Meine Nächte waren schlaflos, angefüllt von unglaublichem Kummer", sagte Lesley McSpadden. "Mein Mann sollte hier sein, Weihnachten mit den Kindern feiern. Aber er ist es nicht", sagte Esaw Garner. "Nichts auf dieser Welt wird meinen Schmerz lindern können", sagte Sylvia Palmer.

In Amerika schlägt die Stunde der Mütter und Ehefrauen. Sie beklagen den Tod ihrer Männer, ihrer Söhne. Michael Brown, McSpaddens Sohn: erschossen in Ferguson. Esaws Ehemann Eric: gestorben im Würgegriff eines Polizisten. Akai Gurley, Sohn von Sylvia Palmer: abgeknallt in einem Treppenhaus in New York.

All dies geschah in den letzten sechs Monaten. Jetzt legen Aretha Franklin und Mary J. Blige, die beiden größten lebenden Soulsängerinnen Amerikas, neue Platten vor. Man wird sie hören müssen mit den Klagen dieser Frauen im Ohr.

Franklin und Blige sind Ikonen im Fach der Liebesballade, haben in vielen Songs den Verlust des Geliebten, den Kampf um Versöhnung besungen. Und seit Franklin 1967 das Wort respect in Buchstaben zerlegte und zugleich zu einem Kampfruf des Feminismus zusammenschweißte – R-E-S-P-E-C-T! –, ist das Verhältnis der Geschlechter immer auch als Chiffre für das Zusammenleben der Rassen zu deuten.

Franklins neue Platte heißt Great Diva Classics, eine Hommage an die Heldinnen des tragischen Soulfachs. Respect ist dabei, aufgenommen ein Jahr vor der Ermordung Martin Luther Kings. Midnight Train to Georgia von Gladys Knight, ein Song aus der Hochzeit von Vietnam. I’m every Woman, eingespielt von Chaka Khan im Watergate- und Ölkrisenjahr 1978 und dann noch einmal von Whitney Houston 1992, als in Los Angeles die Ghettos brannten. Auch von 1978: Gloria Gaynors I will Survive. Eine Hymne der damals entstehenden Disco-Bewegung, die zudem eine gesellschaftliche Utopie formulierte: Auf dem Dancefloor sind alle gleich.

Und schließlich die Neuinterpretation des Adele-Stücks Rolling in the Deep, ein gespenstischer Höhepunkt der Platte, weil sich der Rachetext der Enttäuschten – "Ich werde dir alles nehmen! Unterschätze nicht, wozu ich fähig bin!" – kurzschließt mit Ain’t no Mountain High Enough. Auch ein Lovesong, gesungen 1967 von Tammi Tarrell und Marvin Gaye und schon damals ein Stück mit politischer Note: Remember the day I set you free ...

Mary J. Blige verehrt Marvin Gaye ebenso sehr, wie sie vom Stripclub-R&B amerikanischer Chart-Provenienz die Nase voll zu haben scheint: The London Sessions ist vom Klang her halb Motown, halb Disco. Auch dieses Album hat nun diese merkwürdige Doppelbelichtung. Therapy handelt von einer Verzweifelten, die zweimal am Tag in Behandlung geht. Whole Damn Year erzählt vom Trauma nach einer Gewalttat. In Pick me up, vordergründig eine lockere Abtanznummer, heißt es: "Es ist Krieg da draußen, und ihre Waffen sind riesig. Die Leute sind kälter, als du es jemals glauben würdest."

"So schmerzhaft diese Vorfälle sind", sagte Obama anlässlich der rassistischen Gewalt gegen Afroamerikaner, "es ist wichtig, dass wir das jetzige Geschehen nicht mit den Vorfällen von vor 50 Jahren gleichsetzen." Damit spielte er auf die Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Medgar Evers an, dessen Mörder 1964 von einer Jury freigesprochen wurde. Im Pop gilt die historische Differenzierung nicht. Das macht ihn so erschreckend präzise und aufschlussreich.