Einer meiner Kollegen im Kreis der ARD-Intendanten hatte mich kurz nach meinem Amtsantritt beim WDR gewarnt: "Sie sind in einen Berufsstand eingetreten, der von den Medienkritikern in der Presse als träge, überbezahlt und kreativitätsverhindernd gebrandmarkt wird. Wenn mal eine Produktion gelobt wird, dann beginnt der Artikel garantiert mit einem Satz wie: ›Erstaunlich, dass so eine innovative Idee ihren Weg ins Programm gefunden hat. Da muss den Bürokraten wohl etwas durchgerutscht sein, sonst hätten sie es bestimmt verhindert.‹ " Wir haben beide gelacht – über das Klischee, das über unsere Sender verbreitet wird, und über das Klischee vom schlecht gelaunten, voreingenommenen Medienkritiker.

Das Lachen ist mir zum Glück immer noch nicht vergangen. Aber ich habe oft an die Worte des Kollegen gedacht. Als Verwaltungs-Außenseiter in die Intendanten-Verantwortung zu kommen war eine gewisse Erschwernis, hatte aber einen Vorteil: Ich kam mit dem unbefangenen Blick eines Journalisten, der nicht nur die Zwänge des Apparates sieht, sondern auch das große Ganze. Aus dem Fenster meines Büros in der Kölner Innenstadt blickt man derzeit auf ein halbes Dutzend gelber Kräne, die über die Dächer der Domstadt hinweg schwere Lasten zu einer Großbaustelle befördern und für mich eine metaphorische Kraft entfalten. Denn auch der Sender, bei dem ich nach dem Studium meine Ausbildung zum Redakteur absolvierte und dessen Gesamtverantwortung ich nun trage, befindet sich in einem Umbau – dem vielleicht größten Umbau seiner Geschichte. Der WDR und der öffentlich-rechtliche Rundfunk insgesamt stehen vor enormen programmlichen, finanziellen und legitimatorischen Herausforderungen.

Die Angriffe auf unser öffentlich-rechtliches System durch manche Verleger, private Rundfunkanbieter, globale Medienkonzerne und andere Interessengruppen erscheinen mir immer mehr wie ein Kampf aller gegen alle. Jean-Jacques Rousseau bezeichnete diesen Kampf, natürlich bezogen auf eine gesamte Gesellschaft, als Naturzustand. Um diesen Zustand zu überwinden, können wir uns als öffentlich-rechtlicher Rundfunk nicht mehr rückwärtsgewandt begründen, sondern müssen uns vorwärtsgewandt neu legitimieren. Dafür bedarf es eines gesellschaftlichen Dialoges darüber, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk leisten soll, wie viel davon und was er uns wert ist. Am Ende dieses Dialoges sollte ein Konsens im Sinne eines Gesellschaftsvertrages stehen. Um für den Beitritt zu einem solchen Gesellschaftsvertrag zu werben, müssen wir als Erstes beweisen, dass wir uns aus eigener Kraft reformieren können. Und reden wir nicht drum herum: Reformieren heißt auch – sinnvoll schrumpfen.

Hierzu erst einmal eine Klarstellung. Seit der Umstellung des Gebührenmodells auf den neuen Rundfunkbeitrag heißt es immer wieder, es würden viele Millionen Euro mehr in unsere Kassen fließen. Das ist falsch. Die Mehreinnahmen landen auf einem Sperrkonto und dienen dazu, dass zum ersten Mal überhaupt der Rundfunkbeitrag gesenkt wird – während gleichzeitig die Löhne und die Preise für Produktionsmaterial steigen. Der Eindruck des Wachstums hat auch damit zu tun, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten ständig neue Aufgaben geschultert haben. Gerd Ruge, dem wir kürzlich den Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk verliehen haben, musste zu Beginn seiner Korrespondentenkarriere nur die tagesschau um 20 Uhr mit Nachrichtenbeiträgen beliefern. Irgendwann kamen die tagesthemen und das Nachtmagazin hinzu. Dann eine ganze Reihe von Ausgaben der tagesschau am Mittag und am Nachmittag. Heute gehen unsere Korrespondenten in Moskau, Washington oder Brüssel in Krisenzeiten von morgens bis spätabends auf Sendung, auch für Schalten auf Phoenix, in den dritten Programmen und den Digitalkanälen wie Tagesschau24. Ich habe mitgearbeitet, als während des ersten Golfkrieges das ARD-Morgenmagazin aus der Taufe gehoben wurde. Schon damals war klar, dass die dafür geschaffenen Stellen anderenorts eingespart werden müssen.

