Es ist in Berlin der märkische Sand, der Himmel und Erde zusammenhält. Dass sich die Sonnenuntergänge so prächtig rot und blau und gelb oder manchmal auch dramatisch violett einfärben, hat mit den feinen Sandpartikeln zu tun, die in der Luft hängen und das Licht brechen. Dass die Erde so locker ist, erleichtert die Arbeit der Polizei. Vor zwei Wochen grub sie ein Loch im Görlitzer Park, der im Stadtteil Kreuzberg liegt, und zog einen Beutel voller Drogen heraus. Marihuana, hieß es, sei darin gewesen, aber auch noch Verboteneres, wofür der Park sonst eigentlich nicht bekannt ist. Der Görlitzer Park ist ein gefürchtetes oder geliebtes Gelände am ehemaligen Mauerstreifen; mehr noch: Er ist ein Lieblingsthema politischer Debattierclubs, ein Labor für künftige Polizeistrategien, ein Symbol für die ganze krisengeschüttelte und doch so zukunftsbegeisterte Stadt.

Die großen Razzien hatten begonnen, als in der Skalitzer Straße, über die an der Nordwestseite des Parks die Hochbahn führt, von türkischen Inhabern eines Wasserpfeifen-Cafés zwei minderjährige Afrikaner niedergestochen und schwer verletzt worden waren. Daraufhin nahmen Freunde der beiden das im Souterrain gelegene Lokal auseinander. Zum Hintergrund des Vorfalls berichteten die Medien vor allem das, was der Café-Betreiber zu Protokoll gegeben hatte: Die Afrikaner hätten es nicht lassen können, auf dem Bürgersteig mit Drogen zu handeln, obwohl er doch insgesamt 70-mal die Polizei gerufen habe. Unerträgliche Situation, ein übergelaufenes Fass.

Es wäre vielleicht unbequem, aber bestimmt lohnend, einmal zu den Mechanismen des Drogenverkaufs in und um den Görlitzer Park zu recherchieren, bei dem die afrikanischen Flüchtlinge nur das letzte und schwächste Glied sind. Es passt aber sehr gut zu Berlin, dass es einen Reporter wie Roberto Saviano, der so etwas für seine Heimatstadt Neapel getan hat, hier nicht gibt. Schließlich ist wohl in keiner anderen Metropole der Welt das Faktische so gründlich durch die Fiktion verdrängt worden. Berlin interessiert sich einzig und allein für seinen Ruf. Und es lebt von ihm umso besser, je ruinierter er ist. "Arm, aber sexy" – diese Losung erscheint bis heute als brillante Analyse. Denn es muss Klaus Wowereit, der eigentlich nur der Form nach der "Regierende" war, trotz des Desasters, das er in der Gestalt allerhand einstürzender Neubauten nun schulterzuckend hinterlassen hat, eine große Leistung doch zugestanden werden: Das politische Laisser-faire hat es den Betreibern von Clubs, Bars und Galerien, also der sogenannten Kreativwirtschaft, erst ermöglicht, die Stadt seit den neunziger Jahren neu zu erfinden. Als Mythos.

Dass Berlin zur beliebtesten Anlaufstelle des Easyjetsets wurde, ist auch eine Unterlassungsleistung der Politik. So kam es, dass – wie der Philosoph Francesco Masci feststellte – die "Arbeit des Kultur-Entertainments, das Wirkliche in Fiktion zu überführen, durchgreifenden Erfolg" hatte.

Der Görlitzer Park ist ein Ort, und er ist es nicht. Der Görlitzer Park ist ein auf dem Stadtplan verzeichneter Nicht-Ort. Viele Reportagen haben ihm in den letzten drei Jahren ein afrikanisches Gesicht gegeben. Mit welchen Floskeln die Dealer ihre Kundschaft ansprechen ("Alles okay?", "Need something?", "Na du?"), wie höflich, lässig und diskret oder wie aggressiv sie dabei wirken und ob dadurch eine besorgniserregende Irritation für unsere Jüngsten entsteht (es gibt im Görlitzer Park einen Kinderbauernhof), darüber gehen die Darstellungen so weit auseinander, wie es dem Weltanschauungsspektrum der längst überregional berichtenden Presse entspricht.

