Lieber Herr Professor Weigand – lieber Jan!

Zwei Jahre ist es inzwischen schon her, dass ich meinen Abschluss bei Dir gemacht habe, und ich denke immer noch gerne an diese Zeit zurück. Du warst und bist ein Vorbild für mich, und ich habe mir manches von Dir abgeschaut.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich, auf der Suche nach einem wissenschaftlichen Praktikum, an Deine Bürotür geklopft habe. Damals war ich gerade im achten Semester meines Chemiestudiums an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Dein Arbeitsgebiet, die Phosphororganische Chemie, hat mich schon bei meinem ersten Versuch fasziniert.

Durch Deine offene und herzliche Art hast Du es mir leicht gemacht, mit Dir ins Gespräch zu kommen. Es lag nicht nur an Deinem Alter – Du warst damals Anfang 30 und hattest mit deiner Habilitation begonnen. Es lag an der Art, wie wir miteinander sprachen. Es waren nicht diese typischen, leicht nervösen und eher einseitigen Unterhaltungen, wie sie zu oft zwischen Student und Professor stattfinden. Du hast mich mitreden lassen und mich nach meiner Meinung gefragt. Bald war ich mir sicher: Bei Dir will ich promovieren.

Für eine lange Einarbeitungsphase in mein Thema blieb keine Zeit. Du standest damals unter großem Leistungsdruck. Mir kam das gelegen. Ich bin ein Mensch, der lieber alle Informationen auf einmal bekommt als in leicht verdaulichen Häppchen. Ich will immer alles sofort verstehen und kennenlernen. Dass Du mich gleich ins kalte Wasser geworfen hast, hat mir daher gutgetan – auch weil Du mich begleitet hast. Durch Dein unmittelbares Feedback habe ich jeden Fehler nur einmal gemacht.

Zusammen haben wir unzählige Modelle auf Zettel notiert und uns Gedanken darüber gemacht, wie wir Substanzen verändern könnten und welche neuen Eigenschaften sich dadurch ergeben könnten. Wenn ich dann unsere Überlegungen im Experiment umgesetzt und für die Publikation verschriftlicht hatte, warst Du noch nicht zufrieden. Ich bin mir selbst und meiner Arbeit gegenüber sehr kritisch – aber Du warst noch anspruchsvoller. Du hast wieder nachgehakt, und Du wolltest, dass ich mich noch einmal überwinde. Das war oft sehr anstrengend, und ich war manchmal ordentlich frustriert. Doch genau diese akribische Arbeitsweise ist es, die mich bis heute prägt und vorwärtsbringt.

Du bist dabei mit gutem Beispiel vorangegangen. Wie oft habe ich mich nach stundenlangen Laboraufenthalten mit übervollem Schädel auf den Heimweg gemacht, während Du noch geblieben bist? Für Deinen Einsatz habe ich Dich immer bewundert. Selbst nachts hast Du stundenlang gearbeitet, sogar sonntags vor dem Frühstück hast Du noch ein Experiment gemacht, das Dir nicht aus dem Kopf ging. Dein Enthusiasmus und Deine Begeisterung waren ansteckend. So hast Du mir gezeigt, dass die letzten zehn Prozent zwar die anstrengendsten, aber auch die wichtigsten sind.

Leicht war die Arbeit nicht immer. Es gab Momente, in denen ich wirklich gezweifelt habe. Zum Beispiel als wir einer neuen Methode auf der Spur waren, um Phosphorverbindungen zu ergründen, und dann feststellen mussten, dass ein amerikanisches Team schneller gewesen war als wir. Ist es das wirklich wert?, habe ich mich gefragt. Auch Du warst frustriert und angeschlagen, doch Du hast mir in diesen Momenten zugehört. Oft haben wir nach getaner Arbeit noch stundenlang geredet.

Zusammengeschweißt haben uns sicher auch unsere gemeinsamen Reisen wie die zur Konferenz Pacifichem auf Hawaii. Nach einer Woche voller Veranstaltungen haben wir mit dem Rucksack die Insel erkundet und im Zelt übernachtet. Ich dachte mir damals: Was ist das denn für ein toller Job? Ich kann an einer der bekanntesten Konferenzen teilnehmen und danach mit meinem Chef surfen gehen.

Lieber Jan, mit Dir zusammenzuarbeiten und von Dir lernen zu dürfen war für mich ein großes Glück. Du bist nicht nur fachlich, sondern auch menschlich ein Vorbild für mich geworden. Ich danke Dir für Deine Unterstützung – und auch für die wertvolle Freundschaft, die sich aus unserer gemeinsamen Arbeit entwickelt hat.

Dein Oliver

Oliver Feldmann, 30, arbeitet heute als Technical Manager bei der Evonik Industries AG in Essen