Auf der Strohschütte dachte ich an den Bruder, der vermutlich in einem Massengrab in Polen lag. Der Zug hatte Tempo gewonnen. Die Räder schlugen hart gegen die Schienen. Mir war, als folgten sie dem Takt der Chorfuge in Bachs Johannes-Passion: "Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben ... Wir ha-ben ein Ge-setz, und nach dem Ge-setz muss er ster-ben". Ein harter, unerbittlicher Takt. An den Stationsschildern, die wir passierten, ließ sich ablesen, dass wir nach Osten rollten.

Nach zwei oder drei Tagen konnten wir aussteigen. Die Schilder am Güterbahnhof besagten, dass wir in Brünn angekommen waren, der tschechisch-deutschen Stadt im sogenannten Reichsprotektorat. Müder Marsch zu einer Kaserne. Die Gesichter der Leute auf den Trottoirs verschlossen, die Blicke abweisend, oft feindselig. Was sollten wir dort? Auch die Offiziere wussten es nicht. Keine Geschütze standen parat, die wir übernehmen konnten, keine Motorschlepper, keine Pferde. Nach einer Nacht auf verwanzten Strohsäcken wurde den Offiziersanwärtern befohlen, auf dem Hof anzutreten "mit allen Sachen". Dies bedeutete eine erneute "Verlegung", irgendwohin. Zurück zur Bahnstation. Wir würden einer "Offiziersnachwuchsabteilung" zugewiesen. "Wo?" Der Kommandierende wusste es nicht. Zwei Güterwagen, an andere Züge angehängt. Irgendwo wurden wir ausgeladen. Die Amerikaner rollten von Würzburg her auf Nürnberg zu. Unseren bunten Haufen befehligte der Hauptmann Beck, ein kleiner drahtiger Mann mit schneidender Stimme; man sagte, er sei ein Neffe des Generalobersten Ludwig Beck, den Stauffenberg nach dem Attentat als Staatsoberhaupt hatte einsetzen wollen. (Der Generaloberst nahm sich nach dem fehlgeschlagenen 20. Juli im Oberkommando des Heeres das Leben.)

Wir liefen den amerikanischen Truppen noch in halbwegs geordneter Formation voraus, ohne ernste Gefechte. (Dafür kontrollierte Beck, offensichtlich ein Pingelpreuße, ob wir uns ordentlich rasiert hatten.) Luftangriff, nicht weit von der Stadt. Wir drängten uns in einen kleinen Keller, in dem man zu ersticken drohte. Als es ruhiger zu sein schien, kletterte ich auf der steilen, schmalen Treppe zum Ausgang hoch. Hinter mir ein fetter Verwaltungsoffizier. Ehe er sich an mir vorbeizwängen konnte, nahebei die Explosion einer Luftmine. Der gewaltige Druck warf uns nach unten, der fette Etappen-Bulle stürzte noch vor mir, ich hinterdrein. Unten fing er mit seiner Masse meinen Fall auf. Er schrie vor Schmerz. Ich rappelte eilends meine Glieder zusammen, murmelte "Tut mir sehr leid", denn er hatte mich ganz unfreiwillig vor weiß der Teufel welchen Knochenbrüchen bewahrt. Wie er sich befand, kümmerte mich nicht weiter, seine Fettmassen mochten ihm Schlimmes erspart haben. Ich kroch erneut über die Treppe nach oben und kauerte bis zur Entwarnung hinter einer Mauer.Zwei Tage später, im unmittelbaren Vorfeld der Stadt, raunte der Hauptmann Beck einigen Kameraden und mir zu, wir sollten uns auf den Weg nach Westen machen, an Nürnberg vorbei. Die Verteidigung dieses Trümmerhaufens sei sinnlos. Aber: "Behaltet eure Waffen! Sie könnten euch das Leben retten." (Er wusste, wovon er sprach.) Wir stiefelten los, so unauffällig wie möglich. Verabredeten, bei einer Kontrolle zu behaupten, wir seien versprengt und auf der Suche nach unserer Einheit. In Nürnberg am Reichsparteitagsgelände vorbei. Die baumelnden Jünglinge in der Uniform der Hitlerjugend. Wir dachten an den Rat des Hauptmanns B. (der, wie ich später auf Umwegen erfuhr, wenige Minuten nach unserem Abmarsch von einer Granate zerrissen worden sein soll). Ich schleppte sogar noch die schwere Panzerfaust einige Stunden weiter, trotz der schmerzenden Schulter. Schmiss das Ding, das zu nichts nutze sein konnte, schließlich in einen Graben. Behielt die handliche Maschinenpistole und einige Gurt Munition. Stießen gegen Abend auf eine größere Gruppe, die den Weisungen eines Fähnrichs der Luftwaffe gehorchte. Lagen während der Nacht im Wald. Aus Vorsicht kein Feuer. Zogen am Morgen weiter gen Süden, auf kleinen Straßen, nach den Motorengeräuschen zu schließen, den amerikanischen Panzern immer zwei oder drei Kilometer voraus.

