Ampeln sind Nahkampfzone. Zumindest manche. Da wird geschrien und gehupt, werden Finger und Fäuste gereckt, und zwei, drei Mal pro Woche kommt es fast zur Schlägerei. Denn der aus der Seitenstraße einbiegende Autofahrer hat es eilig und genau gesehen, dass dieser schlunzige Fußgänger zu spät losgelatscht ist. Der Fußgänger wiederum weiß genau, dass es noch grün war. Typische Anzeichen der zunehmenden Ichbezogenheit im Straßenverkehr – oder steckt doch mehr dahinter? Erstaunlicherweise ja. Beide Seiten haben recht. Grund ist eine Hamburger Spezialität: die progressive Ampelschaltung. Wird eine Straße in der Mitte von einer Verkehrsinsel geteilt, zeigen die Lichtzeichen für Fußgänger nicht synchron Rot oder Grün. Die beiden äußeren zeigen noch Grün, wenn die zwei inneren längst wieder auf Rot stehen.

Wieso? Handelt es sich um eine neue rätselhafte Sparmaßnahme der Stadt? Oder nur um ein Demütigungsprogramm für Fußgänger?

Keins von alledem, im Gegenteil: Die Hansestadt sorgt rührend für Mitbürger, die zu Fuß unterwegs sind. In Kiel oder Berlin haben Pedisten, die eine mehrspurige Straße überqueren, einfach Pech, wenn die Ampel in der Mitte auf Rot springt: Bis zur nächsten Grünphase müssen sie auf einer schmalen Verkehrsinsel verharren. In Hamburg dagegen sieht selbst ein Fußgänger, der in der letzten Sekunde seiner Grünphase auf die Fahrbahn tritt, auf der anderen Straßenseite noch so lange Grün, dass er die komplette Überquerung schafft.

Dafür haben Ingenieure des Landesbetriebs für Straßen, Brücken und Gewässer (LSGB) bei jeder Ampel berechnet, wie lange man braucht, um die Straße zu überqueren, ausgehend davon, dass ein Fußgänger 1,2 Meter pro Sekunde zurücklegt, in der Nähe von Altenheimen 1,0 oder 0,8 Meter. Nur wer doch langsamer ist, muss das Schicksal der Kieler und Berliner teilen. Oder wer sich von den Autofahrern einschüchtern lässt. Die müssten, so weit die Theorie, beim Abbiegen zwar nach Paragraf 9, Absatz 3 StVO "auf Fußgänger besondere Rücksicht nehmen; wenn nötig (...) warten". Ganz egal, ob die nun bei Rot, Grün oder Violett gehen. In der Praxis dagegen sehen sie oft nur das innere, rote Fußgängersignal. Und meinen, nun dürften sie die mutmaßlichen Falschgeher mit Hupe und Stoßfänger zur Räson bringen.

"Manchmal installieren wir Blinklichter", sagt ein Ingenieur. "Oder drehen die Fußgänger-Ampelanzeigen so, dass sie vom Auto aus nicht zu erkennen sind. Aber irgendwie muss man den Autofahrern klarmachen, dass sie nicht immer recht haben." Notfalls, indem man sie zu Fuß über ein paar progressive Ampeln schickt.