Zu Weihnachten schenkt und wünscht man sich Bücher. Das hoffen der Autor wie die Leserin. Ich wurde bereits am 9. November reichlich beschert. Zwecks Vermeidung mauerfallbezechter Menschenmassen und des Sängers Lindenberg begab ich mich schon am frühen Nachmittag zum Brandenburger Tor. Noch wenig Volk. An der Absperrung lächelte eine Hostess und überreichte mir den persönlichen Baumwollbeutel der Bundeskanzlerin. Darin fand ich drei Bücher über die Stasi, die Publikation 25 Jahre Einigkeit und Recht und Freiheit sowie ein geheimnisvolles Tütchen mit dem Aufdruck "Die Bundesregierung". Es enthielt vier Gummibärchen.

Ich war nicht direkt enttäuscht, doch erträumt hätte ich was anderes. Und der Kanzlerin empfohlen, sie möge lieber einen Roman verschenken: Machandel von Regina Scheer. Jüngst erschienen, wurde diese ostdeutsche Familiensaga sogleich hoch gelobt von Christoph Hein und Kathrin Schmidt. Machandel – Hochdeutsch Wacholder – ist ein Märchenmythos und ein Mecklenburger Dorf im Wechsel der Zeiten.

Regina Scheer komponierte dessen Chronik aus vielstimmiger Perspektive, vom Kriegsende bis ins Heute. Es spricht der Bürgerrechtler und die Flüchtlingsfrau, die tote kriegsverschleppte Russin und der KZ-überlebende Parteiveteran, dessen Tochter Clara die Milieus verbindet. Dass ganz verschiedene Menschen ihr Ich bekennen, macht Regina Scheers Roman gerecht und reich. So wird unsere Geschichte auch Nachgeborenen und Westlern zum offenen Buch.

Ich aber – pssst! – werde was noch Schöneres verschenken. Meine deutsche Lieblingsautorin (nächst Christa Wolf) ist rätselhafterweise nur wenigen bekannt. Helga Schütz heißt sie, wurde 1937 in Schlesien geboren und lebt in Potsdam. In Dresden lernte sie Gärtnerin, dann studierte sie an der Potsdamer Filmhochschule und wurde Drehbuchautorin – lange Jahre an der Seite von Egon Günther. Das merkt man ihrer Prosa an. Helga Schütz schreibt bildlich, schlank, silbengenau und voll seelenmusikalischen Humors. Auf Grenze zum gestrigen Tag, 2000 erschienen, folgte 2005 Knietief im Paradies und 2012 Sepia . Nichts scheint erfunden, alles poetisierte Autobiografie. Diese magische Erinnerin erzählt Weltgeschichte, wie sie der Einzelne erfährt.