Rifkin: Das Auto ist der Kernbestandteil der Wirtschaft im 20. Jahrhundert. Und unsere Generation glaubte daran, Autos zu besitzen. So wurden wir Teil des kapitalistischen Eigentumsmarkts. Aber sämtliche jungen Leute, die ich kenne, wollen kein Auto kaufen. Sie wollen Zugang, sie wollen Mobilität statt Eigentum. Larry Burns, ehemals die Nummer zwei bei General Motors, hat das in einer Studie mal für eine kleinere Stadt ausgerechnet: Durch GPS-Führung und Carsharing kann man dieselbe Mobilität mit 80 Prozent weniger Autos erreichen. Und von den verbleibenden 20 Prozent werden mehr und mehr mit erneuerbarem Strom fahren ...

ZEIT: ... atemberaubend. Sie reden über riesige Verwerfungen und haben am Ende immer eine optimistische Vision. Aber viele Menschen sehen diesen Wandel, und auch wenn sie ihn nicht als so allumfassend wahrnehmen wie Sie selbst, fürchten sie doch, dass über alldem die Ungleichheit weiter steigt. Dass eine dauerhafte Unterklasse entsteht, wenn Fabrikarbeiter und Manager, wie bei den Autos prognostiziert, ihre Jobs verlieren. Müssen wir uns auf den großen Bruch in der Gesellschaft gefasst machen?

Rifkin: Möglich ist das. Es hängt davon ab, wie wir auf all das antworten. Natürlich kämpfen viele Unternehmen – Telekomfirmen, Kabelanbieter, Energieproduzenten – gegen Netzneutralität. Sie wollen unterschiedlichen Kunden unterschiedliche Qualität bieten und unterschiedliche Preise abverlangen. Auch die Frage, wem die Daten gehören, spielt da hinein. Ich bin nicht naiv, aber vorsichtig hoffnungsvoll. Schauen Sie auf die Musikindustrie. Diese Riesenbranche hat alles versucht, neue Gesetze, neue Datenverschlüsselung, aber es hielt junge Leute nicht davon ab, ihre Musik zu teilen. Zeitungen waren nicht gerade froh über Millionen Blogger, die eigene Nachrichten schufen und teilten, abhalten konnten sie sie aber nicht. Und das mächtige Fernsehen konnte YouTube nicht stoppen.

ZEIT: Noch schauen viele Menschen fern.

Rifkin: Aber wenn bei diesen riesigen Konzernen des 20. Jahrhunderts nur zehn Prozent der Nutzer wegbleiben, dann sind sie schon verwundbar, weil die Gewinnraten so gering sind. Das sieht man jetzt auch im Einzelhandel. Netzhändler haben dagegen Grenzkosten von fast null, und kein Angehöriger der Millennium-Generation kauft noch im Laden. Sie gehen da noch hin, um was anzuprobieren oder anzusehen. Und dann scannen sie das Produkt mit ihrem Smartphone und kaufen es übers Netz. Fit lift nennt man das.

ZEIT: Akzeptiert, dass der Widerstand vieler alter Industrieriesen zwecklos sein wird. Aber wenn unser Wirtschaftssystem auf einer Idee beruht, dann doch der, dass die große Mehrheit der Menschen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen kann. Und das ist auch tief eingewoben in unsere Demokratie. Wie soll dieses Modell überleben, wenn die Fähigkeiten der meisten Menschen am Markt nicht mehr gebraucht werden?

Rifkin: Mit der Zukunft der Arbeit habe ich mich nun wirklich beschäftigt. Die erste industrielle Revolution im 19. Jahrhundert beendete die Sklavenarbeit. Im 20. Jahrhundert ließ die zweite industrielle Revolution die Arbeit in der Landwirtschaft und im Handwerk dramatisch schrumpfen. Die dritte Revolution im 21. Jahrhundert wird der massenhaften Lohn- und Gehaltsarbeit ein Ende setzen. Aber das dauert ein halbes Jahrhundert. Schon jetzt gibt es Fabriken ohne Arbeiter und ohne Licht. Manche Büros und Händler gehen schon in Richtung automatisierter Datenverarbeitung und Stimmerkennung. Jetzt werden Jobs automatisiert, die professionelle Fähigkeiten verlangen, und daher beginnt sich die geistige Elite zu sorgen. Ökonomen sagen, dass steigende Produktivität mehr Jobs schafft, als sie zerstört. Aber jetzt sieht man: Wir brauchen nicht mehr all die Anwälte, Buchhalter oder Radiologen, weil es Datenanalyse mittels Algorithmen gibt.

"Selten entwickeln sich die Dinge wirklich wie erwartet"

ZEIT: Wo geht die Reise nun hin?

Rifkin: Zwei Generationen lang können wir noch Massenbeschäftigung bieten, weil wir erst die Infrastruktur für das Superinternet der Dinge schaffen müssen. Viele der heute führenden Unternehmen wie auch neue Firmen werden dafür die Plattform schaffen. Aber wenn diese Plattform erst mal läuft, wird sie von Analytik und Algorithmen betrieben und von einer kleinen Gruppe von Aufsichtskräften gemanagt.

