© Elisabeth Sandmann Verlag

Die Waffen einer Frau? Spätestens seit Beginn des kriegerischen 20. Jahrhunderts gehört der Lippenstift zu den Utensilien weiblicher Selbstoptimierung. Welch Ironie der Geschichte, dass dieser kleine Bolzen aus Fett und Pigment ausgerechnet in der Form einer Patronenhülse ikonische Bedeutung erlangte. Make-up ist eben nicht nur Makulatur, sondern auch Kriegsbemalung.

Davon berichtet die Journalistin Henriette Schroeder in ihrem Buch Ein Hauch von Lippenstift für die Würde. Weiblichkeit in Zeiten großer Not. Sie hat Beiträge von 23 Frauen versammelt, die über ihre Erfahrungen in Diktaturen, Straflagern, Kriegen und anderen Ausnahmezuständen berichten. Sie alle berichten, wie das Festhalten an Schönheitsritualen ihnen geholfen hat, sogar das Hässlichste zu überstehen, das Menschen einander antun können.

Henriette Schroeder hat mit KZ-Überlebenden, Veteraninnen und vor allem mit Publizistinnen gesprochen. Mit solchen, die sich als Beobachterinnen für die Rechte von Frauen einsetzen, und solchen, die selbst unter Repressionen litten. Wie zum Beispiel die heutige Buchautorin Emily Wu, die vom ästhetischen Totalitarismus während der chinesischen Kulturrevolution erzählt. Davon, wie der Kommunismus jeden persönlichen Ausdruck verbot.

""Henriette Schroeder gelingt es, durch bloßes Kompilieren die Parallelen zwischen den Frauen aufzuzeigen. Emily Wus Erfahrungen ähneln etwa denen der in der DDR inhaftierten Fernsehmoderatorin Edda Schönherz oder denen der Literaturnobelpreisträgerin ""Herta Müller"". Die Prohibition von Farbe und Mode im Ostblock schürte nicht nur ein Verlangen, ihre Missachtung ermöglichte auch optische Formen des Protests. "Wenn man sich aus der Hand gibt, hat man natürlich keine Würde mehr. Eitelkeit ist vielleicht sogar eine übertriebene Würde", sagt Herta Müller über ihren Widerstand gegen die rumänische Securitate durch Kleider und Schminke. "Dem Geheimdienstler, der mich verhörte, wollte ich damit sagen: Du hast mich noch nicht fertiggemacht. (...) Mit Worten konnte man das ja nicht tun. Das tat dann die Kleidung."

""Aber was können ein hübsches Kleid, ein bisschen Wangenrot ausrichten, wenn die Welt am Abgrund steht? Ob man sich im Krieg um sein Aussehen scheren darf, fragte die amerikanische "Vogue" 1941 und kannte schon die Antwort ihrer Leserinnen. Das Ja zum Schönen in der Krise ist nur zu verständlich: Wenn alles zersplittert, mag die Kontrolle der eigenen Verfasstheit das Einzige sein, was die Hoffnung auf Zukunft am Leben hält. Es zieht sich durch alle Zeugnisse, was die CNN-Chefkorrespondentin ""Christiane Amanpour"" in Bosnien lernte: Frauen, die sich noch unter Beschuss um ihr Aussehen sorgen, zeigen Stärke. Sie lassen sich nicht brechen, bewahren ihre Menschlichkeit. Banal? Nein, wahr: Lippenstift kann Leben retten.