Es war am vergangenen Donnerstag, abends um fünf nach acht, als man die deutsch-französische Freundschaft aufs Abstellgleis rangierte. Zum letzten Mal fuhr der CNL 1279, ein Nachtzug zwischen Deutschland und Frankreich, von Hamburg-Altona zum Gare de l’Est, Paris. Zum letzten Mal zwängten sich die Reisenden in schmale Gänge und winzige Abteile, kletterten auf Aluminiumleitern zu ihren Liegen, schlugen weiße Laken über schmuddelige Polster und schliefen ein zu monotonem Gleisgeratter. Um 9.27 Uhr rollte der Zug in Paris ein. Gare de l’Est. Endstation.

Drei Nachtzugstrecken hat die Deutsche Bahn in den vergangenen Wochen aufgegeben: von München, Berlin und Hamburg nach Paris. Von Amsterdam, Basel und Prag nach Kopenhagen. Und einen Teil der Strecke von Prag und Warschau nach Amsterdam. Es rentiert sich nicht, sagt die Deutsche Bahn. Es ist ein Jammer, sagen jene, die nun gegen die Abschaffung der Nachtzugstrecken protestieren. Denn nirgends dehnt sich die Zeit so wundersam langsam aus wie auf der ausgebeulten Pritsche im Liegewagen, nachts zwischen Hamburg und Paris.

Die Reise von Altona zum Gare de l’Est dauert 13 Stunden und 27 Minuten. Mit dem Flugzeug kommt man in dieser Zeit von Frankfurt nach Buenos Aires, einmal um die halbe Welt. Der Nachtzug aber ist ein Entschleunigungsexpress, der Billigflieger der Flaneure.

Er ist ein unbequemer Begleiter, meist erträgt man ihn nur mit Ohropax, mit Augenbinde und parfümgetränkten Tüchern. Um sich mit ihm zu arrangieren, braucht man wenig Geld, aber ein großes Herz – für all jene, die über und unter einem schnarchen, schmatzen und verdauen. Wenn man Pech hat, ist die Bordtoilette schon kurz hinter der Grenze hoffnungslos verstopft. Wenn man Glück hat, trifft man beim Bier im Bordbistro auf Menschen, denen man noch Jahre später Briefe schreibt.

Nachtzugfahren ist die vielleicht schönste aller Beschwerlichkeiten – und ein Verlustgeschäft. Das zumindest sagt die Bahn. 48 Millionen Euro Umsatz hätten die drei stillgelegten Strecken im Jahr 2013 gebracht und 12 Millionen Euro Verlust. Vor allem die Schlafwagen rechneten sich nicht, die Wasserleitungen seien marode, die Liegen klapprig und kaputt. 14 Nachtzugverbindungen gibt es noch. Im Jahr 2015 soll es "keine weiteren Streichungen im Nachtzugbereich geben", sagt eine Bahnsprecherin, dann wolle man beraten, wie es mit dem Nachtzug weitergeht. Ob es weitere Streichungen geben wird, sagt sie nicht.

Man hat es dem Nachtzug schwer gemacht. Gegen Fernbusse und Flugzeuge hatte er kaum keine Chance. Busse sind von der Maut befreit, Fluggesellschaften fliegen ohne Mehrwertsteuer. Die Bahn muss für jeden Zug Trassengebühren und Stationsentgelte zahlen. Hinzu kommt der volle Mehrwertsteuersatz auf den Fahrpreis.

Im Januar 2015 soll es im Verkehrsausschuss des Bundestages eine Anhörung zur Zukunft des Nachtzugs geben. Politiker von den Grünen und der Linkspartei wollen den Nachtzug retten. Die Bahn aber hat die ersten Schlafwagen schon zum Verkauf gestellt. Einen Tag später habe das Telefon nicht mehr stillgestanden, sagt die Bahnsprecherin: Interessierte Käufer hätten sich nach dem Preis erkundigt. Keine Zuggesellschaften, sondern Privatpersonen. "Richtige Nachtzugfreaks", sagt die Bahnsprecherin.

Zumindest eines ist mit dem Tod der Nachtzugstrecken wiederauferstanden: das europäische Gemeinschaftsgefühl. In Schweden, Dänemark, Deutschland und den Niederlanden gründeten sich Protestgruppen gegen die Streckenstreichungen. Sie sammelten Unterschriften, verschickten Protestpostkarten. Bis Anfang Dezember sollen sie 30.000 Unterschriften gesammelt haben, sagt die Initiative "Nachtzug bleibt". Auch die Franzosen haben eine Protestbewegung gegründet. "Rendez-moi mon train" heißt sie: Gebt mir meinen Zug zurück.