Mit einer Novellierung des Kulturschutzgesetzes will Staatsministerin Monika Grütters (CDU) in Deutschland gegen den Handel mit Raubgut vorgehen. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, lädt nun zusammen mit dem Deutschen Archäologischen Institut und dem Deutschen Verband für Archäologie am 11. und 12. Dezember zu einer internationalen Konferenz nach Berlin, auf der Kriminologen, Archäologen und Juristen aus der ganzen Welt über das "Kulturgut in Gefahr" beraten werden.

DIE ZEIT: Herr Parzinger, Sie leiten eine der größten Kultureinrichtungen der Welt, forschen aber auch als Archäologe. Sind Sie schon persönlich in Kontakt mit Raubgräbern geraten?

Hermann Parzinger: Als ich vor 15 Jahren einmal in Nordpakistan unterwegs war, schaute ich eines Tages in den Lauf einer Kalaschnikow. Wir hatten Raubgräber überrascht, die eine buddhistische Stupa plünderten. Die zogen da gerade die Votivgaben raus und haben uns recht schnell verscheucht. Man muss aber gar nicht in Krisengebiete wie den Irak, Syrien oder Afghanistan reisen, auch in Europa werden nachts Grabstätten mit Bulldozern geplündert. Raubgrabungen sind ein weitverbreitetes Problem überall auf der Welt. Die Plünderer interessieren sich oft nur für die vermeintlich wertvollen Objekte, andere archäologisch wichtige Stücke wie etwa Textilien werden einfach liegen gelassen oder zerstört. Der Schaden ist unermesslich.

Monika Grütters: Und unersetzlich. Weil die Räuber an den Fundorten auch die für die Forschung so wichtigen kulturellen Kontexte zerstören.

ZEIT: Bekommen Ihre Museen geraubte Antiken zum Kauf angeboten?

Parzinger: Öffentliche Museen in Deutschland sind nicht die Zielgruppe der Raubgräber, weil dort seit Jahren nicht mehr gekauft wird. Wir kennen die Bilder von antiken Stätten, die durchwühlt wurden und danach Schlachtfeldern gleichen, ein Loch neben dem anderen. Das dort gefundene Kulturgut muss auf dem Markt für private Sammler landen.

ZEIT: Wie schließen Sie als Museum aus, dass Ihnen nicht doch Raubgut unterkommt?

Parzinger: Bei Ankäufen, im Leihverkehr, aber auch bei Schenkungen halten wir uns an strikte Richtlinien: Archäologische Objekte, deren genaue Herkunft unbekannt ist, werden nicht angenommen oder behandelt.

ZEIT: Frau Grütters, Sie planen jetzt eine Novellierung des Kulturschutzgesetzes. Was genau wollen Sie da ändern?

Grütters: Bereits 1970 hatte die Unesco eine Konvention zum Kulturgutschutz verabschiedet, die in Deutschland leider erst im Jahr 2007 ratifiziert und in einem Kulturgüterrückgabegesetz umgesetzt wurde. Dort wurden relativ weiche Regelungen getroffen, was die Einfuhr von Kulturgut angeht. Wir haben dann 2013 festgestellt, dass es trotz zahlreicher Fälle keine Rückgabe aufgrund des Gesetzes gab.

ZEIT: Es wurde in den vergangenen sieben Jahren keine geraubte Antike in ihr Herkunftsland zurückgeführt?

Grütters: Das Gesetz ist nicht praktikabel. Obwohl es Beschlagnahmungen und durchaus berechtigte Ansprüche aus verschiedenen Ländern gegeben hat, ist kein Objekt zurückgeführt worden. Mit unserer Gesetzesnovelle werden wir nun einen Paradigmenwechsel einleiten, indem eine ausdrückliche Ausfuhrerlaubnis des jeweiligen Herkunftslandes erforderlich sein wird. Und auch eine verbesserte gesetzliche Regelung für Rückgaben ist in Arbeit.

ZEIT: Reagieren Sie damit auf Berichte über den "Islamischen Staat" und den Antikenschmuggel?

Grütters: Nein, die Novellierung ist schon lange geplant und vorbereitet. Der Handel mit Antiken aus dem Irak und Syrien ist durch EU-Verordnungen bereits seit 2003 beziehungsweise 2013 verboten. Die Entwicklungen der letzten Zeit haben aber sicher dazu beigetragen, das Problembewusstsein zu stärken und die Handlungsbereitschaft aller Ebenen zu erhöhen.

ZEIT: Bisher mussten Antiken in Ausfuhrverbotslisten der Herkunftsländer stehen, damit der deutsche Zoll sie beschlagnahmen lassen konnte.

Grütters: Das war praktisch ein untaugliches Verfahren. Länder, die über ein umfangreiches Kulturerbe verfügen oder die in Krieg und Krisen involviert sind oder kein funktionierendes Staatswesen haben, führen keine Listen über ihr Kulturgut.

Parzinger: Und woher soll ein Staat auch wissen, welche Objekte Räuber illegal ausgegraben haben. Was noch im Boden steckt, kann nicht gelistet sein.

ZEIT: Ist Deutschland denn bisher ein wichtiger Handelsplatz für geraubte Antiken?

Grütters: Da kann man nur mutmaßen, denn hier handelt es sich ja um eine Grauzone. Zumindest fällt auf, dass nur für wenige Objekte in Auktionskatalogen eindeutige Herkunfts- und Ausfuhrzertifikate vorliegen. Hier ist es notwendig, durch Regelungen jeden Verdacht abzuwehren, dass sich Deutschland als Drehscheibe für Hehlerware eignen könnte.