Erinnerung ist ein launisches Wesen. Ob sie uns freudig stimmt, melancholisch oder deprimiert – das entscheiden oft ein paar Meter Fußweg. Als ich nach Jahren, ach: Jahrzehnten zurückkehre in das Viertel meiner Kindheit, öffnet sich sofort mein Herz: Das Brauhaus am Markt, allen Ernstes – es steht noch! Ein winziger Giebelbau aus Zeiten, da Eppendorfs dritte Silbe noch Ortsbeschreibung war statt Stadtteilname, er ragt in nostalgischer Beharrlichkeit aus dem Verkehrschaos ringsum.

"Anno 1881" steht im Türbalken, eine denkwürdige Zahl im neubauseligen Hamburg. Und eine Zahl, die sogar noch untertreibt. Dass dieses Relikt, einst Droschkenstation, längst Gaststätte, noch viel älter ist, war mir früher gar nicht klar. Es wäre mir auch egal gewesen; kindliche Erinnerung bemisst sich ja in Momenten, nicht in Epochen. Sie verknüpft Orte mit Eindrücken, sie heftet sie an Bilder, die bleiben, auch wenn die Orte längst verschwunden sind.

Schritt für Schritt trete ich auf das Haus zu, das bis heute im Schatten dreier Kastanien ruht, die der Pizzeria ihren italienischen Namen gaben. Und mit jedem Schritt wandelt sich meine Erinnerung in Zweifel: Das Tre Castagne, in dem ich meine erste Pizza aß und einmal neben Otto Waalkes saß, ist dicht. Der äußerlich malerische Gebäudekomplex ist innerlich ruiniert: Türen verriegelt, Fenster kaputt, ein Balken hängt aus der Decke. 235 Jahre lang konnten Wandel, Krieg und Brandgefahr dem Fachwerk wenig anhaben, anstatt die Grundfeste zu erschüttern, wurde erweitert. Hier ein Erker, da ein Anbau, wechselnde Besitzer, gewandelte Gastronomie. Doch was mir als Brauhaus in Erinnerung war, ist heute: abbruchreif.

Mehr noch: abbruchbereit.

Davon zeugen renitente Worte an der Mauer: "Kein Abriss!" steht auf einem Schaufenster. Daneben fordert ein Schild, das "Dorf in Eppendorf" zu belassen, was jemand auf dem Bürgersteig mit "Altes Brauhaus bleibt" bekräftigt. Ich stehe vor dem Brauhaus, lese überall den Widerstand. Und ich verstehe: Wenn selbst inmitten der alsternahen Gründerzeitpracht Gehwege nicht mehr nur mit Kindermalkreide beschmiert werden, dann geht es nicht nur um ein Haus. Dann geht es um mehr.

Also beschließe ich, den Spuren meiner Kindheit zu folgen. An jene Plätze, an denen sie sich vor 40 Jahren vorwiegend abspielte: Straßen, Parks, Innenhöfe, draußen eben. Kurzum: Ich mache mich auf den Weg durch das Eppendorf des 21. Jahrhunderts, um bei einem Abstecher ins 20. die Spuren des 19. zu finden. Doch bei allen guten Erinnerungen, die überall aufwallen: Es wird keine schöne Reise.

Es wird eine Reise, die zeigt, wie die Stadt ihr steinernes Andenken planiert. Wie Abrissbirnen durch gewachsene Strukturen schwingen, als seien Deutschlands Stadtkerne nicht längst "fertig gebaut", wie Elke Pahl-Weber sagt, Professorin für Stadtplanung an der TU Berlin. Während Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz gerade wieder bei einem Vortrag in der HafenCity Universität betont hat, er wolle "die Stadt in der Stadt bauen", fordern Stadtplaner wie Pahl-Weber, sich weniger mit Erweiterung und Neubau zu befassen als mit "Weiterentwicklung und Qualitätssicherung des Bestands". Droht Hamburg auf dem Weg in die Verdichtung sein Gedächtnis zu verlieren?

Schreiten wir zur Bestandsaufnahme.

Vom Brauhaus geht es links runter zur Erikastraße, 1899 nach der Heideblüte des umliegenden Hochmoors benannt. Zuvor hieß sie Feldweg und war auch einer, wie sich der ganze Randbezirk seines ländlichen Charakters erst richtig entledigte, als ich in der Erikastraße 68, drei Etagen über dem Fischladen meiner Mutter, aus vollen Windeln das neue Jahrzehnt anschrie. 1970 gab es im Südteil meiner kastaniengesäumten Straße noch Handwerk, eine Schmiede und pro Nahrungsgruppe zwei Einzelhändler. Zwischen fünfgeschossigen Belegen bürgerlicher Fin-de-Siècle-Herrlichkeit hatte Eppen noch wirklich sein Dorf. Und mittendrin lag meine Schule, benannt nach ihrem Schüler Wolfgang Borchert, wo ich, so wurde mir versichert, im gleichen Klassenraum saß wie Jahre vor mir Uwe Seeler.

Im Krieg war es, als auch die Blocks, in denen ich später aufwuchs, von Bomben getroffen wurden. Verheerender als die Angriffe der Briten indes wirkten hier die Bagger. In der Querstraße, benannt nach den Geschwistern Scholl, räumen sie seit 40 Jahren nach und nach Platz frei fürs praktische Instant-Wohnen. Auch schräg gegenüber der Schule haben die Bagger 2012 eine Schneise in die Bausubstanz geschlagen und sie durch Blockfassaden ersetzt. Schnörkellos, makellos, seelenlos.

Schlimmer ging es allenfalls auf der anderen Straßenseite zu: Der Flachbau, in dem ich als Junge Vogelfutter für Timmy und Tina kaufte, ist fort. Ebenso das gelbe Einfamilienhaus samt seinen türkischen Bewohnern, die einst wie so viele "Gastarbeiter" scharenweise ins billige Eppendorf gezogen waren.