Es gab diese hässliche Verflechtung schon einmal in der Stadt, diesen Moment, in dem sich das Entsetzen über den Tod des einen Mädchens mit der Fassungslosigkeit über den Tod des anderen verhedderte und viele gar nicht mehr wussten, ob sie noch um Chantal trauerten oder schon um Yagmur. Es war die Zeit, als die Leben der zwei Kinder binnen zwei Jahren brutal zu Ende gingen und ihre Namen zu Synonymen wurden für einen sinnlosen, vermeidbaren Tod.

Der Fall Yagmur ging vergangene Woche zu Ende, mit einer lebenslangen Verurteilung der Mutter wegen Mordes. Der Vater muss für viereinhalb Jahre in Haft, weil er sein Kind nicht geschützt hat. Nun müssen die Richter den Fall Chantal verhandeln.

"Chantal hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gerettet werden können, wenn der Angeklagte die erforderlichen Rettungsmaßnahmen eingeleitet hätte", sagt Staatsanwalt Florian Kirstein am Montag im Landgericht Hamburg. Dort müssen sich Chantals Pflegeeltern Sylvia L. und Wolfgang A. seit Beginn dieser Woche wegen fahrlässiger Tötung und Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht verantworten. Das Urteil soll noch in diesem Monat, in der Woche vor Weihnachten fallen.

Die elfjährige Chantal war am 16. Januar 2012 an den Folgen einer Methadonvergiftung gestorben. Sie hatte in der Wohnung ihrer drogenabhängigen Pflegeeltern in Wilhelmsburg eine Tablette geschluckt, im Glauben, es handle sich um ein Medikament gegen Übelkeit. Es war aber ein Heroin-Ersatzstoff, der offenbar für die Kinder zugänglich in der Wohnung lag, unverschlossen, "in einer Klappbox". So wirft es der Staatsanwalt den Eltern vor. Er rast durch die Anklageverlesung, spricht so schnell, dass der Vorsitzende Richter Rüdiger Göbel ihn zwischendurch bremsen muss, er rattert ein Detail nach dem nächsten herunter aus einer Kindheit, für die es nur ein Wort geben kann: Verwahrlosung.

Ein Drogentest für Pflegeeltern hätte Chantal retten können

Aber die Pflegeeltern streiten alles ab. "Chantal war ein Teil unserer Familie, und es tut weh, sie verloren zu haben. Dies wird mich bis zum Ende meiner Tage begleiten", lässt Sylvia L. am Montag durch ihren Verteidiger verlesen.

Es hat lange gedauert, bis der Fall Chantal vor Gericht gekommen ist, fast drei Jahre. Hintergrund ist ein Streit um die Frage, ob das Hauptverfahren gegen beide Eltern eröffnet werden darf oder nur gegen den Vater. Gegen die Mutter hatte das Landgericht dies zunächst abgelehnt, erst nach einer Beschwerde beim Oberlandesgericht wurde sie doch ohne Einschränkung zugelassen.

Und nun sitzen die beiden im Saal 390: Sylvia L., 40 Jahre alt, das fahle Gesicht von jahrelanger Heroinsucht gezeichnet, in der Unterlippe trägt sie ein Piercing, auf dem sie nervös herumkaut. Über Eck sitzt Wolfgang A., 54, ein kleiner Mann mit kurzem blondem Haar, aus seinem Kragen zieht sich eine Tätowierung den Nacken hoch. Als die Kamerateams den Saal betreten, vergraben die beiden ihre Gesichter tief in den Händen, bedecken ihre Köpfe mit Kapuzen, Mützen, Caps. Sie vermummen sich geradezu, wollen nicht gesehen werden. Sie haben noch drei weitere Kinder, für die sie sorgen müssen.

Dabei konnten sie noch nicht einmal für eines richtig sorgen, so sieht es der Staatsanwalt.

"Die Wohnung der Pflegeeltern war mit Wissen und Wollen in einem extrem unordentlichen und ungepflegten Zustand", verliest er in seinem Rekordtempo. In den drei Zimmern hätten sechs Personen mit drei Hunden auf engem Raum gelebt. Chantal hätte noch nicht einmal einen Schreibtisch oder ein eigenes Bett gehabt, sie habe sich eine Matratze mit dem zweiten Pflegekind, Ashley, teilen müssen. "Sie duldeten, dass Chantal als Kind regelmäßig Zigaretten rauchte", eilt der Staatsanwalt weiter. Die Beschuldigten hätten zwar Pflegegeld für Chantal bekommen, dafür aber nicht darauf geachtet, dass sie ordentlich angezogen sei. Zudem hätten sie das Kind, selbst bei Dunkelheit, zum Zeitungenaustragen gezwungen. "Es bestand insgesamt die Gefahr einer erheblichen körperlichen und psychischen Schädigung."

Dabei waren Sylvia L. und Wolfgang A. schon die Familie, in der es Chantal besser gehen sollte als bei ihren leiblichen Eltern. Die waren getrennt, bis zu ihrem achten Lebensjahr wuchs Chantal bei ihrer alkohol- und drogensüchtigen Mutter auf. Noch bevor sie sich zu Tode trank, gab sie ihre Tochter zu Sylvia L. und Wolfgang A., mit deren Kindern Chantal sich angefreundet hatte. Dort blieb Chantal. Es sei besser so, fanden alle. Fand auch das Jugendamt, das die Pflegschaft genehmigte. Deshalb hatte der Fall Chantal auch ein politisches Nachspiel, ein Sonderausschuss arbeitete die Versäumnisse auf, der Bezirkschef Mitte und die Leiterin des Jugendamts Mitte mussten zurücktreten, und der Sozialsenator verfügte für die Zukunft Drogentests für alle volljährigen Mitglieder von Pflegefamilien.