ZEIT: Was machen die übrig gebliebenen Menschen dann – und wer gibt ihnen Geld?

Rifkin: Es ist viel zu tun, man sieht das jetzt schon. Viele junge Menschen wechseln von traditionellen Jobs der Privatwirtschaft zu neuen Jobs in der Sozialwirtschaft. Die schafft alle Arten von Gütern und Dienstleistungen, die nicht vom Markt und nicht vom Staat kommen. Ökonomen reden nur nie darüber. Auch in der Sozialwirtschaft gibt es zwar Automatisierung, aber viele Aktivitäten verlangen, dass Menschen ihre Fähigkeiten direkt miteinander teilen. Dieser Sektor schafft Sozialkapital statt Finanzkapital und verbessert die Lebensqualität. Non-Profit-Krankenhäuser, Non-Profit-Schulen, Pflege der Alten, Umweltschutz, Sport, Künste ... Also lassen wir die Maschinen die Arbeit machen, die menschliche Wesen nicht mehr verrichten müssen, und unser Denken kann sich weiterentwickeln, konzentriert darauf, mehr Sozialkapital zu schaffen.

ZEIT: Aber wer bezahlt diese Arbeit?

Rifkin: Einige meiner Kollegen behaupten, die Sozialwirtschaft sei ein Parasit, der von Staatsgeld und Spenden lebe. Das stimmt aber ganz und gar nicht. Mehr als die Hälfte des Geldes, das heute in diesen Sektor fließt, besteht aus Gebühren für Dienstleistungen. Nur gut ein Drittel geht auf Verträge mit dem Staat zurück. Und nur der Rest ist Philanthropie. Diese Wirtschaft trägt sich also nahezu von selbst. Man muss Margaret Thatcher und Ronald Reagan da dankbar sein.

ZEIT: Wie bitte, und das von einem Sozialvisionär wie Ihnen?

Rifkin: Sie haben die öffentlichen Mittel für soziale Arbeit verringert. Also haben Sozialunternehmen junge Absolventen von Business Schools eingestellt, damit sie Geschäftsmodelle für neue Sozialunternehmen entwarfen, die zum Überleben Geld verdienen konnten. Das geschah überall auf der Welt. Lesen Sie mal John Maynard Keynes’ kleinen Essay an die Enkel, den er 1930 während der Großen Depression schrieb. Darin führt er den Begriff der Verdrängung durch Technologie ein: die Idee, dass Technologie Jobs schneller ersetzt, als wir neue Arten der Arbeit auf dem kapitalistischen Marktplatz finden können. Keynes erklärte aber, wir sollten das Phänomen nicht fürchten, sondern lieber die Gelegenheit umarmen, die Menschheit von den seelenlosen Pflichten des Marktes zu befreien.

ZEIT: Da ist sie wieder, die schwierige Phase des Übergangs.

Rifkin: Ja, ich weiß.

ZEIT: Und selten entwickeln sich die Dinge wirklich wie erwartet. Nehmen Sie den ersten Enthusiasmus über die Wirtschaft des Teilens, die Sharing Economy. Jetzt sieht man, wie das Kapital diese Wirtschaft teilweise wieder übernimmt. Uber bei den Taxis. Und bei Wohnungen wird das Airbnb-Geschäft immer kommerzieller, auch bei den Anbietern. Die Kapitalinteressen werden stärker und versuchen, die Sharing Economy zu bestimmen und möglichst viel Gewinn herauszuholen. Behindert das nicht die künftige Entwicklung dieses Wirtschaftsteiles, so wie Sie ihn beschreiben?

Rifkin: Das ist tatsächlich besorgniserregend. Allerdings gibt es im Fall des Couchsurfings immer noch Millionen von Menschen, die kostenlos ihre Wohnung teilen. Google und Goldman Sachs haben viel Geld in Uber investiert. Sie realisieren nicht, was geschehen wird. Was kostet es wohl, eine neue örtliche Carsharing-Website in jeder Stadt einzurichten, damit Fahrer ihre eigene Kooperative schaffen, statt ihr eigenes Auto zu fahren und mehr und mehr ihrer Einnahmen an globale Firmen wie Uber abgeben zu müssen? Dieser Wandel hat schon begonnen. Ich bin sicher, dass in allen großen Städten solche Kooperativen entstehen werden. Fahrer tun sich zusammen, gehen mit einer eigenen Website online, haben GPS-Navigation für die Autos, und die Grenzkosten für jeden von ihnen gehen in die Nähe von null. Eine Mikrogemeinschaft. Das Gleiche geschieht bei der Energie mit Stromkooperativen. Ich finde es schon amüsant – all das dort investierte Geld. Es wäre absurd, wenn die Fahrer weiter für Uber führen, obwohl sie doch genauso gut eine leicht zu organisierende und zu finanzierende Kooperative aufmachen könnten – und dann die Einnahmen untereinander verteilen, statt sie Uber zu überweisen.