Das Volk hat gesprochen. Trotz vermeintlichen Dichtestresses und Überfremdungsangst: Das Zeichen, das am 9. Februar mit der Annahme der SVP-Initiative gesetzt wurde, scheint den meisten Zuwanderungskritikern genügt zu haben. Ein Tritt ans Schienbein der Oberen reichte. Und den Wirtschaftsmotor ganz abwürgen beziehungsweise die Bande mit der Europäischen Union völlig durchschneiden – so weit wollten die Eidgenossen dann doch nicht gehen. Sie verpassten der radikalen Ecopop-Initiative eine Abfuhr.

Richtig so! Abschottung macht arm und dumm. Ohne Einwanderer droht dem Land der Abstieg in die totale Mittelmäßigkeit. Doch in einem Punkt hatten die Ecopopisten recht: Die Schweiz durchlebt zurzeit einen radikalen Wandel. Die Städte und Dörfer im Mittelland wachsen zu einer locker bebauten Metropole zusammen.

Es ist also höchste Zeit zu fragen: Wie müsste eine kluge Politik für die 10-Millionen-Schweiz aussehen, in der wir in naher Zukunft leben werden? Ohne dass wir dabei unsere Freiheiten verlieren und unsere Ansprüche allzu sehr runterschrauben müssen.

Erstens: Den Volkswillen ernst nehmen! Die Schweizer wollen ihre Landschaft schützen. Kaum eine politische Frage wurde in den letzten Jahren so häufig und auf den unterschiedlichsten politischen Ebenen mit Ja beantwortet. Die Zweitwohnungsinitiative sollte die Chalet-Flut in den Alpen stoppen, die Revision des Raumplanungsgesetzes die zu üppig berechneten Bauzonen verkleinern. Und im Kanton Zürich wollte eine Mehrheit die wertvollen Äcker und Weiden schützen.

Doch was machen die Politiker? Sie schrauben an den Umsetzungsparagrafen, bis die Gesetze den Wünschen ihrer Lobby entsprechen. Zum Beispiel im Ständerat: Draußen im Land tobte der Abstimmungskampf, Bundesräte warnten vor dem "Egoflop", vor dieser "fremdenfeindlichen", "unnötigen und zerstörerischen" Initiative. Doch die Herren und einige Damen in der kleinen Ratskammer drechselten ein Zweitwohnungsgesetz, das dem Wortlaut und Zweck der Initiative völlig widerspricht.

Schluss mit diesem Kabarett! Der Boden ist eine endliche Ressource. Das ist nicht nur eine Floskel. Nein, im kleinen Land, in dem ein Großteil der Fläche unbewohnbar ist, ist diese Tatsache eine bestimmende Realität. Kurzum: Eine 10-Millionen-Schweiz braucht planerische Leitplanken.

Zweitens: Vergesst die großen Würfe! Schon Max Frisch bejammerte den "Pelz von Kleinhaus-Siedlungen", der bald das ganze Land überziehe – und suchte sein Heil in einer Neustadt, auf dem Reißbrett geplant. Heute wettern seine Nachfahren gegen den "Hüslikrebs" und fordern ein eidgenössisches Bodenschutzgesetz. Oder sie wollen, wie die SP, mit einem verkopften Agglo-Projekt die Vorstadtbewohner von ihrem Schicksal befreien.

Das sind Glasperlenspiele. Von oben nach unten, von der Zentrale in die Außenstellen, dem ganzen Land dieselben Rezepte verordnen – das ist aussichtslos. Es braucht verschiedene Lösungen für verschiedene Orte. Ein Wettbewerb der Ideen, auch unter den Architekten.

In der 10-Millionen-Schweiz lebt man ebenso in Blockrandsiedlungen wie in Mehrfamilienblocks. In Reihenhäusern wie in Terrassensiedlungen. Ja selbst das viel gescholtene Einfamilienhaus wird überleben. In clever geplanten Cluster-Siedlungen rückt es näher zu seinen Nachbarn, braucht also weniger Boden – und löst dennoch sein Versprechen ein. Nämlich seinen Besitzern ein klein bisschen Freiheit zu schenken.

Also lockert im Kleinen die Zügel! Grenzabstände, Traufhöhen oder Ausnutzungsziffern – alles ist relativ. Und würde man die bestehenden Häuser um nur ein Geschoss aufstocken, fände eine zusätzliche Million Menschen Platz im Land.

Drittens: Es geht um die Menschen und ihre Befindlichkeiten! Viele Schweizer glauben, sie lebten in der besten aller Welten. Nicht ohne Grund. Oder wo kann der Einzelne mehr mitreden als in einer direkten Demokratie? Aber das System hat einen Haken. Es kennt nur: Daumen hoch oder runter. Bei Planungsfragen ist das fatal. Abstimmungen finden erst statt, wenn die wichtigsten Entscheide bereits gefallen sind. Und wem auch nur ein Detail am neuen Fußballstadion, der Umfahrungsstraße oder dem Zonenplan nicht passt, der sagt kurz und knapp: Njet!

Eine lebenswerte 10-Millionen-Schweiz müsste mehr Mitsprache kennen. Netzwerkprozess, lautet das Stichwort. Das meint: Mit allen Beteiligten reden, reden und nochmals reden. Und erst dann Pläne zeichnen. Städte und Dörfer sind für ihre Bewohner da – und nicht umgekehrt.

Viertens: Dem Mainstream folgen! Individualismus, Eigenverantwortung und Föderalismus liegen in unserer politischen DNA. Und sie werden auch die 10-Millionen-Schweiz prägen. Wer sich dieser Mehrheitsmeinung widersetzt, wird mit seiner Politik scheitern.

Konkret: Die föderalistische Schweiz braucht föderalistische Lösungen für ihre föderalistischen Probleme. Verstädterung bedeutet nicht zwangsläufig mehr Top-down-Führung. Wie das funktioniert, zeigt der Kanton Zürich. Ende September befürworteten die Stimmbürger eine Änderung des Planungs- und Baugesetzes. Die Gemeinden können fortan in ihren Gestaltungsplänen einen Mindestanteil an preisgünstigem Wohnraum festlegen. Der Clou: Sie können, sie müssen nicht. Das Subsidiaritätsprinzip gilt, die Probleme werden dort gelöst, wo sie anfallen.

In ihren schaurigen Fieberträumen halluzinierten die Ecopop-Befürworter von Wolkenkratzern, die das Herz der Schweiz durchbohren. Es drohe dem Land: "keine Natur, das Elend, der Dreck – halt eine Großstadt."

Eine kluge Politik für eine 10-Millionen-Schweiz aber schafft etwas ganz anderes: eine menschenfreundliche Großstadt, inmitten der Natur, ohne Dreck und ohne Elend.