ZEIT: Und – nutzen die USA diese gekaufte Zeit?

Rifkin: Nein, wir speisen derzeit Gas, die Energieform des 20. Jahrhunderts, in die Netze ein. Doch in zehn Jahren werden weltweit viele Millionen Produzenten grünen Strom bereitstellen, Technologieparks, Fabriken, Privathäuser, Nachbarschaftskooperativen. Und in einem Vierteljahrhundert wird ein großer Teil der Menschheit, vielleicht mehr als eine Milliarde Menschen, seine Energie produzieren und übers Internet der Dinge teilen – so wie es Milliarden Leute heute mit Informationen machen. Es hat 24 Jahre gedauert, bis 40 Prozent der Menschheit zu Nutzern und Bereitstellern virtueller Güter über das World Wide Web wurden. Noch mal so lange, und die meisten können auch die Energie herstellen und teilen.

ZEIT: Kurzfristige Probleme, aber langfristig die Erlösung. Scheint zu schön, um wahr zu sein.

Rifkin: Was ich außerdem erwarte: Das Internet für Transport und Logistik wird sich in dieser Zeitspanne ebenfalls entwickeln. Schon nutzen Millionen junger Leute Carsharing, und innerhalb von 15 Jahren werden diese Autos elektrisch oder mit Brennstoffzellen fahren, angetrieben von erneuerbarer Energie, wahrscheinlich fahrerlos und hergestellt im 3-D-Drucker. Der 3-D-Druck hat mich wirklich überrascht. Da gibt es schon Tausende Hobbyproduzenten und Start-ups, und die Deutschen haben tolle Leute, die mit dem Silicon Valley konkurrieren können, weil es hier so viele Präzisionshersteller unter den Mittelständlern gibt. Die Software ist umsonst, die Grenzkosten sind nahe null. Es ist wie bei virtuellen Gütern, weil Menschen sie füreinander schaffen. Und viele dieser Fabrikationslaboratorien, kurz fab labs, nutzen ihr eigenes recyceltes Material wie Papier, Plastik oder Metall. Die amerikanische Regierung überlegt schon, in jeder Schule ein fab lab einzurichten. Die heutigen Kinder wachsen auf und schaffen alle Arten neuer Software, um 3-D-gedruckte Produkte zu kreieren und zu teilen – so wie ihre Eltern als Heranwachsende mit neuer Software experimentierten, um virtuelle Produkte fürs Internet herzustellen.

ZEIT: Dieser Teil Ihrer Vision mag deutschen Mittelständlern Auftrieb geben. Aber die Autoindustrie hätte ein riesiges Problem.

Rifkin: Das Auto ist der Kernbestandteil der Wirtschaft im 20. Jahrhundert. Und unsere Generation glaubte daran, Autos zu besitzen. So wurden wir Teil des kapitalistischen Eigentumsmarkts. Aber sämtliche jungen Leute, die ich kenne, wollen kein Auto kaufen. Sie wollen Zugang, sie wollen Mobilität statt Eigentum. Larry Burns, ehemals die Nummer zwei bei General Motors, hat das in einer Studie mal für eine kleinere Stadt ausgerechnet: Durch GPS-Führung und Carsharing kann man dieselbe Mobilität mit 80 Prozent weniger Autos erreichen. Und von den verbleibenden 20 Prozent werden mehr und mehr mit erneuerbarem Strom fahren ...

ZEIT: ... atemberaubend. Sie reden über riesige Verwerfungen und haben am Ende immer eine optimistische Vision. Aber viele Menschen sehen diesen Wandel, und auch wenn sie ihn nicht als so allumfassend wahrnehmen wie Sie selbst, fürchten sie doch, dass über alldem die Ungleichheit weiter steigt. Dass eine dauerhafte Unterklasse entsteht, wenn Fabrikarbeiter und Manager, wie bei den Autos prognostiziert, ihre Jobs verlieren. Müssen wir uns auf den großen Bruch in der Gesellschaft gefasst machen?

Rifkin: Möglich ist das. Es hängt davon ab, wie wir auf all das antworten. Natürlich kämpfen viele Unternehmen – Telekomfirmen, Kabelanbieter, Energieproduzenten – gegen Netzneutralität. Sie wollen unterschiedlichen Kunden unterschiedliche Qualität bieten und unterschiedliche Preise abverlangen. Auch die Frage, wem die Daten gehören, spielt da hinein. Ich bin nicht naiv, aber vorsichtig hoffnungsvoll. Schauen Sie auf die Musikindustrie. Diese Riesenbranche hat alles versucht, neue Gesetze, neue Datenverschlüsselung, aber es hielt junge Leute nicht davon ab, ihre Musik zu teilen. Zeitungen waren nicht gerade froh über Millionen Blogger, die eigene Nachrichten schufen und teilten, abhalten konnten sie sie aber nicht. Und das mächtige Fernsehen konnte YouTube nicht stoppen.

ZEIT: Noch schauen viele Menschen fern.

Rifkin: Aber wenn bei diesen riesigen Konzernen des 20. Jahrhunderts nur zehn Prozent der Nutzer wegbleiben, dann sind sie schon verwundbar, weil die Gewinnraten so gering sind. Das sieht man jetzt auch im Einzelhandel. Netzhändler haben dagegen Grenzkosten von fast null, und kein Angehöriger der Millennium-Generation kauft noch im Laden. Sie gehen da noch hin, um was anzuprobieren oder anzusehen. Und dann scannen sie das Produkt mit ihrem Smartphone und kaufen es übers Netz. Fit lift nennt man das.

ZEIT: Akzeptiert, dass der Widerstand vieler alter Industrieriesen zwecklos sein wird. Aber wenn unser Wirtschaftssystem auf einer Idee beruht, dann doch der, dass die große Mehrheit der Menschen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen kann. Und das ist auch tief eingewoben in unsere Demokratie. Wie soll dieses Modell überleben, wenn die Fähigkeiten der meisten Menschen am Markt nicht mehr gebraucht werden?

Rifkin: Mit der Zukunft der Arbeit habe ich mich nun wirklich beschäftigt. Die erste industrielle Revolution im 19. Jahrhundert beendete die Sklavenarbeit. Im 20. Jahrhundert ließ die zweite industrielle Revolution die Arbeit in der Landwirtschaft und im Handwerk dramatisch schrumpfen. Die dritte Revolution im 21. Jahrhundert wird der massenhaften Lohn- und Gehaltsarbeit ein Ende setzen. Aber das dauert ein halbes Jahrhundert. Schon jetzt gibt es Fabriken ohne Arbeiter und ohne Licht. Manche Büros und Händler gehen schon in Richtung automatisierter Datenverarbeitung und Stimmerkennung. Jetzt werden Jobs automatisiert, die professionelle Fähigkeiten verlangen, und daher beginnt sich die geistige Elite zu sorgen. Ökonomen sagen, dass steigende Produktivität mehr Jobs schafft, als sie zerstört. Aber jetzt sieht man: Wir brauchen nicht mehr all die Anwälte, Buchhalter oder Radiologen, weil es Datenanalyse mittels Algorithmen gibt.