Gute Nachrichten kommen derzeit eher selten aus dem östlichen Teil Europas. Auch deshalb war die Erleichterung im Westen groß, dass die Wahl in der Republik Moldau friedlich verlaufen ist. Sie scheint sogar, jedenfalls aus europäischer Sicht, das richtige Ergebnis gebracht zu haben. "Moldau wählt proeuropäisch", so lauteten die Schlagzeilen am Tag danach. Erst im Sommer hatte die bisherige Regierung ein weitreichendes Abkommen mit der EU unterzeichnet – ähnlich dem, für das in der benachbarten Ukraine Hunderttausende auf dem Maidan demonstriert hatten.

Das kleine Moldau mit seinen dreieinhalb Millionen Einwohnern ist normalerweise kein Schauplatz, der besondere Beachtung findet. Doch seit Wladimir Putin wieder nach Einflusssphären sucht, ist auch Moldau ins Blickfeld gerückt. Im Wahlkampf standen sich proeuropäische und prorussische Parteien gegenüber; letztere warben dafür, das Abkommen mit der EU wieder aufzukündigen.

Und nun? Nun hat sich das Land vermeintlich entschieden: für eine weitere Annäherung an die Europäische Union und dagegen, sich wieder enger an Moskau zu binden. Doch das Ergebnis der Wahl ist längst nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint.

Im neuen Parlament verfügt die bisherige, proeuropäische Regierung zwar weiterhin über eine Mehrheit. Aber die Mehrheit der Wähler hat sie, anders als vor vier Jahren, nicht mehr hinter sich. Ihren Sieg verdankt sie letztlich dem Wahlrecht, das eine Sechs-Prozent-Hürde vorsieht. Die meisten Stimmen gewann die Sozialistische Partei, die auf ihren Plakaten mit dem Konterfei von Wladimir Putin warb. Das Wahlergebnis spiegelt eher die Unentschiedenheit des Landes wieder, als dass es eine klare Entscheidung wäre.

Außerdem werfen die Umstände der Wahl einen Schatten auf den vermeintlichen Erfolg der EU-freundlichen Parteien. Im Wahlkampf hatte Renato Usatii, ein dubioser Geschäftsmann, für Furore gesorgt. Usatii verfügt über enge Kontakte nach Russland und wollte bei der Wahl mit seiner eigenen Partei antreten (siehe ZEIT Nr. 49/14). Doch drei Tage vor der Wahl wurde die Partei ausgeschlossen mit der Begründung, es lägen Hinweise auf eine illegale Wahlkampffinanzierung durch Moskau vor. Der Zeitpunkt deutet eher auf politische Motive als auf gesicherte Erkenntnisse. Ohnehin gilt die Justiz als hochgradig korrupt.

Die Wahlbeobachter der OSZE jedenfalls haben den Ausschluss Usatiis kritisch vermerkt, genauso wie die Benachteiligung der in Russland lebenden Moldauer. Dort hatten die moldauischen Behörden für mehrere Hunderttausend Landsleute lediglich fünf Wahllokale vorgesehen. Innerhalb der EU, wo ebenfalls eine große Zahl Moldauer lebt, standen dagegen mehr als 80 Wahllokale zur Verfügung. Auch das ist eine Form der Manipulation, für die letztlich die moldauische Regierung verantwortlich zeichnet. Die Europäer tun sich keinen Gefallen, wenn sie hierüber mit freundlichen Worten hinweggehen, wie es der deutsche Außenminister getan hat. "Gut organisiert" sei die Wahl gewesen, so Steinmeier, und überhaupt "erfreulich". Wer so spricht, macht es seinen Gegnern leicht. Denn die offensichtlichen Unregelmäßigkeiten sind Argumente, die die russische Führung jederzeit gegen die künftige moldauische Regierung – und gegen ihre Unterstützer in der EU – verwenden kann.

Das ist die Crux für die Europäer in einem Land wie Moldau: Auch die vermeintlichen Freunde sind oft fragwürdige Gesellen. Der Riss zwischen aufrechten Reformern und korrupten Eliten verläuft in Moldau quer durch die proeuropäischen Parteien. In der Vergangenheit hat die EU oft beide Augen zugedrückt und damit ihren Gegnern, auch in Moskau, erst recht in die Karten gespielt. Diesen Fehler sollte sie nicht wiederholen.

Länder, die den Weg nach Europa einschlagen, müssen wissen, dass demokratische Standards, der Kampf gegen Korruption und die wirtschaftliche Entwicklung zusammengehören. Dieser Weg ist anstrengend, aber eine Abkürzung gibt es nicht. Nachsicht hilft nicht – auch das kann man am Beispiel Moldau lernen.