Zwischen Dänemark und Prag liegt ein Land, das ich sehr mag. Zwischen Belgien und Budapest liegt Thüringen, das Land ohne Prominente." So textet der Kabarettist Rainald Grebe. Doch nun hat Thüringen zumindest einen Prominenten: Bodo Ramelow. Er, ein Linker, soll zum Ministerpräsidenten gewählt werden, schon mit diesem Vorhaben schreibt er Geschichte. Aber die große Noch-Regierungspartei CDU versucht, Ramelows Bündnis aus Linkspartei, SPD und Grünen zu verhindern.

Den drohenden Machtverlust vor Augen, schlüpft die CDU in die Rolle der außerparlamentarischen Opposition. Am 9. November skandierten einige Tausend Demonstranten in Erfurt "Ramelow raus!" – unter ihnen neben Christdemokraten auch einige Fackelträger von AfD und NPD. Die rechte Volksfront artikuliert ohne jeden Zweifel die Stimmung eines Teils der Bevölkerung: Mit der Linken komme die SED zurück an die Macht, es drohten Sodom und Gomorrha, zumindest aber Schuldenstaat, wirtschaftlicher Niedergang und Bevormundung! Aber stimmt das denn? Und was ist eigentlich gut für Thüringen und seine Demokratie?

Wer sich auf diese Fragen ernsthaft einlässt, wird, so denke ich, zu anderen Schlussfolgerungen gelangen als die Erfurter Demonstranten. Die CDU hat das Land 25 Jahre lang regiert – unter der Devise "Navigation auf Sicht". Sie regierte situativ, überließ die Wirtschaftspolitik einigen Managern größerer Unternehmen und vertraute darauf, die Industrie mit niedrigen Löhnen und einem großen Reservoir an überschüssigen Fachkräften konkurrenzfähig zu machen. Betriebsräte und Gewerkschaften, so sie denn überhaupt noch vorhanden waren, hatten nicht einmal einen Platz am Katzentisch.

Der rasante demografische Wandel bereitet dem Fachkräfteparadies nun jedoch ein unwiderrufliches Ende. Die "Arbeitsspartaner", die nach dem Mauerfall vieles in Kauf nahmen, um ihre Betriebe und ihre Arbeitsplätze zu erhalten, scheiden aus den Unternehmen aus. Wer nachrückt, gibt sich mit unsicherer Beschäftigung und den niedrigsten Löhnen Deutschlands nicht mehr zufrieden. Potenzielle Führungskräfte meiden das Land.

Der Landeshaushalt wird auf Kosten von Städten und Kommunen saniert. Nicht nur das einstige Oberzentrum Gera ist pleite. Es fehlt an öffentlichen Investitionen in die soziale Infrastruktur. Es fehlen auch Fachkräfte in der Gesundheits- und Sozialwirtschaft. Hinzu kommt: Das Land, das gerade einmal einen Ausländeranteil von 2,3 Prozent hat, ist dringend auf Zuwanderung angewiesen. Den Universitäten und Bildungseinrichtungen fehlen Lehrer und Professoren, gleichzeitig werden an den Hochschulen Stellen gestrichen. Auch die Verwaltung muss modernisiert werden. Und kommt bei alledem nicht die Demokratie unter die Räder? Gleich, ob Rot-Rot-Grün oder eine andere Koalition – viel mehr als 30 Prozent der Bevölkerung wird eine neue Landesregierung zunächst nicht repräsentieren. Das Parteiensystem steht auf unsicherem Fundament.

Kann es eine Mitte-links-Regierung besser? Offen gestanden, wir wissen es nicht. Doch ohne Mut zum Experiment droht Schlimmeres als Stagnation. Das Land würde weiter zurückfallen. Eine sinnvolle Gebiets- und Verwaltungsreform ist mit den Linken eher zu machen als mit der CDU. Gewerkschaften, die in den Betrieben nach wie vor um Anerkennung ringen müssen, benötigen öffentliche Unterstützung, die eine neue Mehrheit verspricht. Mehr direkte Demokratie und Bürgerbeteiligung, wie es sich viele Thüringer wünschen, ist ein Kernthema von Mitte-links. Und wenn es Hoffnung auf eine bessere Bildungspolitik gibt, dann wird sie sich auf Rot-Rot-Grün richten müssen.

Man kann es auf eine knappe Formel bringen: Strategiefähigkeit statt Navigation auf Sicht. Wenn das Land der Dichter und Denker überhaupt strategische Kompetenz hat, dann eher aufseiten der lange regierungsabstinenten Linken als innerhalb der verbrauchten Rechten. Damit sind wir beim entscheidenden Punkt: CDU und Staat – das ist in Thüringen eins. Die Symbiose ist so eng, dass sich die Regionalpresse Sorgen macht, ob die christdemokratische Partei ohne Staatsmacht überhaupt existieren kann. Eine solche Symbiose ist nicht gut, schon gar nicht für die Demokratie. Und erst recht nicht in Anbetracht der Tatsache, dass ein Staatsapparat in der Vergangenheit Akteure des Verfassungsschutzes gewähren ließ, die mit Steuergeldern neonazistische Organisationen aufbauten und die dem NSU mutmaßlich Rückendeckung gaben. Für das Staatsversagen in Sachen Rechtsextremismus trägt die CDU die Hauptverantwortung. Daraus sollte sie endlich die Konsequenzen ziehen. Sie sollte eine demokratische Entscheidung für eine andere Regierungsmehrheit akzeptieren und darin die Chance sehen, sich in der Opposition zu erneuern.

Rot-Rot-Grün wäre ein Triumph der Demokratie. Dafür ist selbst die Unrechtsstaats-Debatte ein eindrucksvoller Beleg. Ramelows hat diese notwendige Diskussion angeregt. Seien wir ehrlich: Ohne ihn wäre das Mauerfall-Jubiläum langweilig verlaufen.

All jenen, die Honeckers Rache fürchten, sei gesagt: Auch wenn es in der Linkspartei noch immer Nostalgiker geben mag, die SED kommt nicht zurück. Sollte Mitte-links schlecht regieren, werden Ramelow und Co nach spätestens fünf Jahren wieder abgewählt. Wichtige Führungskräfte aus der Wirtschaft sehen einen möglichen Politikwechsel daher gelassen. Mögen Verbandsfunktionäre in der Öffentlichkeit vor linker Gängelei warnen – hinter vorgehaltener Hand ist mancher Manager viel wohlwollender. Längst haben Betriebsräte öffentlich erklärt, was sie von SPD, Grünen und Linken erwarten – eine Reformregierung, die auch mit einer Stimme Mehrheit das Nötige tut. Noch ist offen, ob es dazu kommt. Die christdemokratisch geführte Apo wird alles daransetzen, den Machtverlust zu verhindern. Seit Willy Brandt wissen wir, wie dergleichen funktionieren kann.

Rot-Rot-Grün jedoch wäre ein Signal auch an all jene Politikverdrossenen, die längst nicht mehr daran glauben, dass sich Politiker etwas trauen.

Klaus Dörre, 57, ist Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und forscht etwa zu Arbeitsmarkt-Theorien. 2010 und 2012 entsandte ihn die Thüringer Linke in die Bundesversammlung – jenes Gremium, das den Bundespräsidenten wählt. Dörre selbst gehört keiner Partei an