Selten ist ein Politiker in Brüssel so charmant mit der Tür ins Haus gefallen wie Donald Tusk, der neue Ratspräsident der EU. "Keine Sorge", rief er seinen neuen Mitarbeitern gleich am ersten Tag zu: Es sei nicht schlimm, wenn sie nervös seien, weil "der Boss wechselt". Er selbst sei es auch. Anschließend umriss der neue Boss in ein paar kurzen Sätzen, weshalb er hergekommen sei. "Europa braucht Erfolge", sagte Tusk, die EU müsse ihre Werte Freiheit und Solidarität verteidigen. "Nicht nur Euroskeptiker stellen den Wert der EU infrage, die Union hat sogar Feinde. Die Geschichte ist zurück." Da war von Nervosität schon nichts mehr zu spüren.

Nach diesem kurzen Auftritt hat Tusk sich erst einmal rar gemacht. Keine Reden, keine Interviews, doch die Sätze vom Anfang hallen nach. Denn dass die EU überhaupt Feinde haben könnte, gehörte bislang nicht zu ihrem Selbstverständnis. Genauso wenig wie ein Präsident, der offensichtlich angetreten ist, um dieses Selbstverständnis zu erschüttern.

An diesem Donnerstag, wenn sich die Staats- und Regierungschefs in Brüssel treffen, wird Donald Tusk zum ersten Mal die Sitzung leiten. Damit tritt ein Mann ins europäische Rampenlicht, der sich in fast jeder Hinsicht von seinen Vorgängern unterscheidet.

Tusk ist der erste Osteuropäer, der an der Spitze von Rat oder Kommission steht. Aber er ist noch mehr als das: Der Pole kommt aus einem großen Mitgliedsland der EU, er war sieben Jahre Ministerpräsident, erfolgreich noch dazu – ein politisches Schwergewicht also, nicht wie so oft in der EU ein Kandidat, der nur den kleinsten gemeinsamen Nenner repräsentiert. Außerdem sprach Tusk bislang besser Deutsch als Englisch; Französisch beherrscht er gar nicht. Auch das wäre bis vor Kurzem noch unvorstellbar gewesen, wie eine französische Zeitung leicht pikiert bemerkte: dass ein Spitzenpolitiker der EU sich mit dem französischen Staatspräsidenten nicht mehr in dessen Muttersprache unterhalten kann.

Die europäische Politik hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Sie ist durch die Euro-Krise ernster geworden, auch deutscher. Für die üblichen Rücksichtnahmen bleibt weniger Platz. Zudem hat die EU den Osten entdeckt, seit dort an ihrem Rand, in der Ukraine, auch um europäische Werte gekämpft wird.

Tusk findet, osteuropäische Erfahrung werde in der EU dringend gebraucht

Tusks Wahl an die Spitze des Europäischen Rats reflektiert diese Verschiebungen. Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit die ostmitteleuropäischen Länder sich vom Kommunismus befreit haben. Seit 2004 gehören Polen, Ungarn, Tschechien, Slowenien, die Slowakei und die drei baltischen Staaten zur EU. Aber lange Zeit konnte man den Eindruck haben, sie würden in der Union mehr geduldet denn als gleichberechtigte Partner behandelt. Erst jetzt scheinen sie endgültig angekommen zu sein. Und umgekehrt: Erst mit der Ukrainekrise ist die EU politisch und mental auch im Osten angekommen.

Seine eigene Wahl hatte Tusk im Sommer mit der Bemerkung kommentiert, Politiker mit osteuropäischer Erfahrung würden in der EU dringend gebraucht. Er kündigte einen neuen, "polnischen Stil" an. In einem Video stellt er nun dem Rest Europas seine Biografie vor: selbstbewusst, auf Englisch und mit offenem Kragen. Tusk ist in Danzig aufgewachsen, seine Familie gehört zur ethnischen Minderheit der Kaschuben. Mit 14 Jahren verfolgt er die ersten Arbeiterproteste in seiner Heimatstadt. Später, als Student, trifft er Lech Walesa und schließt sich der Gewerkschaftsbewegung Solidarność an. Er studiert Geschichte, aber "die Geschichte um mich herum war viel interessanter als jedes Buch". Nach der Verhängung des Kriegsrechts 1981 verbringt Tusk ein paar Tage im Gefängnis. Danach schlägt er sich eine Weile als Brotverkäufer und Bauarbeiter durch.

