Wohl dem, der nicht handeln muss, weil er sich den Grausamkeiten der Welt entziehen kann. Die Zentralmacht Amerika aber agiert in einer Arena, wo nicht unbedingt Kant und Gandhi regieren. Folglich macht sie sich schuldig. Das zeigt der 500-Seiten-Folterbericht des US-Senats bis ins letzte grauenhafte Detail.

Bestätigt darf sich fühlen, wer die USA ohnehin für moralisch verkommen hält. Der Spiegel titelt: Wie Amerika seine Werte verlor. Die Linke will die DDR nicht als "Unrechtsstaat" etikettieren, bezichtigt aber Amerika, "nicht besser" als ein solcher zu sein. Freilich mokiert sich der Spiegel auch über die "Empörung deutscher Politiker". "Scheinheilig" sei sie, weil die hiesigen Behörden von den Amerikanern profitiert haben, aber nicht so genau hingeschaut hätten, wie die CIA "recherchiert" hatte.

Doch um Balken und Splitter im Duell der erhobenen Zeigefinger geht es nicht. Die richtige Frage lautet: Wie weit darf eine Demokratie im Kampf gegen einen Feind gehen, der weder Moral noch Kriegsrecht respektiert?

Die Antwort des Senats liefert Dianne Feinstein, die Vorsitzende des Geheimdienst-Ausschusses, in der Los Angeles Times: Was in orwellscher Manier als "verbesserte Verhörmethoden" beschönigt wird, "war weitaus brutaler, als der Öffentlichkeit, dem Kongress und dem Weißen Haus erzählt worden ist". Die Agency hat also gelogen. Zweitens: Die Quälerei habe weder "Terrorattacken vereitelt" noch "das Ergreifen von Terroristen ermöglicht". Die Erkenntnisse "kamen aus anderen Quellen oder von den Häftlingen, bevor sie gefoltert wurden. Tatsächlich produzierte die Folter häufig Falschinformationen."

Feinsteins Fazit gehört in jedes Lehrbuch demokratischer Dienste. Selbst Napoleon dozierte 1798: "Tortur ist nutzlos. Die Kerle sagen, was man hören will. Deshalb verbiete ich, was gegen alle Vernunft und Menschlichkeit verstößt." Wer das noch früher erkannt hatte? Die Amerikaner im Fünften Zusatzartikel ihrer Verfassung von 1787: Niemand dürfe "gezwungen werden, gegen sich selber auszusagen". Das war das erste Folter-Verbot in der Verfassungsgeschichte.

Heute leben wir in einer anderen Welt als Bismarck, der 1857 eiskalt schrieb: "Jede Regierung nimmt lediglich die Interessen zum Maßstab ihrer Handlungen, wie sie dieselben auch mit rechtlichen oder gefühlvollen Deduktionen drapieren mag." Heute kommt Macht auch von Autorität und Legitimität, und die erfordern eine moralische Richtschnur. Putin kann sich die Krim greifen, aber selbst "Russlandversteher" können den Raub nicht gutheißen.

Autoritäre genießen keine Autorität. Ein Geheimdienst, der zur selbstherrlichen Schattenarmee mutiert ist, fügt seinem Land Schaden zu, den kein dubioser Erkenntnisgewinn je aufwiegen könnte. Selbst CIA-Direktor John Brennan gibt gewunden zu: "Wir sind nicht zu dem Schluss gekommen, dass uns die verbesserten Verhörmethoden nützliche Erkenntnisse verschafft hätten." Ob sie funktionierten, sei "nicht zu erkennen".

Normalerweise lässt man sein, was nicht zu belegen ist – erst recht angesichts der hohen "Kollateralschäden". Gleich nach seinem Amtsantritt 2009 hatte Obama denn auch Taktiken wie das "Waterboarding" verboten. Sein damaliger Anti-Terror-Berater Brennan gab reuevoll zu, derlei Methoden hätten Amerika von seinen "nationalen Idealen entfremdet". Heute legt der CIA-Chef nach: Derart "abscheuliche" Praktiken "müssen wir alle verwerfen".

Eine Nation, die solche Selbstgespräche führt, hat ihre Werte nicht verloren. Die Rechtfertigungen – das Trauma von "9/11", die dauerhafte Bedrohung – mögen plausibel sein. Kritiker des Berichts behaupten vehement, die Folter habe doch Nützliches erbracht. Selbst wenn: Es war ein Teufelspakt, auf den sich Bush und sein Vize Dick Cheney eingelassen haben.

Auch Nationalgesinnte werden sich fragen: Quem ad finem – wo soll es hinführen, wenn die Angst alles erlaubt? Wenn die CIA Gesetz und Anstand bricht, weil man ihr die Schmutzarbeit überlässt, um das eigene Gewissen zu schonen? Werden die Dienste nicht auch im eigenen Land die Bürgerrechte verhöhnen? Folter kennt keine Grenzen; der "Gute" wird immer zum Täter.

Die offene Gesellschaft hat einen unschätzbaren Vorteil gegenüber den Autoritären: Geheimhaltung funktioniert nicht. Die liberale Demokratie verleugnet ihre bösen Geister nicht, sondern treibt sie aus. Amerika hat eine lange Geschichte der Selbstkorrektur hinter sich – von den Indianer-Feldzügen über die Sklaverei bis zu Vietnam und Watergate. Das Land "we love to hate" hat diese beispielhafte Fähigkeit gerade erneut bewiesen.

Senatorin Feinstein hat recht: "Folter beschädigt die Seele unserer Nation. Es gibt so manchen dunklen Fleck in unserer Vergangenheit. Doch wir erkennen das Böse, packen es und erlösen uns von ihm." Sagen wir es nicht ganz so andächtig: Der Senatsbericht wird aus der CIA keinen Kirchenchor machen, aber so zügel- und aufsichtslos wie vor 2009 werden die Leute aus Langley nicht mehr agieren. Über die Kollegen von der NSA wird noch zu reden sein.

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