Es soll einmal vorgekommen sein, dass ein Kind ein Kokain-Kügelchen beim Spielen im Park gefunden und mit nach Hause gebracht hat. Es gibt hier aber keine Junkies, und es liegen auch keine Spritzen herum. Spritzen findet man in den Gebüschen des Stuttgarter Platzes, den der Berliner Tagesspiegel unter der Überschrift Härter als der Görlitzer Park gerade als einen wirklich unangenehmen Ort beschrieben hat. Aber der "Stutti"? Das bürgerliche Charlottenburg? Die haben einfach nicht das Zeug zur Legende. In Kreuzberg wird an einem Bild gearbeitet, und dieses Bild zeigt Wirkung. Wenn nämlich das racial profiling, also die Verdächtigung von Personen nach erstem Augenschein, beklagt wird, dann ist das keine Kopfgeburt weinerlicher Moralapostel. Man sollte, wenn man eine schwarze Hautfarbe hat, dieser Tage lieber keine neuen Turnschuhe und Hip-Hopper-Klamotten tragen, man sollte auch nicht auf dem Mountainbike herumradeln und unentschlossen in der Gegend umherschauen – nein, man sollte, allein der Hautfarbe wegen, besser gar nicht da sein. In dieser Gegend gilt bis auf Weiteres jeder Schwarze als illegal.

Flüchtlinge unter den Anwohnern? Einige leben noch immer in der Gerhart-Hauptmann-Schule, die nur wenige Hundert Meter vom Görlitzer Park entfernt ist. Und auch wer nicht mit Drogen handelt, weil er zum Beispiel in Deutschland Asyl beantragt hat und von dem Geld, das er deshalb bezieht, irgendwie anders über die Runden kommt, muss damit rechnen, auf offener Straße aufgegriffen und durchsucht zu werden.

Wachsende Distanz zum Gegenstand schärft dessen Konturen. Je leitartikelartiger der Blick, desto karikaturenhafter erscheint der Görlitzer Park. Er ist zur Chiffre geworden. Entweder für etwas aufregend Exotisches oder aber für alles Verdorbene einer vermeintlich aus dem Ruder laufenden Stadt. Es gibt unter der Parole "Unser Görli muss Dealer-Land bleiben" eine Facebook-Gruppe – ebenso wie den Kommentator der Katholischen Nachrichten, der aus der erschrockenen Feststellung "Im Görlitzer Park in Kreuzberg wurde gedealt" ganz im Geiste einer christlichen Scharia eine unbarmherzige Direktive an die Politik ableitet: "Verstoßt ihr den Bösen aus eurer Mitte!" So zitiert der Autor aus dem ersten Korintherbrief.

Ist es da für die Afrikaner ein Segen, dass die Befehlsgewalt über die Berliner Polizei in anderen Händen liegt? Auf den Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) können die Flüchtlinge, von denen viele nicht lange in Erinnerungen kramen müssen, um sich an den Strand der italienischen Insel Lampedusa zu erinnern, jedenfalls nicht zählen. Henkel verkündete, dass der Görlitzer Park ein Sumpf sei, den es auszutrocknen gelte, und richtete dazu eine "Taskforce" aus Mitgliedern der Sicherheitsbehörden und des Bezirks ein. Sie soll die Einrichtung einer räumlich begrenzten "Schwerpunktzone" prüfen, in der die Polizei dann unter dem Schirm des erklärten Ausnahmezustands beherzter zugreifen könnte als bisher.

Allein die geologische Metapher des Innensenators irritiert. Weiß Henkel wirklich nicht, dass der Park gar kein Sumpf ist, sondern eine Wüste? Also ein entgrenzter Ort, an dem sich die Karawanen unterschiedlich gut betuchter Nomaden kreuzen, und dass diese Migranten, Flüchtlinge wie Touristen, sich nicht bloß gegenseitig mit Geld und Haschisch füttern, sondern zugleich den Mythos nähren, von dem die halbe Stadt am Leben gehalten wird?