Putin ist ein brillanter Machtpolitiker, dem niemand im Westen das Wasser reichen kann. Er greift sich die Krim, dann den Südosten der Ukraine und kriegt bloß einen Klaps ab. Wöchentlich demütigt er den Westen, zuletzt mit der Flottille im Ärmelkanal. Er rüstet auf, das Bündnis ab. Er weiß, wie weit er gehen darf, ohne eine scharfe, geschweige denn militärische Reaktion zu provozieren. Vielleicht plantschen bald russische Froschmänner in der Spree – schlauerweise ohne Hoheitsabzeichen.

Hierzulande trifft Putin auf die Gattung der "Russlandversteher". Die eine Spezies agiert rational, weil interessengebunden – etwa Altkanzler Schröder, der indirekt für Gasprom und letztlich für Putin arbeitet; klugerweise wird er nicht schlecht über seinen Dienstherrn reden. Oder Eckhard Cordes, der dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft vorsteht, einer Lobby für den Osthandel. Als Sprachrohr muss er Putin im milden Licht des Wohlwollens glänzen lassen.

Eine zweite ist die Species anti-americana. Die ist in Wahrheit nicht pro-russisch, sondern antiwestlich – ein uraltes, inzwischen irrationales deutsches Ressentiment. Genährt wurde es von der Idée fixe, dass uns die "russische Seele" näherstehe, Amerika Materialismus, Kapitalismus und Kulturlosigkeit verkörpere, der Westen dem ausgreifenden Reich den Respekt verwehre, der aus Russland zuhauf ströme. Anno 2014 sind solche Aversionen die Reflexe von vorgestern. Deutschland flottiert nicht zwischen den Welten. Es ist nicht Spielball, sondern Spielmacher: durch und durch verwestlicht, geachtet, ja bewundert. Dem Ressentiment, links wie rechts, sind die Wurzeln gekappt worden. Die Wertegemeinschaft mit Russland ist so dünn wie Putins Freiheitsliebe.

In der dritten Spezies tummeln sich die Realpolitiker, die im Namen ewiger deutscher Interessen Beschwichtigung predigen. Diese war rational in einer Zeit, da das Reich in seiner Mittellage den "Albtraum der Koalitionen" (Bismarck) bannen musste, also "nie den Draht nach St. Petersburg" abreißen lassen durfte. Rational war auch die Schaukelpolitik unter Rathenau und Stresemann, galt es doch nach 1918, den Belagerungsring durch die Entente-Mächte zu durchbrechen, und zwar mithilfe der Bolschewiken.

Unsere heutigen Realpolitiker, quer durch die Parteien, leben noch immer in dieser untergegangenen Welt. Denn Deutschland ist umzingelt von Freunden; Berlin ist ungesalbte Führungsmacht, deren Sicherheitsinteressen im Westen wurzeln, deren Handelsströme westwärts fließen. Frankreich, Amerika und England sind die Top-Handelspartner; Russland kommt erst an elfter Stelle (nach Belgien!). Heute bedroht Putins Neoimperialismus die deutschen Interessen, doch wie immer funktioniert Appeasement nicht, sondern schärft Putins Appetit. Ein vernunftgesteuerter Realist, der sehen und hören kann, müsste Gleichgewichts-, nicht Beschwichtigungspolitik fordern. Verblasen ist das Mantra, wonach nur Berlin plus Moskau den Frieden garantieren könnten. Die unbequeme Wahrheit heißt "Weltkrieg I und II", mit denen beide Europa ins Verderben stürzten.

Merkel soll das letzte Wort haben: Russland "stellt die europäische Friedensordnung infrage und bricht internationales Recht". Knapp, prägnant und richtig.