Zwölf Meter. Zwölf Meter über dem Boden. Das scheint mir genau der richtige Platz, um meine Ski das erste Mal zu testen. Eisjoch auf dem Stubaier Gletscher, an einem Montagvormittag Ende November. Ich sitze im Sechser-Sessellift, die Sonne klettert gerade über den Kamm der Schaufelspitze, neben mir schaukeln drei Berchtesgadener Senioren. Wie alt sie meine Ski schätzen, unterbreche ich ihr Gespräch über Implantatkosten. Sie schauen mir ins Gesicht, von dort runter auf die Fußraste. Matt und griffig liegen da meine Ski: die Holzoberfläche an den Innenseiten ockergolden gemasert und außen mit dunkelbraunen Streifen. "Mei", sagt einer der Senioren und kratzt mit seiner Skistockspitze über mein Vogelaugenahorn-Furnier. "A Hoiz-Schi? So draißg Joar scho." – "I glaab, so oan hob i aa no im Kella, ganz hintn drin", nickt der andere. "Aber schee. Schee sans scho."

Funkelnigelnagelneu sind die, nix Keller, nix ganz hinten, gerade mal 20 Stunden alt, frisch aus dem Ofen, wunderschön – und vor allem: selbst gemacht. Von mir.

Selbst gebastelte Ski – eigentlich habe ich schon seit der Kindheit nichts anderes. Wir – meine fünf Brüder und ich – waren stets die Fahrer mit der schlechtesten Ausrüstung am Hang. Wir hatten Fangriemen, die anderen Skistopper; wir hatten Stulpen, die anderen Schneehosen; wir hatten Wolljanker, die anderen neonfarbene Elho-Jacken. Mit einer Handvoll Streichhölzer und einem Taschenmesser gelang es meinem Vater wiederholt, aus dem Ski gebrochene Bindungen mitten auf der Piste zu reparieren (er sprach von "individuellen Anpassungen", eine Art Vorläufer des Customizings). Einer meiner Brüder musste einmal eine ganze Tageskarte lang mit zwei rechten Skistiefeln fahren. Wäre Winnetou je auf Skitour gegangen, er hätte unsere Tonkin-Stöcke dabeigehabt, die sich nur marginal von frisch geschnittenem Bambus unterschieden.

Die mangelhafte Ausrüstung versuchten wir mit einem radikalen Fahrstil zu kompensieren. Im Alter von gerade mal vier Jahren schoss ich den Wendelstein runter, blaue, rote, auch schwarze Pisten. Ich fuhr immer Schuss. Für weniger fehlte mir die Angst, für mehr die Technik.

Nun aber soll – ausgerechnet mit selbst gebastelten Brettern – alles anders werden. Denn bei den Vogelaugenahorn-Ski haben mir Profis geholfen. Was in meiner Kindheit Gerümpel war, ist jetzt der Maßanzug für die Piste. Aus Minus wird Plus, die Krücke wird Zepter.

"B II R" steht in schwungvollen Lettern an der dunkel holzverschalten Werkstatt und gleich darunter die Erklärung: "Build 2 Ride". Es ist Samstagmorgen, gerade bin ich in Farchant angekommen, einer 3.000-Einwohner-Gemeinde kurz vor Garmisch-Partenkirchen. Rechts und links von mir falten sich die Berge aus dem Boden, dahinter fällt der Blick auf das Wettersteingebirge mit der mächtigen Zugspitze. Es ist, als ob sich hier im Tal die Landschaft ein letztes Mal ausruhen dürfe. Das Flüsschen hinter der Werkstatt, in dessen Strömung handlange Forellen stehen und über das man mit einem großen Schritt auf eine sattgrüne Weidewiese gelangt, heißt Salatbach. Wir sind am südlichen Ende der B2, der längsten Bundesstraße der Republik. Wir sind am Ende Deutschlands.

Und wir sind zu zehnt. Eine ziemlich bunte Truppe, vom Sozialarbeiter bis zum Unternehmensberater, von Winfried ("Ich arbeite in der Kältebranche") bis zur Innenarchitektin. Drei Teilnehmer haben den Skibau-Workshop zum Geburtstag geschenkt bekommen. Die zwei Bauingenieurfreunde machen daraus ein Männerwochenende, der Geschäftsführer mit dem 14-Jährigen ein Vater-Sohn-Abenteuer.

Alle haben vorab in einem Fragebogen ihre Wünsche angegeben: Länge und Form der Ski, Belagfarbe und Spitzenkrümmung, Heckform und Designideen. "Hier richtet sich der Ski nach dir", sagt Axel Forelle, 26, einer der drei Geschäftsführer von Build 2 Ride, abgebrochenes Jurastudium, das Büro macht Mama. "Hier musst du nicht mit Ware von der Stange irgendeinen Kompromiss eingehen." Vom Freak-Ride-Modell für den "Back-Flip über eine Felskante in den Powder", wie es im Fragebogen hieß, bis zum Easy-Ride, mit dem man "immer entspannt ans Ziel" kommt, ist alles möglich.

Ich habe das Allmountain-Modell gewählt, den Alleskönner. Lieber nicht festlegen, lieber keinen Spezialski. Vor mir auf dem Tisch liegen nun die zwei Plastikbeläge – die Skischicht, die später über den Schnee gleiten wird. Sie sind schon wasserstrahlgeschnitten: 173 cm lang, drei Millimeter dick, 12er-Schaufel, 10,5er-Heck. Vorne und hinten stehen als Orientierungspunkte auf jeder Seite kleine Rechtecke über. Ein bisschen nach Cornflakespackungsrückseite sieht das aus. Gleich wird es um Knickkante, Falzbein und Klebestellen gehen, argwöhne ich. Ein Bastelkit? Und der Kunde darf noch ein bisschen zusammenstecken?

Von wegen. Der Kampf geht gerade erst los. Stahl zum Beispiel ist verdammt hart. Genau richtig also für die Skikante, denke ich, als wir ihn uns von der Kabeltrommel herunterzwicken: Nur so kann die Kante, scharf geschliffen, später auf der Eisplatte greifen. Riesenmist, denke ich wenig später, als ich das sperrige Ding entlang der Beläge auf Allmountain-Form biegen soll. Während das abstehende Stahlende mir die Innenseite des Unterarms aufkratzt, ist das Einzige, was sich wirklich dauerhaft krümmt, mein Rücken. Und ein Paar Ski hat vier Kanten, fast acht Meter Allmountain-Krümmung. Als Axel mit den Leberkässemmeln fürs Mittagessen kommt, bin ich das erste Mal der Letzte an diesem Wochenende.