Die Geschichte vom Überfall auf den Berliner Apple Store machte selbst in New York Schlagzeilen. Nicht so sehr wegen der maskierten Räuber, die sich mit den Tageseinnahmen davonmachten, sondern weil die Amerikaner es kurios finden, dass die Deutschen ihre iPhones bar bezahlen. Es sei in Deutschland sogar üblich, berichtete der Finanznachrichtendienst Bloomberg, größere Anschaffungen mit einem Bündel Scheine zu bezahlen. Im Schnitt haben Deutsche rund 100 Euro in bar im Geldbeutel, fast doppelt so viel wie Amerikaner. Amerikaner hingegen zücken schon für einen Kaffee und ein Päckchen Kaugummi ihre Kreditkarte.

159 Millionen Amerikaner haben eine, die meisten gleich mehrere, mit deren Hilfe sie ihren Einkauf anschreiben lassen wie einst die Hausfrau beim Krämer. Zwar waren die Amerikaner nach der Krise zunächst zurückhaltender, inzwischen aber steht jeder Haushalt im Schnitt mit 5.700 Dollar in der Kreide, insgesamt sind die US-Verbraucher mit 3,2 Billionen Dollar so hoch verschuldet wie nie zuvor.

Amerikaner und Deutsche denken völlig anders, wenn es ums Schuldenmachen geht. Zum Beispiel kaufen die Deutschen weniger Häuser. Die Eigenheimquote liegt mit 43 Prozent deutlich unter den 65 Prozent der USA. In Amerika gehört eine Hypothek zum Erwachsenwerden, fast so wie der Führerschein. Wer eine hat, zeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann und will.

Die unterschiedliche Kreditkultur zwischen Deutschen und Amerikanern zeigt sich auch an der erbittert geführten Debatte über die Wege aus der Euro-Krise. Die Deutschen lehnen Eurobonds mit dem Argument ab, gemeinschaftliche Schulden führten nur dazu, dass Griechenland & Co. ihre Budgets noch mehr überziehen würden – und wir am Ende die Zeche zahlen dürften.

Die angelsächsisch geprägte Finanzindustrie hingegen beschwört die Chance, mithilfe von Eurobonds die Risiken zwischen reicheren und ärmeren Ländern zu teilen. Zudem hat EZB-Chef Mario Draghi – ein Italiener, der einst für Goldman Sachs arbeitete – den Ankauf von Staatsanleihen für 2015 in Aussicht gestellt. Sein Vorbild ist die US-Notenbank Fed, die seit 2009 für 3,5 Billionen Dollar Bonds gekauft hat, um die US-Konjunktur anzukurbeln. Doch weil Bundesbank-Präsident Jens Weidmann Anleihekäufe durch die Notenbank kategorisch ausschließt, ist das Verhältnis zwischen EZB und Bundesbank tief gespalten. Die Abneigung der deutschen Zentralbanker – schon Weidmanns Vorgänger Axel Weber wehrte sich gegen eine lockerere EZB-Politik – mag fachlich begründet sein, sie hat aber tiefere Wurzeln. In einer Rede 2012 zitierte Weidmann genüsslich Goethes Faust. Er wählte die Szene, in der der Kaiser klagt: "Ich habe satt das ewige Wie und Wenn; Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff’ es denn." Mephistos Antwort: "Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr." Doch das so geschaffene Papiergeld, das Gold durch Banknoten mit der Unterschrift des Kaisers ersetzt, führt zu Inflation und Chaos. Weidmann war nicht der Erste, der den Zusammenhang mit Faust bemühte. "Wie Goethes Meisterwerk Europa formen wird", lautete 2011 die Schlagzeile über einem Financial Times-Artikel, der den Deutschen eine verhängnisvolle "kulturelle Abneigung" gegen Kredite vorwirft. Verhängnisvoll deshalb, weil die Deutschen aus dieser moralischen Haltung heraus die Südeuropäer mit der "Peitsche des Gläubigers" in Deflation und Arbeitslosigkeit treiben würden. Schließlich stecke das Wort "Schuld" in Schulden, auch das fehlt in keiner angelsächsischen Abhandlung zum Thema.

Um die deutsche Abneigung gegen Kreditfinanzierung zu erklären, zitieren Amerikaner gerne aus der jüngeren Geschichte. Die bitteren Erfahrungen von Hyperinflation und Weimarer Republik steckten bis heute im kollektiven Unterbewusstsein der Deutschen fest. Dabei ist die Haltung der Amerikaner zu Schulden keineswegs unkompliziert. In den frühen Tagen der britischen Kolonie galten Schulden durchaus als sündhaft, und wer sich verschuldete, hatte persönlich und moralisch versagt. "Gläubiger haben ein besseres Gedächtnis als Schuldner", warnte Gründervater Benjamin Franklin, und die Prediger sprachen gerne vom Schuldturm der Hölle. Der war ihren Zuhörern oft nur allzu vertraut. Schulden und Konkurs begleiteten bereits die ersten Siedler.

"Optimistische Farmer nahmen Geld auf, um mehr Land, Geräte oder Vieh zu kaufen", sagt Bruce Mann, Historiker und Experte für Konkursrecht an der Harvard University. Statt erst über einen längeren Zeitraum ansparen zu müssen, konnten Entrepreneure dank des fremden Kapitals schneller wachsen. Und es waren nicht nur Mittellose, die sich verschuldeten. Im Gegenteil: Als Thomas Jefferson, federführender Autor der Unabhängigkeitserklärung, starb, hinterließ er einen Schuldenberg, der nach heutigen Maßstäben in die Millionen ging. Schulden spielen nach Manns Auffassung eine derart zentrale Rolle in den USA, dass er in seinem Buch "Republik der Schuldner" die Entstehungsgeschichte der USA anhand des Konkursrechts nachzeichnet.

Sein Paradebeispiel ist Robert Morris, Finanzier der Revolution, erster US-Finanzminister und reichster Mann Amerikas. Für Morris konnte Wirtschaft nur auf Pump wachsen, er hatte keine Hemmungen, geliehenes Geld für seine Zwecke einzusetzen. Am Ende verspekulierte er sich beim Landkauf und landete als Pleitier im Gefängnis. Der Kongress verabschiedete daraufhin ein Konkursrecht, und Morris kam wieder frei. Für Geschäftsleute wandelte sich der Schuldbegriff – sie verbanden die Pleite nicht länger mit persönlichem Versagen.