Auch das unterscheidet Tusk von den vielen Berufseuropäern, denen er nun in Brüssel begegnet: Der 57-Jährige hat seinen Glauben an Europa und dessen Werte nicht beim Studium der EU-Verträge oder in Jean-Monnet-Vorlesungen geschärft, sondern auf den Straßen Danzigs, im Kampf gegen die kommunistische Herrschaft. Die eigenen Erfahrungen aus dieser Zeit prägen auch seinen Blick auf die Ereignisse in der Ukraine. "Ich war in vielen Augenblicken sehr berührt, als ich sah, was auf dem Maidan passiert ist", hat Tusk in einem Gespräch mit der ZEIT gesagt, da war er noch Ministerpräsident. "Ich habe dort historische Helden gefunden, die zu meinen persönlichen Erfahrungen und denen meiner Generation sehr gut passen."

Als Ratspräsident hat er zuerst Barack Obama und Xi Jinping angerufen

Kein anderes Land der EU hat sich in den vergangenen Jahren so vehement für die Ukraine eingesetzt wie Polen. Tusk und der frühere polnische Außenminister Radosław Sikorski haben zusammen mit ihren schwedischen Kollegen die Östliche Partnerschaft erfunden: jene Politik der EU, die eine schrittweise Annäherung der Ukraine und anderer Nachbarländer wie Georgien oder Moldau vorsah und die nun in Trümmern liegt. Zerschellt am Widerstand aus Moskau, den selbst die misstrauischen Polen unterschätzt hatten. Auch deshalb hat sich Tusk nach langem Zögern entschlossen, von Warschau nach Brüssel zu wechseln: Trotz des Kriegs hält er an der europäischen Perspektive für die Ukraine fest.

Donald Tusk hat sich viel vorgenommen. Anders als sein Vorgänger Herman Van Rompuy, der meistens diskret vermittelt hat, will er der EU eine vernehmbare Stimme geben, vor allem in der Außenpolitik – einem Feld, das bislang nicht zu den Stärken der Gemeinschaft zählte. Egal, ob es um Energiefragen oder um das umstrittene Freihandelsabkommen mit den USA geht, Tusk betont die geopolitischen Aspekte: die transatlantische Partnerschaft und die Unabhängigkeit von Russland. Zu seinen ersten Gesprächspartnern am Telefon zählten Barack Obama und Chinas Präsident Xi Jinping – auch das ein deutlicher Ausdruck seiner Ambitionen. Die Frage ist nur, wie weit diese Ambitionen überhaupt gedeckt sind durch das Amt, das Tusk seit Anfang Dezember bekleidet.

Der Europäische Rat ist in jeder Hinsicht eine schillernde Versammlung: 28 Staats- oder Regierungschefs, alle mit einem großen Ego. Fünf- oder sechsmal treffen sie sich im Jahr, um die europäischen Geschicke zu lenken, im Notfall auch öfter. In der Euro-Krise hatte die Runde häufig als eine Art Krisenreaktionsstab agiert – eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Monaten in der Ukrainekrise ansatzweise wiederholt hat. Seit zwölf Monaten ist kein Gipfeltreffen vergangen, auf dem die Regierungschefs nicht über Sanktionen gegen Russland oder Hilfe für die Ukraine beraten hätten. Auch in dieser Woche steht das Thema wieder auf der Tagesordnung.

Noch als polnischer Ministerpräsident hatte Tusk erklärt, dass die Auseinandersetzung mit Russland die EU neu definiere. Ähnlich wie die Euro-Krise die Frage nach einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik aufgeworfen habe, stehe nun die Gemeinsamkeit in der Außenpolitik auf der Probe: "Niemand in der EU braucht sich zu fürchten, wenn wir eine Gemeinschaft bleiben." Und ausdrücklich an die Adresse Deutschlands gerichtet, sagte er: "Es geht um die Frage, inwieweit die Politik Vorrang vor der Wirtschaft hat."