Als Basel daran erinnerte, dass die Stadt seit 20 Jahren kontrolliert Heroin an Schwerstsüchtige abgibt, gingen einzelne Augenbrauen in die Höhe: Das sei doch kein Grund zum Feiern. Stimmt. Aber es ist ein passender Anlass, an die Zeit vor der Heroinabgabe zurückzudenken: an die unzähligen Drogenabhängigen, gestorben an unsauberen Spritzen, gestrecktem Stoff, Infektionen, Hepatitis und HIV. Wer den Ausstieg nicht schaffte, beendete seine Drogenkarriere meist mit einem elenden Tod. Heute kommen die ersten Langzeitüberlebenden ins Pensionsalter. Menschlich ist das ein eindrücklicher Erfolg in der Schweiz.

Die Kehrseite davon: Wir nehmen nicht mehr wahr, dass der Markt für Heroin und andere Drogen immer noch existiert. Das Drogenproblem ist nicht mehr sichtbar wie zu Platzspitz-Zeiten, Heroin nicht mehr ein wachsendes Problem – auch wegen seines Rufs: In der Szene ist das Opiat eine Verliererdroge. Es ist Stoff für Patienten, nicht für Rebellen. Nur: Damit übersehen wir die Schäden der Prohibitionspolitik in der gesamten Welt. Wir übersehen die Kollateraltoten unserer Drogenpolitik.

Weltweit werden mit Drogen 280 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftet. Die Schweiz steht da nicht abseits: Die Zollverwaltung schätzt den Gegenwert der Drogenimporte auf 1,2 Milliarden Franken. Der Endpreis dürfte dreimal höher liegen. Das Fedpol sieht beim Markt für Amphetamin und andere synthetische Drogen "ein beträchtliches Potenzial". Es ist Big Business. Dirty und big, aber Business alleweil. Und ein idealer Nährboden für vor- und nachgelagerte Kriminalität. Nicht nur in den Absatzmärkten wie der Schweiz, sondern auch in den Produktions- und Durchgangsländern.

In Mexiko beispielsweise haben seit 2006, als der Drogenkrieg ausgerufen wurde, Zehntausende Mensche ihr Leben verloren, weitere Zehntausende gelten als vermisst. Die Ermordung der 43 Studenten im Auftrag eines Bürgermeisters und seiner Frau steht dabei fast sinnbildlich für die unerhörte Korruption staatlicher Behörden: Sie schauen weg, sind überfordert oder machen gleich gemeinsame Sache mit Drogenkartellen. Dabei ist Mexiko nur das Produktionsland für Cannabis und Durchgangsland für Kokain. Zielmarkt sind die USA. Die Erlöse für die Drogenkartelle in Mexiko und Kolumbien erreichen die Höhe von jährlich Dutzenden Milliarden Dollar. Mit dem Drogengeld wird auch der weltweite illegale Handel mit Waffen für Terrorgruppen aller Art finanziert. Der IS und die Taliban sind besonders erfolgreich.

Ausgerechnet in den USA bröckelt nun das harte Verbot von Cannabis. Kalifornien ging voran und öffnete eine Türe zur Entkriminalisierung. Weitere Bundesstaaten folgten, zuletzt Alaska und Oregon. Das Bemerkenswerte daran: Die Kriminalität geht deutlich zurück, die Qualität und damit Berechenbarkeit der Droge steigen, die Beimischung gefährlicher Beiprodukte sinkt. Auch republikanische Politiker sehen Gutes in der Entwicklung. Was bürgerliche Politiker hellhörig machen sollte. Nicht nur wird es ein legales Business, an dem der Staat teilhat: Auch die Strafverfolgungsbehörden und die Sozialbehörden werden entlastet. Die Cannabis-Entkriminalisierung ist sogar interessant für die Landwirtschaft – und in den Zulieferländern hilft es die Drogenkriminalität eindämmen.

Um die Zustände in Staaten wie Mexiko oder Kolumbien nachhaltig zu verbessern, brauchte es aber mehr: zuerst das Eingeständnis, dass der Drogenkrieg wie die Prohibition in den 1930er Jahren gescheitert ist. Und dass auch die Schweiz nolens volens eine Mitverantwortung an den Kollateraltoten des Drogenkrieges trägt. Davon aber sind wir noch weit entfernt. Leider.