Wenn die Männer ihre gelben Friesennerze überziehen, in der Show von Joko und Klaas durchs Bild springen, ihre Heimat beim Bundesvision Song Contest vertreten oder in Hamburg auf die Bühne des Molotows steigen, dann singen sie jedes Mal auch ein bisschen gegen den Tod an. Gegen den Tod der plattdeutschen Sprache.

Riemelmeester Malde, Kommodige Jaykopp und Plietsche Torbän – das sind De Fofftig Penns. Sie rappen auf Niederdeutsch, eine Mundart, die nur noch rund zweieinhalb Millionen Norddeutsche beherrschen, Tendenz fallend. "Platt is de Spraak, up de jümmer mehr Minschen schieten", heißt es in einem ihrer Songs. Platt ist die Sprache, auf die immer mehr Menschen scheißen.

Es ist quasi unmöglich, die drei gemeinsam zum Interview zu treffen, weil sie alle woanders wohnen: Gent, Berlin, Hamburg. Man beginnt also in Hamburg. Plietsche Torbän, der eigentlich Torben Otten heißt und als Kreativdirektor arbeitet, sitzt in seinem Büro in der Hamburger Innenstadt, das aussieht, wie Büros in Werbeagenturen eben aussehen, nicht nach Arbeit nämlich. In der einen Ecke steht ein Minitrampolin, in der anderen Ottens Reisetasche, dazwischen sitzt er, Turnschuhe, Hoodie, Käppi mit der Aufschrift "Löppt". Läuft. "Wir sind keine Traditionalisten", sagt Otten. "Wir übersetzen das Platt in eine neue Zeit."

Hochburg des Plattdeutschen ist Schleswig-Holstein. Doch wie in allen norddeutschen Bundesländern gehen die Zahlen der Sprecher zurück: 1984 gab dort rund die Hälfte der vom Institut für niederdeutsche Sprache Befragten an, sehr gut oder gut Platt zu sprechen, zuletzt war es nur noch ein Drittel. Betrachtet man die norddeutschen Bundesländer insgesamt, so ist die Mehrheit der Plattsprecher älter als 50 Jahre, unter den 14- bis 34-Jährigen beherrschen den Dialekt nur noch fünf Prozent sehr gut oder gut. Vor allem in den Städten gibt es immer weniger Plattdeutsch-Kenner.

Dabei sprach noch vor 100 Jahren jeder in Norddeutschland Platt. Dass von diesem sprachlichen Wissen kaum etwas geblieben ist, liegt daran, dass das Niederdeutsche in den fünfziger und sechziger Jahren als bildungsfern empfunden wurde – also verbannte man es kurzerhand aus dem Alltag. In den achtziger und neunziger Jahren sendete der NDR mit seiner Show Talk op Platt gegen das Dialektsterben an, aber die Renaissance des Niederdeutschen sollte erst zehn Jahre später kommen. Seit 2005 erscheinen jährlich mehrere Kinderbücher auf Plattdeutsch, es gibt Gottesdienste und ausgebuchte Volkshochschulkurse, Zeitungskolumnen und Theaterstücke. Vor vier Jahren hat Hamburg Niederdeutsch als eigenes Schulfach anerkannt, seit dieser Fußballsaison können Fans von Werder Bremen Schals mit der Aufschrift "Op ewig gröön-witt" kaufen.

Und es gibt plattdeutsche Musik.

2003 meldeten sich Torben Otten, Malte Battefeld und Jakob Köhler in der Schule für eine Plattdeutsch-AG an. Freitagnachmittag, 15 bis 18 Uhr, vorn an der Tafel stand Bernd de Reese. Und weil Bernd so ein charismatischer Lehrer war, wie Otten sagt, lernten die drei, Platt zu sprechen. Am Ende des Schuljahres sollten sich die Schüler ein Plattdeutsch-Projekt ausdenken, also übersetzten Otten, Battefeld und Köhler einen Song des amerikanischen Rappers 50 Cent ins Plattdeutsche. Seinen Namen übernahmen sie gleich mit: De Fofftig Penns.

Norddeutscher Hip-Hop, Plattdeutsch – da ist man schnell bei Fettes Brot, die es 1995 mit Nordisch by Nature auf Platz 17 der deutschen Charts schafften: "Ik krakehl veel Platt in dat Mikrofon / büst nich ut’n Norden, is dat schwer to verstohn ..." Der Song gilt inzwischen als Hymne Norddeutschlands, Fettes Brot allerdings entschieden sich danach, Hochdeutsch zu singen.

De Fofftig Penns wollen bei Plattdeutsch bleiben.

"Das heißt aber auch, dass unsere Musik Grenzen hat", sagt Otten in seinem Büro. Er meint die geografischen. Die Band spielt hauptsächlich in Norddeutschland, Rostock und Hannover könnte man als Grenzstädte ihres Aktionsradius bezeichnen. "Wir wollten dieses Jahr eigentlich in Köln spielen, aber das Konzert mussten wir absagen, weil wir nicht genügend Tickets verkauft haben." Ihr Auftritt diesen Sonntag in Hamburg: ausverkauft.