Der Mann in Nadelstreifen zieht an einer Zigarette. Seine schwarzen, spitz zulaufenden Schuhe passen nicht so recht auf den Vorplatz der Mehrzweckhalle in Rothenthurm. Viel eher könnte man sich Thomas Matter in den Kreisen der Zürcher FDP vorstellen, inmitten anderer reicher Unternehmer, Uni-Professoren und altem Geldadel. Doch Thommy, wie ihn Freunde und Familie nennen, raucht in der Mittagspause der SVP-Delegiertenversammlung sein Kontingent an Parisienne Orange.

Der 48-Jährige aus Meilen an der Zürcher Goldküste, der für Christoph Blocher in den Nationalrat nachgerutscht ist, verkörpert eine neue Art von Rechtspolitikern, die in der SVP, aber auch in der Jungpartei der FDP an Einfluss gewinnen. Gesellschaftspolitisch unbestimmt und wirtschaftspolitisch liberal. Dazu sehr kritisch, ja geradezu feindlich gegenüber der EU. Ihr Idealbild der Schweiz ist ein Kleinstaat, der nur über Freihandelsabkommen mit der Welt verbunden ist. Matter selbst sagt es so: "Ich bin ein konservativ-liberaler 'Nationist'. Ich glaube an nationale Staatsgebiete." Die Identifikation mit supranationalen Gebilden? "Schwierig."

Wie passt der kühle, erfolgsverwöhnte Banker zu den gmögigen SVPlern?

Die Skepsis gegenüber allem Großen: Es ist ein urschweizerischer Gedanke, der hier wiederkehrt. Vor der Gründung des Bundesstaates 1848 gab es bereits eine Bewegung, die sich vehement gegen jegliche Zentralisierung wehrte: Die Libertären lehnten den neuen Bundesstaat ab, gehörten aber nicht ins katholisch-konservative Lager.

In dieser Geistesgeschichte muss man Thomas Matter und die neuen Rechten einordnen. Sie wehren sich dagegen, dass immer mehr Macht nach Bundesbern fließt. Sie wollen die Unternehmer vor dem Staat schützen und den Individuen möglichst viel Eigenverantwortung überlassen.

Entsprechend hat sich Matter bisher politisch engagiert: Er war gegen die Einführung einer Kapitalgewinnsteuer und gegen die Initiative der SP, die das Gesundheitswesen auf eine solidarischere, gesamteidgenössische Finanzierungsgrundlage stellen wollte. Und zusammen mit Politikern aus FDP und CVP hat er vor Kurzem ein eigenes Volksbegehren eingereicht: die Initiative "Ja zum Schutz der Privatsphäre". Sie will das Bankgeheimnis für Schweizer bewahren.

Zum Gespräch empfängt der Banker in der Neuen Helvetischen Bank (NHB) im Zürcher Seefeld. Beim Durchschlendern erhascht man einen Blick auf die Bildschirme im Handelsraum. Eine Assistentin bringt Kaffee und Wasser. Auf dem Sideboard im Sitzungszimmer stehen aus Plexiglas gegossene Kuben. Darauf die Logos der Firmen, für welche die NHB einen Kredit vermittelt hat, und ein Millionenbetrag – die Kreditsumme.

Thomas Matter kommt rein, nimmt sich ein Wasser, stellt den Aschenbecher auf den Tisch und setzt sich so weit weg, dass man aufstehen müsste, um ihn anfassen zu können. Seine Körperhaltung steht auf Abwehr.

Die NHB ist seine zweite Bank, die er gegründet hat. Er ist der größte Aktionär und Verwaltungsratspräsident. Die erste Bank war die Swissfirst, die er Anfang 2003 mit der Bellevue Bank fusionieren wollte. Im Zuge der Fusion entstand durch verschiedene Zeitungsartikel der Eindruck, Matter habe sich auf Kosten von Pensionskassen am Deal bereichert. Weil sein Bild in der Öffentlichkeit dadurch extrem litt, trat Matter 2006 als CEO der Bank zurück und verkaufte seine Anteile. Später lösten sich die Vorwürfe vor Gericht in Luft auf. Erstmals verfügte er damit über so richtig viel Geld auf dem Konto. Sein Vermögen wird heute auf 100 bis 200 Millionen Franken geschätzt. Er verwaltet es mit seiner Mattergroup und investiert in verschiedenste Firmen.

Matter, der ehrgeizige, kühle Banker mit einer schillernden Karriere. Damit passt er so gar nicht zu den gmögigen SVPlern, zu den Bauern und Gewerblern. Wie kommt es also dazu, dass er sich in dieser Partei wohlfühlt?

Matter selbst sagt lakonisch, er teile halt die Werte der SVP. Aber das greift zu kurz. Seine Werte könnte man auch am rechten Flügel der FDP vertreten. Die Antwort liegt wohl im Privaten. Matter macht sich überhaupt nichts aus Jetset-Allüren. Er ist ein ausgesprochener Familienmensch. Mit seiner Partnerin hat er eine sechsjährige Tochter. Aus erster Ehe gingen drei Töchter hervor, die heute zwischen 13 und 20 Jahre alt sind. Liebevoll erzählt er von seinen Brüdern. Dem jüngeren Sammy und dem älteren Franky, dem "linken Flügel" der Familie, weil er politisch den Sozialdemokarten nahesteht. Matter grinst, als er sagt: "Er ist der Intelligenteste von uns allen." Das mögen sie in der SVP, denn das heißt auch: Der bauernschlauste ist der Thommy.

Beim Erzählen über seine Familie, sein Privatleben, da wird aus dem kühlen Banker plötzlich ein Mensch, der eine verheilte Wunde zeigt. Matter offenbart Details zu seiner ersten Ehe. Wie sie zustande kam, warum sie auseinanderging. So selbstverständlich, als säße ihm ein Freund gegenüber. Ihm genügt die mündliche Zusicherung, dass nichts davon in der Zeitung stehen wird. "Ich bin kein misstrauischer Typ. Misstrauen hat mit Angst zu tun. So hätte ich mich nicht selbstständig machen können", sagt er im Gespräch in anderem Zusammenhang.