Flavia Kleiner, 24, Co-Präsidentin Operation Libero

Es war ein Schock. Ich öffnete gerade den Kühlschrank, da hörte ich im Radio: Die Masseneinwanderungsinitiative wurde angenommen. Das klingt jetzt etwas dramatisch, aber mir ist gleich der Appetit vergangen. Der 9. Februar ist für mich und meine Freunde in der Operation Libero eine Art 9/11-Moment: Wir wissen noch alle, wo wir an diesem Sonntag waren.

Ich bin in einem FDP-Haushalt aufgewachsen. Meine Mutter war Gemeinderätin in Niederhasli im Zürcher Unterland. Mit 18 lotste sie mich erstmals an die Gemeindeversammlung in die Mehrzweckhalle Seehalde. Abgrenzung? Hm, nein. Ich bin keine Rebellin, die sich darüber definiert. Meine Mutter war eher ein Vorbild für mich. Sie lehrte mich, wie wichtig es ist, sich zu engagieren, sich zu exponieren. In den Diskussionen mit ihr konnte ich meine Positionen genauer herausarbeiten. Heute ist sie eine meiner wichtigsten Mentorinnen.

Bald kam zu Hause auch die Frage: Wann trittst du in die Partei ein? Aber das schaffte ich einfach nie. Auch wegen Parteipräsident Philipp Müller. Die heutige FDP vertritt nicht die Schweiz, von der ich träume. Sie kuscht vor der SVP und sieht die Zuwanderung nur als Problem. Ich aber will in einem weltoffenen, liberalen, modernen und international vernetzten Land leben. Die Schweiz hat die besten Zeiten noch vor sich!

An der Universität Freiburg, wo ich Zeitgeschichte und Rechtswissenschaften studiere, saßen nach dem 9. Februar alle mit hängenden Köpfen in der Kaffeepause: Wie konnte es nur so weit kommen? Das hielt ich nicht aus. Ich stand dann auf und fand, so, voilà, jetzt müssen wir etwas machen. Packen wir’s an! Zum Glück dachten viele Freunde genau das Gleiche. Also gründeten wir die Operation Libero.

Wir trafen uns mit Gleichgesinnten, hirnten monatelang, was wir nun tun könnten. Eine Partei gründen? Diese Idee verwarfen wir bald wieder, wir wollten die Parteienlandschaft nicht noch stärker aufsplittern. Wir wollen eine Bewegung sein, das echte liberale Gewissen der Schweiz. Und uns nicht in bekannte Schemen drücken lassen. Im Sommer verschanzten wir uns ein Wochenende lang in einem Ferienhaus bei Einsiedeln und entwarfen unser Manifest, schärften unseren Schlachtplan.

Die erste Woche nach dem Launch der Operation Libero war strub. Kurz zuvor sagten wir noch zueinander: Was kommt da eigentlich auf uns zu? Dann krachte es. Wir waren in allen Zeitungen, am Fernsehen, und ich saß im Tagesgespräch von Radio SRF 1. Eine halbe Stunde lang, live. Ich hatte zuvor noch nie ein richtiges Interview gegeben. Es war, als ziehe man sich vor 200 000 Leuten sein T-Shirt hoch. Die hören einfach zu, müssen aber nichts von sich preisgeben. Danach kriegte ich unzählige Mails, die ich fast alle beantwortet habe. Gewisse Mail-Schreiber, die giftigsten, rief ich persönlich an. Einige waren wirklich verdutzt, es war ihnen recht unangenehm, dass sie sich rechtfertigen müssen.

Wieso ich mir das antue? Weil es einfach nicht reicht, nur zu studieren, etwas Sport zu machen und Katzenvideos auf YouTube zu schauen. Vor allem aber: weil es mir Spaß macht!

Wenn es in die Hosen geht, dann geht es halt in die Hosen. Dann mache ich halt etwas anderes. Nein, nein, das ist kein Plan B, den habe ich nicht. Ich bin einfach bereit mich à fond in diese Sache reinzugeben. Nächstes Jahr sind Wahlen, da wollen wir mitmischen. Unter anderem mit einem "Gütesiegel" für wirklich liberale Kandidaten. Meine ganze Freizeit geht für die Operation Libero drauf – und das ist super so.

Flora Märki, 21, Food-Diverin

Klar bin ich nervös, wenn ich mit dem Velo zu meinem Lebensmittelgeschäft fahre. Es ist nach Ladenschluss, dunkel, ich weiß nicht, ob ich wieder den Securitas antreffe und ob er mich auch diesmal in Ruhe lässt. Das Adrenalin gehört dazu, wenn man als Food-Diverin unterwegs ist. Ich weiß, in welchem Container die Esswaren sind, und nehme mir die Säcke vor. Dann packe ich so viel ich essen oder meinen Freunden verschenken kann in meinen Rucksack. Manchmal finde ich einen ganzen Sack voll mit Brotwaren. Sehr viele Milchprodukte, Joghurt, Käse und alle Arten von Desserts. Auch Fertigprodukte und ab und zu Gemüse und Früchte. Und leider auch sehr viel Fleisch. Das lasse ich aber liegen, ich bin Vegetarierin. Manchmal schaue ich mir ein Poulet an und überlege, was in diesem Fleisch steckt, wie da einmal ein Hüenli gelebt hat für nichts. Dass Tierfutter hergestellt werden musste für nichts. Dass Felder gedüngt wurden für nichts. Der ganze Ressourcenverschleiß, die ganze Umweltbelastung, alles für nichts. Das ist heftig. So wie es heftig ist, dass ein Drittel aller Lebensmittel, die produziert werden, nicht gegessen werden, sondern irgendwo im Abfall landen.

Ich weiß, manche Food-Diver würden nie mit ihrem Gesicht hinstehen und sagen: Ja, ich tue es! Dass man dazu steht, gehört für mich aber dazu. Obwohl ich weiß, dass ich mich in einem rechtlichen Graubereich bewege. Aber kann jemand ernsthaft etwas dagegen haben, wenn ich den Ghüder der Gesellschaft verwerte? Ich tue es ja nicht für mich, auch nicht für mein Portemonnaie, sondern weil ich auf einen Missstand aufmerksam machen will. Ich will die Konsumentinnen und Konsumenten sensibilisieren und dazu animieren, ihre hohen Erwartungen zu hinterfragen. Zum Beispiel, dass sie frisches Brot bis Ladenschluss im Regal haben wollen. Erst das zwingt die Lebensmittelläden dazu, Unmengen von Abfall zu produzieren.

Eine Zeit lang habe ich fast nur Dinge gegessen, die ich beim Containern gefunden habe. Das Problem ist, dass ich mich dann aber nicht so ernähren konnte, wie ich eigentlich wollte, nämlich mit frischem Gemüse, aus dem ich selber etwas koche. All die Dessertjoghurts, Fertigkaffees und das Convenience-Zeugs waren am Anfang cool. Unterdessen ist es mir verleidet.

Mein Traum? Dass ich eines Tages nichts mehr finde, wenn ich einen Container öffne. Ich bin Idealistin und Optimistin und glaube, dass man Dinge verändern kann. Ich sehe vieles, das mich ermutigt: Die Ässbar in Zürich, wo Brot vom Vortrag verkauft wird. Die Mensa an der ETH, wo es neuerdings ein Menü als kleine Portion gibt. Das Ziel: Keine Resten!