"Was glauben Sie, wie viele Kunstobjekte man verkaufen muss, um 36 Millionen Dollar zu verdienen?", sagt Maamoun Abdulkarim und lacht. "36 Millionen Dollar? Nein, das glaube ich nicht." Abdulkarim ist Generaldirektor der Syrischen Nationalmuseen und Ausgrabungsstätten. Im Juni hatte der britische Guardian die Zahl unter Berufung auf irakische Geheimdienstquellen in die Welt gesetzt: 36 Millionen Dollar soll der "Islamische Staat" (IS) allein mit Plünderungen in der syrischen Region Al-Nabuk verdient haben. Noch im September sprach ein Analyst des US-Thinktanks Brookings gar von mehreren Hundert Millionen Dollar, die der IS mit dem Verkauf von Antiken einnehme.

Kaum etwas wurde in die Berichterstattung über den IS so dankbar aufgenommen wie der Antikenschmuggel. Denn es ist ein reizvolles Bild: Die barbarische Terrorbande verhökert vor den Augen der Welt das Kulturerbe Syriens, um einen Gottesstaat zu errichten. Das Problem daran: Es lässt sich nicht belegen.

Zweifellos werden in Syrien und auch im Irak Kunstschätze geraubt. Schaut man sich antike Stätten wie Apamea oder Palmyra in Syrien heute auf Satellitenaufnahmen an, wird das Desaster sichtbar: Die Stätten sehen aus wie Mondlandschaften, so viele Löcher haben die Kunstdiebe gegraben. Familien und Stämme kontrollieren das Geschäft mit den Kulturgütern bereits seit Jahrzehnten. Der Antikenschmuggel hat Tradition, in Krisenzeiten aber herrscht Hochbetrieb.

Allein 6000 Mosaiken und Münzen hat der syrische Grenzschutz in diesem Jahr konfisziert, rund ein Drittel davon waren Fälschungen. Immer wieder tauchen in der Türkei Fotos auf von vermeintlichen Goldschätzen aus Syrien. Allein: Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich der IS aktiv an diesem Antikenschmuggel beteiligt.

Nach ZEIT-Recherchen überlässt der IS bisher den etablierten Grabräubern die Antiken und besteuert ihre Einnahmen aus dem Handel mit rund 20 Prozent. Vereinzelt sollen auf IS-Gebiet ganze Grabungsstätten mit Bulldozern umgepflügt werden, um Objekte zu finden – das wäre archäologisches Dynamitfischen. Belegen lassen sich diese Informationen allerdings nicht.

Ohnehin sei der Schmuggel nicht das Hauptproblem mit dem IS, sagt Maamoun Abdulkarim. "Unser Problem ist die Zerstörung." Tempel, Kirchen, schiitische Moscheen, alles, was nicht in das Weltbild des IS passt, sprengen die Terroristen in die Luft oder reißen es nieder. Geschmuggelte Ware taucht irgendwann auf dem internationalen Kunstmarkt wieder auf, dann kann man sie zurückfordern.

Doch um Objekte zurückzufordern, brauchte es einen Überblick darüber, was gestohlen wurde. Und den gibt es nicht. "Niemand weiß, was noch unter der Erde ist, was ausgegraben wurde und was in Kirchen oder Klöstern stand", sagt Cristina Menegazzi von der Unesco in Beirut. Auch Interpol räumt ein, dass man keine gesicherten Erkenntnisse darüber habe, welche Antiken im IS-Gebiet gestohlen wurden. Bisher jedenfalls ist nach ZEIT- Informationen kein einziges hochwertiges Stück auf dem internationalen Kunstmarkt aufgetaucht, das zweifelsfrei durch die Hände des IS ging.

"Die Objekte gelangen ohnehin erst in ein paar Jahren auf den Markt", sagt Cristina Menegazzi. Dann, wenn die Aufmerksamkeit verflogen ist.