So entstand eine gesplittete Erfahrung. Nach innen ist es seit Jahrzehnten ein ständiger Sparkurs, verbunden mit Arbeitsverdichtung und Mittelverknappung; nach außen sieht es nach Ausweitung aus. Jetzt sind wir aber an einem Punkt angekommen, an dem wir ehrlich sein müssen. Wir müssen uns fragen, was wir noch leisten können und sollen. Das Finanzloch ist einfach zu groß. Für den WDR musste ich einige schmerzhafte Entscheidungen treffen. Wir werden in den kommenden Jahren 500 Stellen abbauen, das hat es noch nie gegeben. Das reicht nicht. Gleichzeitig sind wir in allen Bereichen zu riesigen Budgetkürzungen gezwungen. In den Folgejahren sieht es nicht besser aus. Eine Verschlankung in diesem Ausmaß funktioniert nicht, ohne dass unser Publikum sie im Programm sieht und hört. Nur ein Beispiel aus dem WDR: Statt elf Lokalzeiten aus elf Sendegebieten Nordrhein-Westfalens gibt es samstags bald lediglich eine Lokalzeit-Gesamtausgabe für das ganze Sendegebiet.

Nicht nur unser Publikum, sondern auch bestimmte gesellschaftliche Interessengruppen werden von lieb gewonnenen Ansprüchen Abschied nehmen müssen. Bei jeder Veranstaltung, auf der ich den WDR nach außen vertrete, bekomme ich ein Dutzend Visitenkarten zugesteckt, verbunden mit tollen Ideen und Anliegen, was der WDR noch alles machen könnte – von einer neuen Sendung bis zur Kulturpartnerschaft. Schon jetzt ist der WDR der größte Kulturveranstalter Nordrhein-Westfalens, Deutschlands und wahrscheinlich Europas. In unserem Bundesland finden jährlich rund 300 Konzerte unter Beteiligung des WDR statt.

Dieses Engagement – im Programm und weit darüber hinaus – ist uns lieb und teuer. Was passiert, wenn man Wertvolles und Teures hinterfragt, erlebt gerade mein Kollege vom SWR. Das Vorhaben, zwei finanziell gefährdete Orchester zu fusionieren, um das eine langfristig zu sichern, löste einen bundesweit vernehmbaren Schrei der Entrüstung aus. Beim WDR bekomme ich schon für moderate Kürzungen im Kulturbereich Protestbriefe und kritische Artikel – auch in der ZEIT. Als ich nach meinem Amtsantritt feststellte, dass wir in den Nachkriegsjahrzehnten – sicher in bester Absicht – eine umfangreiche Kunstsammlung aufgebaut hatten, beschloss ich, große Teile davon zu verkaufen. Jetzt wollen einzelne Abgeordnete, dass der Landtag darüber debattiert. Der Landtag!

Egal wo wir sparen, es hagelt Proteste. Jeder Film, jede Produktion, die nicht mehr bezahlt, also auch nicht mehr beauftragt werden kann, löst bei den Dienstleistern, die davon leben, verständlicherweise Panik aus. Bisweilen wird aber auch geheuchelt. Es heißt dann leicht: "Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat doch die Verpflichtung ..." Hinter solchen hehren Ansprüchen stecken manchmal schlicht materielle Interessen. Das ist nicht verwerflich, aber es ist Zeit, diese Debatte ehrlich zu führen. Dass selbst ernannte Qualitätsapostel ein Monopol auf das Edle und Gute beanspruchen, während der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Rolle des Watschenmanns einnimmt – das ist keine Grundlage für diese Debatte. Wenn jede Lobbygruppe ihr Spezialgebiet für unverzichtbar erklärt, so ist das nicht der volonté générale. Vielmehr ist das der volonté de tous, von dem Rousseau abschätzig sprach als Addition von Einzelinteressen in Abgrenzung zu einem wohldefinierten Allgemeinwillen.

Aber dennoch müssen wir uns selbstkritisch und offen fragen, wie wir unseren Programmauftrag künftig mit Leben füllen. Ich sehe unseren Programmauftrag nicht reduziert auf Information und Bildung. Auch die Unterhaltung gehört dazu, und so soll es meiner Meinung nach bleiben. Allerdings ist vielleicht nicht alles, was wir senden, auch in Zukunft unverzichtbarer Bestandteil unseres Auftrags. Wie viele "Schunkelshows" passen zu unserem Programm, und sind diese noch zeitgemäß? Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, ein junges Publikum für unsere Programme zu erobern. Die Jungen haben wir zuletzt etwas aus den Augen verloren, und heute sind sie überwiegend online unterwegs. Daher haben wir im WDR begonnen, mit neuen Formaten zu experimentieren – notfalls auch zulasten der Quote.