Nein, dies ist nicht der Platz, an dem mit der Linken ein paar tote Hühnchen zu rupfen sind. Wenn Bodo Ramelow am Freitag zum ersten ganz roten Ministerpräsidenten der Republik gewählt wird, dann hat nicht die SED einen späten Sieg errungen; dann ist das kein Verrat an der friedlichen ostdeutschen Revolution; dann wird auch Thüringen nicht alsbald zum Schlusslicht unter den Bundesländern. Nein, Ramelow wird das ganz gut machen, und wenn nicht, dann fliegt ihm seine Koalition schnell um die Ohren: Das Land würde sich zu wehren wissen gegen einen schlechten Regierungschef.

Das Problem bei dieser Wahl liegt nicht in Thüringen, es liegt in der fundamentalen politischen Fehldeutung, die mit ihr einhergeht. Viele halten Ramelows Wahl für eine Zwischenetappe der Linken auf ihrem Weg zur Normalisierung und zur Integration ins politische System. Kurzum: heute Erfurt und morgen Berlin.

Das aber ist gefährlicher Unfug.

Mit großer historischer Geste wird da behauptet, radikale Parteien würden durch Regierungsbeteiligung allmählich vernünftig und staatstragend oder eben in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Für das Verschwinden gibt es in der Tat viele Beispiele, für die erfolgreiche Integration nur ein einziges: die Grünen.

Bei ihnen haben sich in den achtziger Jahren viele Linksradikale gesammelt, die nach einigen Häutungsprozessen Landes- und Bundesminister wurden. Gelingen konnte das jedoch nur, weil die Grünen von Anfang an mehr waren als eine nach links verschobene SPD – nämlich das Sammelbecken für ein bis dahin im politischen System der Republik nicht vertretenes Menschheitsthema, die Ökologie. Darum verloren die Grünen bei ihrem Marsch in die Regierungen auch nicht ihren Existenzgrund. Ihr Rot verblasste zwar, das Grün jedoch blieb stark.

Ganz anders ist die Lage bei der Linken. Sie befindet sich im Parteienspektrum etwas links und etwas östlich von der SPD. Stimme des Ostens zu sein, das schützt die Linke, auch wenn sie Regierungsverantwortung übernimmt – aber eben nur im Osten. Bundesweit müsste sie fürchten, bei einem Weg nach rechts, also in Richtung SPD, unter der 5-Prozent-Hürde zu landen. Darum konnten alle Regierungsbeteiligungen der PDS beziehungsweise der Linken in den letzten zwanzig Jahren die innerparteiliche Spaltung zwischen De-facto-Sozialdemokraten und Linksradikalen nicht heilen. Vom legendären Münsteraner Chaos-Parteitag der PDS im Jahre 2000 über Gregor Gysis Rede über den Hass in seiner Fraktion von 2012 bis heute hat sich nichts, aber auch gar nichts geändert. Der Linksradikalismus der Linken ist offenkundig kein Übergangsphänomen, sondern Existenzbedingung dieser Partei. Deswegen auch muss Sahra Wagenknecht an der Spitze der Linken bleiben – und zwar so, wie sie ist. Auch Gysi braucht sie, weswegen er sie nicht besiegen darf.

Wer also nun behauptet, die neueste linke Regierungsbeteiligung würde endlich, endlich die Wende zur Realpolitik bringen, der träumt.

Dennoch tut sich etwas bei der Linken, allerdings etwas ganz anderes: Ihr Linksradikalismus veredelt sich nicht etwa zu Sozialdemokratismus, vielmehr verschmilzt er mehr und mehr mit dem erstarkenden deutschen Rechtspopulismus. Eine Woche nach Ramelows (mutmaßlicher) Wahl zum Ministerpräsidenten wollen führende Linke und Vertreter der rechtspopulistischen "Montagsdemos" gemeinsam vor dem Schloss Bellevue gegen den Bundespräsidenten und seine vermeintliche Kriegspolitik protestieren. Das ist alles andere als ein Wunder, schließlich musste der nationalpazifistische und radikal antiamerikanische Ansatz beide Gruppen irgendwann zusammenbringen. Auch die Begeisterung für Putin wird ganz links und weit rechts geteilt, ebenso wie die Ablehnung des Euro.

Nicht zuletzt ist die radikale Kritik an Israel ein fester Bestandteil der äußersten linken wie der rechtspopulistischen Milieus. Bei der Linken gibt es da immer wieder Skandale, die vor allem eines gemeinsam haben: Sie bleiben politisch folgenlos, die jeweils beteiligten Politikerinnen und Politiker behalten ihre Posten und werden zur Belohnung erneut für die Linke in den Bundestag geschickt. So war es jüngst nach dem "Klogate". Da musste Gysi vor extremen Israelkritikern, die seine linken Freundinnen selbst eingeladen hatten, auf das WC fliehen. Konsequenzen: keine. So war es schon 2010, als Sahra Wagenknecht und andere sich am Holocaust-Gedenktag im Bundestag nach der Rede von Schimon Peres nicht zum Schlussapplaus erheben wollten.

(Zum Vergleich: Als Jürgen Möllemann einst versuchte, mit antiisraelischen Tönen auf Stimmenfang für die FDP zu gehen, endete das mit seinem Rauswurf aus der Partei.)

Die Linke ist und bleibt eine Jekyll&Hyde-Partei. Man kann also an diesem Freitag durchaus Dr. Jekyll zu seiner Wahl gratulieren, ohne eine Minute zu vergessen, was Mr. Hyde gerade treibt. Nur eines kann man nicht: diese Wahl zur bundespolitischen Normalisierung der Linken verklären und gleichzeitig der Union weiterhin strikt verbieten, irgendwo mit der AfD zu koalieren.

Vielleicht kann man sich darauf einigen, Links- und Rechtspopulisten mit demselben Maß zu messen. Überzogene deutsche Israelkritik etwa spielt mit dem Antisemitismus, egal, von wem sie kommt. Und wer den Euro abschaffen will, der soll das ruhig in Parlamenten sagen, mitregieren sollte er eher nicht.

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