DIE ZEIT: Herr Köhler, der NSU-Prozess in München hatte noch nicht einmal begonnen, da wurden schon die ersten Theaterstücke zu dem Thema aufgeführt. Inzwischen sind etwa ein Dutzend Stücke entstanden. Was fasziniert Theaterleute so an diesem Stoff?

Tilmann Köhler: Als der NSU vor drei Jahren aufflog, sind wir alle erschrocken. Dieser Moment der Ohnmacht ist wie gemacht fürs Theater. Zumal der NSU bis heute Rätsel aufgibt. Das Besondere ist: Diese Rätsel werden nicht weniger, sie lösen sich nicht auf. Je mehr wir über Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe erfahren, umso weniger begreifen wir. Es werden immer mehr Fakten zusammengetragen, aber wir können uns die Zusammenhänge nicht erklären. Das ist das Paradoxe, und genau das ist auch ein Thema fürs Theater.

ZEIT: Worum geht es nun in Ihrem Bühnenstück mein deutsches deutsches Land, das an diesem Donnerstag in Dresden uraufgeführt wird und bei dem Sie Regie führen?

Köhler: Es zeigt, wie die drei Täter sich radikalisieren, während Ermittler versuchen, ihnen auf die Schliche zu kommen – dabei aber von Verfassungsschützern und Politikern behindert werden. Mehr als 30 Figuren treten in dem Stück auf. So viele braucht es auch. Wir wollen die ganze Komplexität zeigen. Wir hinterfragen: Wer hat den NSU möglich gemacht? Warum konnten diese drei Täter jahrelang unbemerkt hier in Sachsen leben?

ZEIT: Wieso heißen die Terroristen bei Ihnen nicht Uwe, Uwe und Beate?

Köhler: Weil es uns nicht so sehr um diese drei Charaktere geht. Ehrlich gesagt, möchten wir sie auch nicht noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Mehr als die Terroristen interessiert uns, warum sie ihre Taten verüben konnten. Welches System hat sie geschützt?

ZEIT: Diese Frage beschäftigt das Münchner Oberlandesgericht, vor dem etwa Beate Zschäpe angeklagt ist, sowie mehrere Untersuchungsausschüsse. Was können Sie erklären, was diese Institutionen nicht klären können?

Köhler: Der Vorteil im Theater ist: Wir dürfen Fakten und Fiktives mischen. Wir dürfen selbst Erklärungen finden. Und das machen wir auch. Wir zeigen einen Innenminister, der die Anzahl rechtsradikaler Übergriffe schönt, damit nicht offenbar wird, dass seine Anti-Neonazi-Maßnahmen die falschen waren. Wir zeigen Verfassungsschützer, die gar nicht wollen, dass der NSU auffliegt – weil sonst auch die V-Männer aufflögen, die sie seit Jahren so pampern. Wir versuchen, die Tatsachen aus den NSU-Ermittlungen in einen Zusammenhang zu bringen.

ZEIT: Sie spekulieren. Ist das legitim?

Köhler: Im Theater schon, Gott sei Dank. Es macht mich richtig wütend, dass die Geschichte der NSU-Ermittlungen bislang so erzählt wird, als sei sie eine Serie großer Pannen und Missverständnisse gewesen. Ich glaube das nicht. Es kann gar nicht sein. Selbst der Thüringer Untersuchungsausschuss kommt zu dem Ergebnis: Man muss annehmen, dass das Ermittlungsversagen einer Systematik folgte. Dass es nicht nur eine Reihe von dummen Zufällen war, die zu dem Totalversagen der Behörden führte. Wir wissen etwa nicht, was genau in den Akten des Verfassungsschutzes stand, die kurz nach dem Auffliegen des NSU geschreddert wurden. Es fehlen so viele Antworten. Also suchen wir selbst welche.

ZEIT: Sie und Thomas Freyer, der Autor des Stücks, sind in den Neunzigern in Thüringen aufgewachsen, genauso wie das NSU-Trio. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Köhler: Thomas und ich, wir haben uns im Alter von 16 oder 17 Jahren in Gera kennengelernt. Das war eine haltlose Zeit damals. Wir waren in ein System hineingeboren, das dann bald zusammenbrach. Aber in dem neuen System kamen die Eltern und Lehrer um uns herum auch nicht so richtig an. Dieses Lebensgefühl, dieses Verlorensein von damals, kenne ich gut. Trotzdem weigere ich mich, die Radikalisierung als zwangsläufige Folge einer verkorksten Kindheit zu betrachten.

ZEIT: Wie erklären Sie diese Radikalisierung?

Köhler: Die wichtigste Frage ist aus meiner Sicht nicht: Wir wurden Mundlos und Böhnhardt zu Tätern? Sondern: Warum hat niemand gemerkt oder merken wollen, wie sie sich entwickeln? Das hat etwas damit zu tun, dass die neunziger und die nuller Jahre auch eine Zeit des schönen Scheins waren, des Übertünchens. Viele wollten ein paar Sachen nicht wahrhaben. Wenn in Gera Rechtsradikale andere Jugendliche verprügelten, dann galt das damals nicht als Übergriff von Rechtsradikalen. Sondern als Schlägerei unter rivalisierenden Jugendbanden. Man wollte das Bild dieser Stadt schützen.

ZEIT: Haben Sie das damals schon so gesehen, oder wird Ihnen das heute erst bewusst?

Köhler: Mir war damals klar, dass da rechtsradikale Tendenzen nicht offenbar werden sollten. Bis heute betrachten viele den NSU ausschließlich als grausame Dreierbande – als Gruppe wild gewordener Einzeltäter, die zufällig allen entwischt sind. Es wird gern so getan, als gäbe es kein rechtsradikales Netzwerk. Dabei wissen wir heute, dass in der rechtsextremen Szene schon Lieder für den NSU kursierten, noch bevor dieser aufgeflogen ist. Und was passiert heute? Neuerdings demonstrieren immer montags Tausende in Dresden gegen die angebliche Islamisierung. Aber die Dresdner würden zu gern glauben, dass das keine Neonazis sind, sondern unzufriedene Bürger.

ZEIT: Sie meinen die sogenannten Pegida-Demos ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes"). Was sollen die mit dem NSU zu tun haben?

Köhler: Vergangene Woche habe ich so eine Demo gesehen. Da hielt jemand ein Schild in die Höhe, auf dem stand: "Heimatschutz statt Islamisierung". Heimatschutz hieß auch das rechtsradikale Netzwerk, in dem die drei NSU-Täter groß wurden. Ich glaube nicht daran, dass diese Doppelung zufällig passiert ist. Wer bei so einer Demo mitläuft und so ein Wort benutzt, der weiß, warum er das macht. Es sind wieder Neonazis, die da zu Tausenden auf den Straßen stehen. Und die Dresdner gucken und wundern sich. In jeder anderen Großstadt Deutschlands hätte es längst eine riesige Gegendemonstration gegeben. Hier nicht. Ich habe das Gefühl, die Rechtsextremen wollen sich in der Mitte der Gesellschaft wieder Platz machen – ähnlich wie früher in den neunziger Jahren. Damals hat keiner richtig hingesehen. Heute darf uns das nicht wieder passieren.