Sie nennen sich Patrioten und demonstrieren in der Dresdner Innenstadt gegen die Islamisierung des Abendlandes, gegen die Medien, gegen die Politik, seit Wochen schon, jeden Montag. Es sind Tausende, und sie rufen wütend: "Wir sind das Volk." Wir.

Anlass genug für eine Geschichte über Wut und Deutschsein.

Es gab eine Zeit, da herrschte eine stumme Wut unter den Deutschen. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg, sie fühlten sich besiegt und gedemütigt, sie fühlten Scham, beschwiegen ihre Schuld. Im Westen hatten sie bald eine Bundesrepublik, die bot aber keinen Gründungsmythos, der froh machte oder gar stolz. Der Osten wurde stalinistisch beherrscht und nannte sich antifaschistisch; an seinen Gründungsmythos mochten die meisten bald nicht mehr glauben. Deutschsein trug damals einen schweren, muffigen Mantel.

Dann traten im Westen die wütenden Kinder der Kriegsgeneration auf. Zum Glück, denn am Abendbrottisch konnten ihre Eltern die Fragen nach dem Krieg und dem Völkermord nun nicht länger umgehen, denen sie so lange ausgewichen waren.

Und als ob das nicht gereicht hätte, kamen die ersten Ausländer nach Deutschland, "Gastarbeiter", die man brauchte, aber nicht als Mitbürger wollte. Deutschland sei kein Einwanderungsland, sagten die Konservativen. Den Fremdenhass hätten die Deutschen in ihren Genen, sagten die Linken. Man habe sich noch nicht ausbeschäftigt mit sich selbst, man sei sich selbst fremd genug, da störten die Fremden nur.

Wieder waren eine Menge Leute lange sehr wütend.

Wer zur Nation gehören will, muss sich deren Essenz aneignen

Dann fiel die Mauer, und während die Deutschen sich zum ersten Mal etwas Entspannung mit sich gönnten, wurden ein paar andere Deutsche wütend – die Türken. Denn sie durften in den schönen neuen Klub nicht hinein. Sie mussten sich hinten anstellen, obwohl die Ossis doch später hinzugekommen waren, oder?

Eine Menge Wut für nur ein paar Jahre Deutschland.

Und jetzt, 25 Jahre später? Auf einmal sind die Deutschen nicht mehr wütend auf sich und ihr Land. Forscher des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) haben 8.200 Bürger nach dem Deutschsein befragt und herausgefunden, dass die meisten Deutschland mögen, ja sogar lieben. Das liege vor allem an der Wiedervereinigung, schreiben die Forscher, die den Zweiten Weltkrieg als nationales Identifikationsereignis abgelöst habe. Die Deutschen hätten den schweren Mantel abgelegt.

Ein zweites Ergebnis der Studie lautet: Die Deutschen finden, dass Deutschsein nicht mehr davon abhängt, ob jemand deutsche Vorfahren hat. Spricht einer Deutsch, hat er den deutschen Pass, dann ist er eben Deutscher. Punkt.

Pragmatisch, praktisch, deutsch, und das zu einer Zeit, in der innerer und äußerer Druck schwer auf dem Land lasten. Euro-Krise, Energiewende, ringsumher Kriege, die Suche nach einer neuen Rolle Deutschlands in der Welt – und ja: so viel Einwanderung wie seit der Zeit der Nachkriegswut nicht mehr. Allein im vergangenen Jahr kamen 465.000 Zuwanderer ins Land, darunter mehr als 125.000 Flüchtlinge, die Asyl beantragt haben. Die Zahlen werden noch steigen, weil Bürgerkriege und Krisen wie in Syrien, Irak, Afghanistan oder in der Ukraine andauern werden. Und weil Deutschland stark und als Einwanderungsland beliebt geworden ist. Beliebter sind nur noch die USA.

Das ist nicht nur gut für diejenigen, die zu uns kommen. Es ist auch, ja vor allem gut für Deutschland. Wir können den Flüchtlingen eine Zeit lang Sicherheit und vielleicht ein neues Zuhause bieten. Und da die Deutschen immer weniger Kinder bekommen, kommen ihnen die Einwanderer wie gerufen. Statistiker haben errechnet, dass Deutschland jedes Jahr etwa 400.000 Zuwanderer braucht, um sein wirtschaftliches Niveau zu halten. Derartige Erkenntnisse gehören mittlerweile zum Allgemeinwissen der Mehrheit, und das nach den hitzigen Debatten um Ehrenmorde und Parallelgesellschaften, nach Sarrazin, nach den antiislamischen Zusammenrottungen von Hooligans und alldem.

Können wir uns jetzt also endlich einmal zurücklehnen und den Film genießen?

Nicht ganz. Denn die BIM-Studie ist nicht durchgängig eine erbauliche Lektüre. Die Deutschen, die sich selbst mit neu entdeckter Sympathie begegnen, pflegen zugleich eine besondere Antipathie: gegen Muslime. Ausgerechnet jetzt, da sie in Scharen zu uns kommen. Die Mehrheit der Befragten, denen die deutsche Identität besonders wichtig ist (46 Prozent), lehnt den Bau von Moscheen ab (55 Prozent) sowie die Beschneidung von Jungen (68 Prozent). Ein Fünftel aller Befragten findet es überhaupt unverschämt, wenn Muslime Forderungen an die Gesellschaft stellen. Die sollen mal froh sein, dass sie hier sind – wer hat den Spruch noch nicht gehört? Mit anderen Worten: Die Stimmung ist labil, sie kann durchaus kippen. Vielleicht glimmt da sogar noch Wut.