Der Mann wäre natürlich ideal für das Projekt, ein erfahrener Museumsdirektor, ein versierter Kulturdiplomat, Deutschland kennend und es sogar mögend, ausgestattet mit den besten Verbindungen – und ein selbstständig denkender Kopf obendrein. Am vergangenen Wochenende brachte die Times den Namen Neil MacGregor für das Humboldtforum im Berliner Stadtschloss ins Spiel. 

Humboldtforum? Das ist immerhin das größte kulturpolitische Vorhaben des Bundes in den kommenden Jahren. Man weiß, dass das Schloss in Berlins Mitte als Rohbau beinahe steht, man weiß vielleicht noch, dass das Asiatische und das Ethnologische Museum dort einziehen werden. Aber das Humboldtforum soll darüber hinaus etwas ganz Besonderes sein: ein aktueller Ausstellungs- und Veranstaltungsbetrieb, der dem Austausch der Kulturen dient. Es soll nicht nur die geistige Klammer für die gesamte Museumsinsel bilden, sondern zur kulturellen Bühne werden für das weltoffene, der Globalisierung zugewandte Deutschland.

Als Intendant für dieses Vorhaben eignet sich kein Deutscher, das wäre eine Art Selbstwiderspruch, wohl aber beispielsweise der Schotte MacGregor, der gerade Direktor des British Museum in London ist. Die Deutschland-Ausstellung dort aus Anlass des 25. Jahrestages des Mauerfalls hat er zu verantworten. Sie war ihm, wie er in einem Interview betonte, eine "Herzenssache". Gerade hat er ein bedeutendes Stück der Elgin Marbles, der Figuren vom Parthenon aus Athen, nach St. Petersburg ausgeliehen. Für eine solche kulturpolitische Geste braucht es unter den herrschenden Bedingungen auch in Großbritannien Stehvermögen. Wenn er nun den Flussgott Ilissos schickt, signalisiert MacGregor, dass der Gesprächsfaden mit Russland nicht abreißen darf. Es ist also kein Wunder, dass die deutsche Kulturstaatsministerin Grütters ihn umwirbt.

Doch bevor die Vorfreude überhandzunehmen droht: Nichts ist entschieden, nichts ist zugesagt. Es wird verhandelt, aber auch mit vier oder fünf weiteren international renommierten Kandidaten, wie es heißt. Sicher ist es der Bundeskulturpolitik nicht unlieb, wenn große internationale Namen kursieren. Das zeigt der Öffentlichkeit, dass noch Leben ist in einem Projekt, das in den letzten Jahren nicht gerade mit Verve angegangen wurde. Mögen die Beteiligten in Museen und Stabsstellen fleißig sein, die politisch zu entscheidenden Struktur- und Finanzierungsfragen hinken hinterher. Das Berliner Schloss ist gewissermaßen der umgekehrte Flughafen: Der Bau steht, aber wie der Betrieb funktionieren soll, weiß keiner.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 51 vom 11.12.2014.

Für die Zusage eines Kandidaten ist es also viel zu früh. 2019 wird das Humboldtforum eröffnen, so viel ist sicher, der Bau ist im Plan, die Museen bereiten ihren Umzug vor, aber wie das Veranstaltungsmodul im Rahmen des großen Schlossprojekts genau organisiert sein soll, gekoppelt am besten mit einem überzeugenden inhaltlichen Konzept, das ist tatsächlich noch nicht festgelegt. Und da sind fünf Jahre wenig, angesichts offener Rechts- und Versicherungsfragen. Der Bundestag bewilligte zwar in seinen letzten Haushaltsberatungen eine Million Euro für den kommenden Intendanten, sperrte den Posten aber sogleich wieder. Er wird erst freigegeben, wenn die Kulturstaatsministerin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihre Planungen konkretisieren.

Die Unklarheiten sind mannigfach: Es gibt keine Zusagen darüber, mit wie vielen Stellen die Intendanz ausgestattet sein soll, es ist noch nicht einmal beschlossen, wie hoch der Etat für den Kulturbetrieb im gesamten Schloss ausfallen wird. Von 40 bis 50 Millionen Euro pro Jahr ist die Rede, Geld, das der Bundestag demnächst zusätzlich für die Kultur in Deutschland freimachen muss. Das allein wird nicht einfach werden. Man müsste auch genau wissen, wie hoch der Bedarf der Museen ist, um dann den Etat für das Veranstaltungsprogramm festzulegen. Vor allem ist unklar, wie die Unabhängigkeit des Intendanten gewährleistet werden soll. Als Abteilungsdirektor der Preußenstiftung wird er nicht arbeiten wollen. Aber wem wird er 2019 verpflichtet sein? Dem Beirat einer noch zu gründenden Stiftung?