Die Bausoldaten blieben eine kleine Minderheit. Insgesamt dienten bis 1989 etwa 15.000. Von den 6.000 Totalverweigerern wurde etwa die Hälfte einberufen und verurteilt. Die Kirche, so das übliche Urteil, stand diesen Menschen bei. Das ist nicht falsch, jedoch indifferent. Erstens waren nicht alle Waffenverweigerer Christen. Zweitens wurden die evangelischen Landeskirchen in der DDR in den sechziger Jahren von höchst verschiedenen Bischöfen geführt. Der Thüringer Bischof Moritz Mitzenheim verhielt sich staatsloyal und ließ sich 1961 von Walter Ulbricht mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold dekorieren. Der Greifswalder Bischof Friedrich-Wilhelm Krummacher war 1933 in die NSDAP eingetreten und Wehrmacht-Divisionspfarrer gewesen. In sowjetischer Gefangenschaft schloss er sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland an. In Männern dieser Generation überdauerte oft eine systemübergreifende Wertschätzung des Militärdienstes als "Schule der Manneszucht".

Ganz anderen Wesens war der Magdeburger Bischof Johannes Jänicke. Der Pazifist und Mann der Bekennenden Kirche empfand Waffendienst als Sünde. In Jänickes Kirchenprovinz Sachsen entstand ein innerkirchlich weitverbreitetes Samisdat-Papier: Zum Friedensdienst der Kirche, die berühmte Handreichung für Seelsorge an Wehrpflichtigen. Heute findet man die 13 Seiten leicht im Internet. Damals fahndete nach diesem Sprengstoff der Staat, der sich ja selbst als Antikriegsmacht propagierte und seine Volksarmee als Trutzwehr des Friedens, wider die klassenfeindlichen Nato-Aggressoren.Heute, in unseren remilitarisierten Zeiten, lesen sich viele der alten Sätze höchst aktuell: "So gewiß christlicher Dienst für den Frieden persönliche Gewissensentscheidung ist, so gewiß liegen Begründung und Ziel nicht im individual-ethischen Bereich." Es gehe "nicht um die Verneinung und Abschaffung staatlicher Gewalt schlechthin, sondern um die Abschaffung des Krieges als einer überlebten Form zwischenstaatlicher Auseinandersetzung". "Friede ist zum Leitbegriff und Maßstab politischen Handelns geworden, und zwar genau an der Stelle, an welcher im nationalstaatlichen Denken das Vaterland stand." Hingegen seien im Hass und Vernichtungsdenken von Ost und West "ideologisierte Armeen in den Anachronismus einer voratomaren Weltlage zurückgefallen". Deshalb gäben die Verweigerer "und auch die Bausoldaten, welche die Last nicht abreißender Gewissensfragen und Situationsentscheidungen übernehmen, ein deutlicheres Zeugnis des gegenwärtigen Friedensgebots unseres Herrn".

Die ältere Generation, forderte das Papier, möge das Soldatsein entzaubern, insbesondere die falschen Ehrbegriffe. Zwei der damals jungen Mitautoren traf man in Wittenberg: Hans-Jochen Tschiche und Peter Schicketanz. Auch nachmals prominent gewordene Bausoldaten traten auf: Gerhard Schöne, Heiko Lietz, Helmut "Joe" Sachse, Stephan Dorgerloh ... Viele Spaten-Veteranen rangen mit der kriegerischen Gegenwart. Wie stoppt man die Mörderhorden des IS?

Jubiläumstechnisch böte es sich an, sämtliche Ex-Spatis zu Pionieren der Friedlichen Revolution zu befördern. Die Bischöfin Ilse Junkermann nannte die Bausoldaten-Einheiten Schulen der Opposition. Betrüblich unromantisch erklärte der Historiker Iko-Sascha Kowalczuk die Oppositionsgeschichte für multikausal. Auch die normalen NVA-Soldaten hätten den Sinn der Armee erfahren: Bruch der Individualität. Man muss die Bausoldaten nicht mythologisieren, sagte Kowalczuk. Verweigerung gegenüber der Diktatur, das ist Ruhm genug.