Die Bibliothek der Universität von Aligarh besucht man am besten bei Nacht. Sie hat bis zwei Uhr morgens geöffnet, in den beiden großen Lesesälen sitzen die Studenten schweigend über ihren Büchern und Papieren, ein imposanter Anblick von Eifer und Ruhe. Ein paar Stunden vorher, tagsüber, waren die Lesenden draußen auf dem Campus, an der Bude, wo in der Pause zwischen den Seminaren aus kleinen Plastikbechern süßer, milchiger Tee getrunken wird, auf den Rücksitzen der Fahrradrikschas, in denen man sich altmodisch-herrschaftlich über das Gelände fahren lässt. Aber zwischen Tag und Nacht ist mit den Studierenden der Aligarh Muslim University (AMU) etwas passiert. Eine Hälfte ist verschwunden – die weibliche Hälfte.

Die Studentinnen gehen nach dem Gebetsruf bei Sonnenuntergang in ihre Quartiere. Zur Zentralbücherei haben sie ohnehin keinen Zugang; sie sollen im Frauen-College lesen. Aus Platzgründen, wie es heißt, aber auch, weil die Universitätsleitung bei einer Mischung der Geschlechter während der Lektüre unerwünschte Ablenkung fürchtet. Nachts in der Bibliothek sitzen nur junge Männer.

"Unsere Universität hat eine islamische Geschmacksnote", sagt der Rektor, Zamir Uddin Shah. Shah ist von Hause aus kein Akademiker, sondern Soldat, mit dem typischen Schnurrbart des orientalischen Militärs; er war Generalleutnant, stellvertretender Chef des Armeestabes, der zweithöchste Offizier seines Landes. Seit 2012 leitet Shah die Universität in Aligarh, die im 19. Jahrhundert gegründet wurde, um den indischen Muslimen den Zugang zu moderner Bildung und Wissenschaft zu eröffnen. Der Rektor, der die Studentinnen nicht in der Bibliothek haben will, ist gleichzeitig fortschrittsbegeistert wie ein Junge am Chemiebaukasten; er erhofft sich von seiner Hochschule in den nächsten Jahren Impulse zu Nanotechnologie, Abwassermanagement und Pflanzenzüchtung: "Tomaten, die dreimal so groß sind wie heute." Aber nicht weniger wichtig ist ihm ein Programm, das die Absolventen von Madrassas, von islamischen Koranschulen, mit Brückenkursen studierfähig macht und in die normale akademische Ausbildung integriert. "Ich sage mit Stolz", erklärt Rektor Generalleutnant Shah, "dass ich selbst das Produkt einer Madrassa bin." Er ist der lebende Beweis, dass ein Muslim es in Indien, dem Land mit hinduistischer Mehrheit, bis ganz nach oben schaffen kann.

Wie Indiens Muslime sich selbst und ihr Land sehen, wie aufgehoben oder entfremdet sie sich unter ihren Mitbürgern fühlen, wie sie auf das Schicksal ihrer Religion und ihrer Glaubensbrüder im Mittleren Osten und weltweit blicken – das ist heute eine drängende Frage. Kürzlich hat Al-Kaida die Gründung eines Ablegers auf dem indischen Subkontinent bekannt gegeben. Einzelne indische Muslime haben sich zwar den Milizen des "Islamischen Staats" im Irak und in Syrien angeschlossen, einige sind auch auf dem Weg dorthin festgenommen worden. Doch bislang haben Terrorgruppen unter indischen Muslimen keinen großen Erfolg gehabt; im Mittleren Osten kämpfen weit mehr Dschihadisten aus Europa als aus Indien. Das Land hat einen der furchtbarsten Anschläge nach dem 11. September 2001 erlebt: das Blutbad mit 166 Toten, das islamistische Terroristen im November 2008 in Mumbai anrichteten. Aber das Massaker war das Werk einer pakistanischen Gruppe. Die "einheimischen" indischen Terrorzellen sind klein und vergleichsweise ineffektiv geblieben. Doch was ist, wenn die Militanz doch stärker nach Indien übergreift, mit neuen spektakulären Anschlägen oder frischer ideologischer Anziehungskraft? In den vergangenen Wochen hat die Polizei Terrorpläne im ostindischen Bengalen aufgedeckt. Indiens rund 180 Millionen Muslime, Bürger einer pluralistischen, nicht westlichen Demokratie, sind einer der wichtigsten Testfälle für die Zukunft des Islams.

"Die indischen Muslime", sagt Rektor Shah, "sind genauso gute Bürger wie alle anderen." Doch die muslimischen Studenten in Aligarh kennen den Verdacht, den viele Hindus gegen sie hegen: dass ihr Patriotismus irgendwie zweifelhaft sein könnte. Dass ihre Sympathien und ihre Loyalität anderswo liegen, im Ausland, in der Ferne: in Mekka oder bei den Palästinensern oder bei Terroristen wie dem Al-Kaida-Chef Al-Sawahiri. Der Islam, anders als der Hinduismus, ist eine internationale Religion, seine Gläubigen bilden eine grenzüberschreitende Gemeinschaft, und das ist in den Augen nationalistischer Hindus unheimlich und verdächtig.

Der Jura-Student Fawaz Shaheem findet es "eine Zumutung, dass wir immer diese Frage beantworten müssen, ob wir zuerst Muslime oder zuerst Inder sind". Für ihn besteht dazwischen kein Widerspruch, seine Religion ist international, aber Politik ist national, da will er keine Spezialfreundschaft zu anderen Staaten, nur weil sie sich islamisch nennen: "Die Interessen des Irans oder von Saudi-Arabien sind bestimmt nicht die Interessen Indiens." Wir sitzen auf dem Rasen vor der Bibliothek, Fawaz ist mit einem halben Dutzend Kommilitonen und Freunden gekommen, die Stimmung ist entspannt; Fawaz ist ein selbstbewusster, eloquenter junger Mann, man kann sich seine künftigen Erfolge als Anwalt im Gerichtssaal gut ausmalen. Doch selbst er sagt, dass jeder Muslim in Indien Diskriminierung erlebe. Dass eine Bewerbung weniger Chancen habe, wenn der Name des Absenders islamisch klinge. Dass die Polizei in Muslimen schneller Verbrecher sähe und sie ruppiger behandele als andere Inder.

Als wäre Oxford auf einem fliegenden Teppich nach Osten versetzt worden

Seit ein paar Monaten hat das Land nun einen Regierungschef, Narendra Modi, der einer offen islamfeindlichen Hindu-Bewegung angehört. Fast durchgängig haben die Muslime, aus allen sozialen Schichten, in allen Regionen des Landes, in den Städten wie auf dem Land, geschlossen gegen ihn gestimmt, aber das hat am überwältigenden Sieg Modis nichts geändert. "Bei dieser Wahl", sagt Fawaz, "hatten Indiens Muslime zum ersten Mal das Gefühl, dass es auf sie nicht ankommt." Die Minderheit hat ihre politische Ohnmacht erlebt. Man muss befürchten, dass indische Muslime sich nun noch weniger zu Hause fühlen. Radikale Organisationen, die neue Anhänger werben wollen, können auf einen Modi-Effekt hoffen.