Vielleicht wollte der SS-Chef genau das: Uns wie die Kaninchen abknallen lassen

Als der Hunger zu schmerzend wurde, packten wir die "eisernen Rationen" aus, die jeder Soldat bei sich haben musste. Keine Erinnerung, was sie enthielten. Genug, um den Magen bis zum nächsten Morgen halbwegs zu beruhigen. Dann allerdings klopfte ich an einem Bauernhof an und bat um Brot und, wenn möglich, ein Stück Speck. Der Bauer weigerte sich. Vermutlich dachte er, die Amerikaner ließen ihn dafür büßen, wenn er deutschen Soldaten helfe. Wurde wütend, zeigte die MP vor (wofür ich mich bis heute schäme). Nach fünf Minuten hatte er alles, was der Bauch begehrte, in eine große Tasche gepackt. Wir aßen und trotteten weiter. Am nächsten Tag sagte uns ein alter Bauer, der auf dem Felde arbeitete, nicht weit von hier werde ein Verpflegungslager der Wehrmacht geräumt, und er beschrieb den Weg. Frauen marschierten mit Handkarren in die gleiche Richtung. Ehe wir auch nur eine Hartwurst am Zipfel fassten, war das Lager von Waffen-SS umstellt. Gottlob konnten wir unsere Waffen vorweisen. Der Luftwaffenfähnrich erklärte, wie verabredet, wir seien Versprengte, die ihre regulären Einheiten suchten. Ein Waffen-SS-Offizier erklärte barsch, wir seien nun seinem Kommando unterstellt und er werde jeden als Deserteur erschießen, der sich in die Büsche zu schleichen versuche.

Wir waren in eine Falle der Kampfbrigade Dirlewanger geraten: ein gefürchteter Haufen, für den Kriminelle aus den Zuchthäusern und Halbgenesene in den Lazaretten rekrutiert wurden, aber auch Wachpersonal von Konzentrationslagern, die geräumt werden mussten – jeder Trupp von hart gedienten SS-Soldaten kontrolliert. Wir wurden auch am gleichen Tag noch ins Feuer geschickt. Gegen die Übermacht der anrollenden Panzer, in ihrem Schutz die Schwärme der Infanterie, war keine Stellung (die es nicht gab) zu halten. Von den SS-Offizieren ward nichts mehr gesehen. Das Kommando zum Rückzug übernahm allemal ein degradierter Hauptmann des regulären Heeres. Wenigstens gab es Verpflegung, Brot und irgendetwas, manchmal eine heiße dünne Suppe aus der Gulaschkanone. Biwak. Schnaps. Wilde Geschichten. Am Morgen ein paar Stücke Brot. Schützenlöcher graben. In der Stellung auf die Amerikaner warten. Wenn sie anrückten – keine Chance. Als ein Mann im Schützenloch neben mir von einem Kopfschuss getroffen wurde, spritzte die Gehirnmasse bis zu mir herüber. In unkontrollierbarer Wut verschoss ich mein Magazin auf die näher rückende Truppe. Dann machten wir uns aus dem Staube.

Man fragt zu Recht, warum wir nicht einfach in unseren Löchern hocken blieben und uns gefangen nehmen ließen. Goebbels und seine Clique hatten das Gerücht ausstreuen lassen, die Amis würden ihre Gefangenen den Russen übergeben. Die Parole wirkte: alles, nur das nicht. Also ging das mörderische Spiel weiter. Am anderen Morgen – es muss um den 20. April gewesen sein, "Führers" Geburtstag (meinen achtzehnten am 11. April hatte ich vergessen) – wurden wir vom SS-Chef der Einheit angewiesen, uns an einem Bach in der Sohle zwischen zwei weit geschwungenen Äckern unsere Schützenlöcher zu graben. Eine hirnrissige Ortswahl. Oben hätten wir das bessere Schussfeld und die Chance gehabt, beim notwendigen Rückzug rasch zu entkommen. Vielleicht wollte er genau das: uns wie die Kaninchen abknallen lassen.