Im Gemüseanbau in der Großstadt sehen viele eine denkbare Alternative zur heute üblichen Landwirtschaft. Im Jahr 2050 sollen nach Schätzung der Vereinten Nationen etwa 80 Prozent aller Menschen in Großstädten leben, also häufig weit weg von den Gegenden, in denen ihr Essen angebaut wird. Zugleich soll die Weltbevölkerung bis dahin um drei Milliarden zugenommen haben. Um den Nahrungsbedarf all dieser Menschen zu decken, dürften die herkömmlichen Anbauflächen irgendwann nicht mehr ausreichen.

Obst und Gemüse, das in deutschen Supermärkten landet, wird häufig Tausende von Kilometern in Lkw oder Flugzeugen angekarrt: Tomaten aus Marokko, Gurken aus Spanien, Kartoffeln aus Ägypten – alles aus dem Massenanbau und unter Ausstoß klimaschädlicher Emissionen.

Das Indoor-Farming könnte diese Probleme teilweise lösen: Es würde neue Anbauflächen erschließen und zudem womöglich weniger Energie und Wasser verbrauchen als die traditionelle Landwirtschaft. In Hallen angelegte Farmen, in denen Pflanzen in Hydrokulturen wachsen, sollen bis zu 98 Prozent weniger Wasser benötigen als Felder unter freiem Himmel. Der Grund: Das Nass versickert nicht im Boden, nachdem es die Wurzeln der Pflanzen benetzt hat. Ein weiterer Vorteil: Der Einsatz von Pestiziden und anderen Giften ist in der Regel nicht notwendig. Und langfristig könnte die Bewirtschaftung weitgehend automatisiert durch Roboter erledigt werden.

Die auf diese Weise angebauten Lebensmittel wären quasi "aus der Region". Die Anbauflächen würden sich in der Nähe der Geschäfte befinden, in denen der Salat, die Gurke, das Radieschen verkauft werden. Diese könnten statt per Lkw mit dem Lastenfahrrad oder der U-Bahn angeliefert werden. Die Prediger des Indoor-Farmings versprechen die "Tomate-on-Demand", die einem – ein paar Häuserblocks entfernt frisch gepflückt – nach Hause geliefert wird, ganz anders als die Tomate, die unreif von einem Busch an der spanischen Mittelmeerküste gerupft wird, um nach einer 2000 Kilometer langen Reise geschmacksneutral beim deutschen Discounter zu landen.

Vor allem solche Geschäftsaussichten sind es, die die Gründer von Infarm in Berlin antreiben. Sie begreifen sich ausdrücklich als Teil der lokalen Start-up-Szene, reden gern davon, wie "disruptiv" ihre Idee sein könnte. Gelernter Gärtner ist keiner von ihnen. Guy Galonska hat in Israel chinesische Medizin studiert, sein Bruder Erez und dessen Frau Osnat sind eigentlich Filmemacher. Ende 2012 zogen sie nach Berlin. Im heimischen Wohnzimmer in Neukölln begannen sie, mit dem Anbau von Gemüse zu experimentieren. Bald war die Ernte so groß, dass sie einen Teil an Freunde verschenkten. Nach einer Station in den Prinzessinnengärten, einem Urban-Gardening-Projekt, zogen sie in diesem Jahr in die neuen Räume, wo nun regelmäßig Menschen von der Presse oder von Unternehmen wie der Metro-Gruppe vorbeischauen. Die erste Indoor-Farm Berlins stößt auf Interesse.

In den USA soll Gemüse auf den Dächern von Supermärkten wachsen

In anderen Ländern stehen bereits große Gemüsefabriken. In Japan hat das Unternehmen Mirai in einer ehemaligen Sony-Fabrik eine der größten Farmen dieser Art weltweit angelegt. Die Halle ist so groß wie ein Fußballfeld, auf bis zu 18 Etagen hohen Regalen werden dort seit Juli Salatköpfe geerntet – 10.000 pro Tag. Unternehmen aus Russland, vor allem aber aus Stadtstaaten ohne Hinterland wie Hongkong und Singapur zeigen Interesse an der Technologie. In den USA verkaufen Unternehmen wie Green Sense Farms und Bright Sense ihre Ware sogar schon an Supermarktketten. Bald soll das Gemüse in Gewächshallen auf den Dächern der Supermärkte wachsen.

Von der Versorgung des Einzelhandels ist Infarm noch weit entfernt. Die Firma zahlt auch immer noch Lehrgeld: Als ihre Mitarbeiter einmal Pflanzen von ihrem Kokosfaserbett in Blumenerde aus dem Baumarkt umtopften, holten sie sich Blattläuse in ihr ansonst einigermaßen steriles Labor. Die Läuse befielen die gesamte Ernte.

Dennoch, der Unternehmer Galonska sieht sich auf einem guten Weg. "Altmodisch" seien die Pläne für den Anbau auf Marktdächern. "Das sind ja noch richtige Gewächshäuser", mäkelt der Unternehmer. Ihm schweben Gärten eines ganz neuen Typus vor, die mit klassischen Anbaumethoden nur noch wenig gemein haben. "Unsere Geräte sollen den Anbau komplett dezentralisieren und überall funktionieren – von der privaten Wohnungsküche bis zur leer stehenden Fabrikhalle."