Meine Aufforderung, veraltete Deutungen unserer Nationalgeschichte im Streitgespräch zu hinterfragen (ZEIT Nr. 42/14), hat Tito Tettamantis Schweizsein ins Wanken gebracht (ZEIT Nr. 49/14). Das ist traurig und hat für Herrn Tettamanti irgendetwas damit zu tun, dass man seit Thukydides wisse, dass die Geschichte von den Gewinnern geschrieben werde.

Nun: Thukydides war Athener, und Athen verlor den Peloponnesischen Krieg, den er beschrieb. Thukydides war Feldherr, und für sein militärisches Versagen musste er in zwanzigjährige Verbannung. Thukydides, der Begründer der Geschichtswissenschaft, war also ein echter Verlierer. In seinem berühmten Aufsatz Erfahrungswandel und Methodenwechsel hat der deutsche Historiker Reinhart Koselleck deshalb erklärt: "Die historischen Erkenntnisgewinne stammen – langfristig – von den Besiegten". Denn sie, und nicht die Sieger, müssen Veraltetes überdenken und umdenken, und sie entdecken dabei neue Wege. Kosellecks Beispiele sind Autoren wie Tocqueville, Machiavelli – und eben Thukydides.

Herr Tettamanti braucht dies nicht zu wissen. Er ist Financier. Wenn aber ich, der Historiker, sehe, dass Thukydides und Koselleck, also die Quellen, Herrn Tettamanti widersprechen – ist es dann mit meinem Beruf vereinbar, besteht gar mein Beruf darin, Herrn Tettamanti nicht auf seine Fehleinschätzung hinzuweisen, weil ich sonst sein Selbstverständnis ins Wanken bringe? Ist es die Aufgabe des Financiers, seinem Kunden vorzuenthalten, dass dessen Anlagestrategie auf falschen Annahmen beruht? Soll der Arzt dem Patienten verschweigen, dass dieser Krebs hat? Müssen Wissenschaftler das sagen, was sie erkennen; oder das, was ihr Gegenüber hören will?

Tettamanti spricht einen wichtigen Punkt an, wenn er schreibt, dass Bürger ihre Identität gemeinsamen Geschichtsbildern verdanken. Wenig überzeugend leitet er daraus ein Recht auf Selbsttäuschung ab, nämlich "emotional berührt zu werden von geschichtlichen Überlieferungen – ob sie nun stimmen oder nicht". Wenn der Krebskranke die Diagnose nicht hören will, darf er zum Geistheiler gehen. Nur darf er nicht erwarten, dass der Fachmann ihm recht gibt. Es wäre Ressourcenverschleuderung, Geschichtswissenschaftler aufwendig in Quellenkritik auszubilden, damit sie danach nur angenehme Vorurteile bestätigen.

Nestwärme und Identitätsgefühle erhält Tito Tettamanti kostenlos am Stammtisch, wenn er am Fernsehen Die Schweizer schaut oder Christoph B. zuhört. Auch jener mag "Märchen, Sagen, Legenden oder biblische Gleichnisse" lieber als die "trockenen Sachartikel heutiger Schreiberlinge" und verkündet das Motto der Geschichtenerzähler: "Es gibt eine Wahrheit, die steht über der Realität." Dass da etwas dran ist, weiß jeder, der Homer, Shakespeare oder Tolstoi gelesen hat. Doch diese Dichter sind keine Historiker, und die dichterische Wahrheit ist nicht die historische. Wissenschaftler werden für Letztere bezahlt: für kritische Analyse, nicht für Identitätsstiftung. Die Erzählung, wie es früher höchstwahrscheinlich gewesen ist, verströmt nicht immer Behaglichkeit. Aber reife Gesellschaften ertragen wie mündige Menschen unbequeme Wahrheiten über sich selbst. Nur wer nicht in Traumwelten lebt und seine Stärken und Schwächen kennt, kann in der Gemeinschaft des Volkes und der Völker souverän Verantwortung übernehmen.

Thomas Maissen ist Direktor am Deutschen Historischen Institut in Paris. 2010 erschien sein Standardwerk "Geschichte der Schweiz"