Kurzerhand hat der Chef von Protonet eine ganze Etage zusätzlich gemietet. Macht weitere 220 Quadratmeter im Maker-Hub im Hamburger Stadtteil Altona. Und er hat zehn neue Leute zu den bisher schon 23 Mitarbeitern eingestellt. Aus einem Raum, der bis vor Kurzem noch Arbeitsplatz für Entwickler, Produktionsstätte und Lagerraum zugleich war, musste binnen weniger Tage eine Art moderner Produktionsstraße werden. So kann es gehen, wenn man ganz schnell ganz groß werden muss.

Protonet stellt Server her, also besonders leistungsstarke Rechner. Man könnte dieses Geschäft als wenig aufregend bezeichnen. Was allerdings ein Fehler wäre. "Das hat uns alles etwas überwältigt", sagt Ali Jelveh, der 34-jährige Gründer. Im zurückliegenden Sommer hat er begonnen, auf der Crowdinvest-Plattform Seedmatch nach Investoren für sein gerade mal zwei Jahre junges Unternehmen zu suchen. Innerhalb von sechs Tagen gaben kleine und große Investoren, Privatleute und Profis insgesamt drei Millionen Euro. Im Gegenzug werden ihre Einlagen verzinst, und sie dürfen mit einer Gewinnbeteiligung rechnen.

Protonet steht vor der Frage: Was tun mit den Millionen?

Wohl noch nie zuvor in der deutschen Wirtschaftsgeschichte wurde einem Unternehmen über das sogenannte Crowdinvestment in so kurzer Zeit so viel Geld zur Verfügung gestellt. Dabei gilt Deutschland nicht gerade als das Land der risikofreudigen Kapitalgeber. Im Normalfall liegt das Investitionsvolumen in der Frühphase eines Unternehmens bei deutlich unter einer Million Euro. Und auch später wird es nicht unbedingt besser. "Die breite Masse hat große Schwierigkeiten, Wachstumskapital von zwei Millionen Euro oder mehr einzuwerben", sagt Wolfgang Seibold, Vorstandsmitglied des Bundesverbands deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften.

In den Vereinigten Staaten akquirieren Startups im Schnitt sechs- bis siebenmal so viel Geld. Und auch im europäischen Vergleich hinke Deutschland hinterher. "Das liegt nicht zuletzt daran, dass Anleger in anderen Ländern mehr Anreize bekommen, beispielsweise steuerliche Erleichterungen", sagt Seibold.

Protonet zeigt, dass es auch so geht. Doch Jelveh steht nun vor einem ganz anderen Problem: Was tun mit den Millionen, wo doch der Umsatz des gesamten Jahres 2013 bei gerade mal 300.000 Euro lag? Tausend Server müssen bis Ende des Jahres fertiggestellt und ausgeliefert werden. Einen Server hat er jedem Investor versprochen, der mehr als 2.000 Euro in das Projekt steckt, dreihundert weitere Bestellungen kommen noch dazu. Die Protonet-Server sind in etwa so groß wie eine Autobatterie und können zwischen einem und zwölf Terabyte an Daten speichern. An Werkbänken, wie sie in Heimwerkergaragen zu finden sein könnten, basteln derzeit drei Mitarbeiter – statt wie ursprünglich geplant einem – die orangefarbenen Boxen in Handarbeit zusammen. Doch die nötige Stückzahl ist kaum zu schaffen. Trotz des eiligen Umbaus und trotz der neuen Mitarbeiter.

Der unerwartete Geldsegen stellt nicht nur für das Unternehmen selbst ein Risiko dar. Auch für die Finanziers sind Crowdinvestments bisweilen gefährlich. Es gehe dabei oft um "Start-ups ohne bewährtes Geschäftsmodell", sagt Volker Schmidtke, Referent für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Berlin. Die Gefahr der Insolvenz und des Totalverlustes sei immer gegeben, und viele Laieninvestoren verschätzten sich womöglich.

Im Vergleich zu klassischem Venture-Capital, von dem jährlich rund 600 Millionen Euro für Gründer zusammenkommen, ist Crowdinvesting noch eine recht überschaubare Art der Finanzierung. Doch die Summen wachsen: Waren es im Jahr 2013 noch 15 Millionen Euro, könnten es dieses Jahr bereits 20 Millionen werden.

Wer Investoren locken will, braucht vor allem eine gute Geschichte

Was hat die 1.827 Investoren von Protonet dazu gebracht, ausgerechnet diesem Unternehmen Geld anzuvertrauen? Entscheidend sei die professionelle Vorbereitung gewesen, dazu ein mitreißendes Video, das das Produkt vorstellt, und natürlich die Geschichte dahinter, sagt Jakob Carstens, der bis vor Kurzem Marketingchef bei Seedmatch war. "Investoren stecken ihr Geld in eine Vision, in eine Geschichte, die heute prognostiziert und morgen umgesetzt werden soll", sagt er. Protonet habe all das geboten. Das Unternehmen will den Nutzern seiner Server die Möglichkeit zurückgeben, vertrauliche Daten auf eigenen Geräten zu speichern – statt zusammen mit den Daten und Passwörtern von Millionen anderen Menschen in gigantischen Serverhallen mehr oder weniger anonymer Cloud-Dienste. Letztlich geht es um Unabhängigkeit und Emanzipation. Das ist die Geschichte.

Das Vertrauen seiner Investoren hat Jelveh jedenfalls, auch wenn er noch gar nicht so genau weiß, was mit dem vielen Geld passieren wird. Große Pläne hat er: "Wir möchten ein globales Unternehmen werden", sagt der Gründer. "Auch das muss natürlich finanziert werden. Wenn dann ein Börsengang nötig wird, werden wir an die Börse gehen." Spätestens dann wäre klar, dass die frühen Investoren ein gutes Gespür bewiesen hätten.