Verglichen mit der Krise in Griechenland, Italien, Spanien, Portugal und nun auch in Frankreich, geht es Deutschland ausgezeichnet. Deutschlands Erfolg jedoch, sein Überfluss und seine Dominanz bedeuten Europas Niedergang, sie sind in jeder Hinsicht Abgesang und Todesurteil für das Projekt Europa.

Dem deutschen Establishment und seinen Bürgern sollte das am meisten Sorgen machen. Ist ihnen klar, was es heißt, wenn Missgunst, Angst und Neid gegen ihr Land von Calais bis Piräus, von Lissabon bis Lampedusa ihre Kreise ziehen? Populäre, virulente, schwer zu deckelnde und leicht zu befeuernde Gefühle, umso mehr, als der antideutsche Chauvinismus auf die Erinnerung an Führerschafts- und Hegemonieansprüche des einstigen Kriegsanzettlers Deutschland setzen kann. Die Nationalhymne tut das Ihre, klingt doch im Kopf des krisengeplagten Europäers stets unweigerlich "Deutschland, Deutschland über alles" mit: eine alles andere als beruhigende Assoziation, die eine bange Vorstellung von räuberischen Horden unterm Hakenkreuz nährt und in Italien das vollkommen unbedeutende Buch Il Quarto Reich des Berlusconi-treuen Journalisten Vittorio Feltri hervorgebracht hat.

Harmonie und Solidarität: Um zu existieren, muss Europa nach Einheit und Einigkeit streben, zumindest unter einigen unabdingbaren Gesichtspunkten, die die verbleibenden Unterschiede nicht zu einem konfliktträchtigen Pulverfass, sondern zu einer nachhaltigen Bereicherung machen. Als Zwangsjacke wirtschaftlich-finanzieller Gemeinschaft von auseinanderdriftenden sozialen Wirklichkeiten wird ein (und sei es nur wirtschaftlich-finanzielles) Zusammenleben unmöglich – allzu schnell zeigte es die bestialischen Züge zusammengepferchter Versuchstiere.

Blicken wir also der Medusa ins Gesicht, die Europa bedroht: Der Überfluss Deutschlands, das hinsichtlich Wohlstand und politischer Überlegenheit tatsächlich "über allem" ist, beschwört Europa nicht als gemeinsames Haus, sondern die Brüsseler und Straßburger Institutionen als Nebenstellen Frankfurts und Berlins, wo man einem Nullsummenspiel frönt, das vielleicht nicht auf "mors tua vita mea", gewiss aber auf "Dein Reichtum ist meine Armut" setzt. Schließlich gilt der "Rettungsfonds" sowohl der AfD als auch der Kanzlerin als "Eigentum", das sich die Nichtstuer-Länder, die Heuschrecken aus dem Süden, unter den Nagel reißen.

Chauvinisten-Propaganda, der sich selbst die SPD nicht entziehen kann. Doch der faule Süden auf der einen und der fleißige Norden auf der anderen Seite sind eine Mär: Allenfalls lässt sich das Produktivitätsgefälle auf den massiven Einfluss von Korruption, Steuerbetrug, bürokratischer Verstocktheit (und in Italien der Mafia) zurückführen, somit vor allem auf politische Probleme, die mit dem vermeintlichen Volkscharakter rein gar nichts zu tun haben. Im Grunde ist der herrschende wirtschaftliche Mechanismus ganz einfach: Früher konnte ein schwächelndes Land seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit durch die Abwertung seiner Währung wiedergewinnen. Mit dem Euro ist dieser Weg verstellt, und ein stagnierendes, von Deflation bedrohtes Land kann den Aufschwung nur durch die drastische Senkung der Löhne oder die Erhöhung der Staatsausgaben à la Keynes herbeiführen. Doch der erste Weg ist nicht nur ungerecht, er sorgt auch für heftige soziale Spannungen und eine sinkende Binnennachfrage, wohingegen die Deflation die effektive Staatsverschuldung automatisch in die Höhe treibt: synergetische Dominoeffekte, die die Krise verschärfen.

Die Folge: Seine marktliberale, nicht expansive Politik (die berühmte Merkelsche "Härte") macht Deutschland unweigerlich reicher und die am härtesten von der Krise getroffenen Länder ärmer, und das, nachdem Deutschland jahrelang erheblich vom Euro profitiert und den schwächsten Ländern damit die Möglichkeit zum Exportwachstum mittels Entwertung genommen hat.

Hilfreich für Europa kann daher nicht sein, die Knute wirtschaftsliberaler "Härte" herauszuholen, sondern nur, die bestehenden Konflikte durch eine fortlaufende, asymptotische Minderung der Diskrepanzen sowohl zwischen den europäischen Ländern als auch innerhalb der Länder handhabbar zu machen.

Damit die in Merkels, Schäubles und Jens Weidmanns Augen "unsoliden" Länder die Scharte auswetzen können, ist vor allem und als Conditio sine qua non ein keynesianisch herbeigeführter Aufschwung vonnöten, also eine Erhöhung der Staatsausgaben. Andernfalls führt ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten zu einer Hybris der Gegensätze und Überwerfungen: europäische Separation statt Europäische Union.