Wenn die grüne Mamba in den Raum kommt, stellt es den meisten Parteikollegen bereits die Nackenhaare auf. Allerdings erinnert Pius Strobl nicht im entferntesten an ein giftiges Reptil. Der groß gewachsene Burgenländer wirkt charmant. Vielleicht war es die Blitzkarriere, die ihm den tierischen Spitznamen einbrachte: Mambas klettern schnell, und kein Baum ist ihnen zu hoch. Früher war der Mitbegründer der Grünen ein Fundi, ein Naturschützer. Heute scheffelt er Geld und gilt als Hüter der Rendite. Sein neuestes Projekt: das größte Unterhaltungsevent der Welt. 120 000 Tickets für zwölf Shows, 1700 akkreditierte Journalisten, 180 Millionen TV-Zuseher: Der Eurovision Song Contest 2015 in der Wiener Stadthalle wird im Mai nächsten Jahres alle Rekorde brechen. "Ein geiles Ding", sagt Strobl und lächelt zufrieden. Der Mann ist zuständig für Side-Events, Public Viewing, Hospitality, das Pressezentrum, Akkreditierungen, Sicherheit und Logistik, das Verkehrskonzept, die Shuttles und die freiwilligen Helfer. Der 58-Jährige, der lange Zeit selbst in ORF-Gremien saß, ist Mr. Song Contest.

Die meisten Grünen reagieren allergisch, wenn sie seinen Namen hören. "Er ist ganz sicher kein Grüner mehr", meint etwa Dieter Brosz, langjähriger Parlamentarier der Ökopartei. "Er vertritt seine Interessen, die der Grünen aber eher nicht." Strobl selbst sieht das anders: "Ich bin immer noch Parteimitglied und Sympathisant." Selbstsicht und Außensicht wollen einfach nicht zusammenpassen.

Strobl ist der Beweis dafür, dass ein Grüner kein Gutmensch sein muss, und verkörpert einen Typus jenseits des Fundis/Realos-Äquators. Er ist Unternehmer, Machtmensch und Stratege mit parteiübergreifenden Freundschaften. Im Sommer mokierte er sich öffentlichkeitswirksam über ein EU-Wahlplakat der Grünen, das den ehemaligen ÖVP-Innenminister Ernst Strasser in nachteiliger Pose zeigte. Der Slogan dazu: "Menschen sind wichtiger als Lobbys". Die lobende Anerkennung von Menschenrechtsfreunden war ihm sicher. Freilich vergaß er zu erwähnen, dass ihn mit besagtem Strasser eine jahrelange Freundschaft verbindet. Scheuklappen hat der gelernte Gendarm noch nie getragen. Fast wie der Song Contest, kann auch der umtriebige Manager auf einen ungewöhnlichen Werdegang zurückblicken.

Seine Mutter starb früh an Grippe, sein Vater verschwand. Im kleinen Mattersburg zog ihn seine Oma groß – in ärmlichen Verhältnissen. Gewand bekam er von der Caritas. "Ich wollte nie wieder in Armut leben", sagt Strobl. Als Karriereziel schwebte ihm vor, ein wohlbestallter Pensionist zu werden. Also ging er zur Polizei. Seine Großmutter war Sozialdemokratin und brachte ihn zur Politik.

Als die Grünen noch ein unkoordinierter Haufen waren, stand er der SPÖ nahe. 1983 soll er für seinen Freund Josef Cap, den aufrührerischen SJ-Chef, eine Vorzugsstimmenkampagne betrieben haben, damit kritische Geister nicht grün, sondern rot wählen. Das wird ihm noch heute von den Grünen als Hintertreiben ihrer Gründungsphase ausgelegt. Als Beweis für diese These wird angeführt, dass ihn der SPÖ-Innenminister Karl Blecha anstandslos vom Dienst als Gendarm freistellte, als er mehr Zeit für seine politische Karriere brauchte. Doch der sozialdemokratische Landeshauptmann Theodor Kery, der gern im Keller mit Maschinenpistolen um sich schoss und vergünstigt Strom von den landeseigenen Elektrizitätswerken bezog, war ihm zum abschreckenden Beispiel geworden. Außerdem engagierte er sich für den Erhalt der Kogler Teichwiesen. Jedenfalls wurde Strobl zum Einiger des heterogenen Grüppchens, das sich 1986 hinter der Vorzeigefrau Freda Meissner-Blau zu den Grünen formierte und erstmals ins Parlament einzog. "Das war damals wie bei den NEOS heute", sagt Strobl. "Ein Haufen ähnlich gesinnter, denen völlig die Struktur fehlt. Ich habe geholfen, aus den Grünen eine politische Bewegung zu machen."

Im Sommer 1988 besuchte Strobl, damals Geschäftsführer der Grünen, eine Gruppe Hausbesetzer in der Wiener Aegidigasse. "Das Problem der Obdachlosigkeit – insbesondere von Jugendlichen – gehört zu den sozial dunkelsten Seiten der Sozialpolitik in der Bundeshauptstadt", appellierte er an die Stadtregierung. Heute wirkt er als Sprecher der Immobiliengruppe Lenikus und weist dabei "angebliche Mieterschikanen auf das Schärfste zurück". Lenikus steht seit Jahren im Fokus von Mieterschützern und hat einen knallharten Ruf. Die Einsatzgruppe des Wiener Wohnbaustadtrates unterstützt bis heute Mieter, die gegen Lenikus klagen.

Wie es zusammenpasst, dass aus dem einstigen Kämpfer gegen Obdachlosigkeit ein Verteidiger unbarmherziger Immobilienhaie wurde? Für Strobl eine ganz logische Entwicklung, für grüne Mitstreiter wie den Ex-Parlamentarier Karl Öllinger unvereinbar mit grünen Werten. Strobl hat ein Imageproblem. Er gilt als Opportunist. "Wo immer er auch war, bei der Polizei, bei den Grünen, beim ORF, überall waren sie angefressen auf ihn", meint ein ehemaliger Geschäftspartner. Wie so viele will er nicht namentlich genannt werden. Warum? Weil Pius Strobl weiter dick im Geschäft ist.