Der Bürgermeister ist erkältet, seine Stimme klingt wie die von Joe Cocker, doch diesen Auftritt im Rathaus will er sich nicht entgehen lassen: "Ich bin sehr froh", sagt Olaf Scholz, "endlich kommt Bewegung in die Sache."

Endlich sitzt ein Mann neben ihm am Tisch, der über eine Menge Geld verfügt. Der bereit ist, eine öde Brache in bester Hamburger Lage zu übernehmen und zu bebauen. Es geht um die Wüste am Kreuzfahrtterminal in der HafenCity, wo die Arbeiten vor vier Jahren zum Erliegen gekommen sind, weil den bisherigen Investoren in der Finanzkrise das Geld ausging. Ausgerechnet hier. Denn eigentlich sollte dieses südliche Überseequartier längst das "kommerzielle Herzstück" des neuen Stadtteils sein, wie es in Prospekten heißt. Eigentlich sollte es längst die Menschenströme anlocken.

Lange hat die Stadt nach einem Retter gesucht. "Wir haben mit allen getanzt, die weltweit investieren und die Luft haben, so große Projekte zu steuern", sagt Scholz. Der offenbar beste Tanzpartner heißt Christophe Cuvillier, ist Absolvent der französischen Eliteuniversität HEC und seit dem vergangenen Jahr Chef von Unibail-Rodamco, einem der größten europäischen Immobilienunternehmen, gelistet im Aktienindex EuroStoxx 50.

Cuvillier spricht Englisch mit feinem Akzent, er sagt: "Wir haben mehr als vier Milliarden Euro Cash verfügbar." Scholz schaut zufrieden. Das ist mehr als genug, um die 228.000 Quadratmeter große Brache an der Elbe zügig zu bebauen, 860 Millionen reichen schon. Falls die Bürgerschaft zustimmt, könnten die Bagger 2017 anrollen, die meisten Gebäude könnten 2021 fertig sein. Dann sollen die Massen strömen und die Qualen der Ladeninhaber in der HafenCity überstanden sein (siehe nebenstehenden Text). Doch was soll dort entstehen?

Eine destination, sagt Cuvillier bei seinem Auftritt mit Scholz vorige Woche. Schnell wird klar: Wer einen internationalen Konzern beauftragt, bekommt dessen Sprache gratis dazu.

Der bekommt an einer der prominentesten Ecken der Stadt einen iconic office tower, wie Cuvillier es nennt, ein landmark building. Ein 70 Meter hohes Bürogebäude soll an der Ecke von Elbe und Magdeburger Hafen wachsen, vor der Silhouette der Stadt, gestaltet vom französischen Architekten Christian de Portzamparc. Der hat bereits einen Entwurf gefertigt, zu sehen ist ein weißes Gebäude, das an einen geschliffenen Stein erinnert. Auf dieser Grundlage wird der Architekt weiterplanen, ein Wettbewerb ist nicht vorgesehen, was manche Beobachter verwundert. Immerhin geht es um jenen Ort, an dem einst das von Rem Koolhaas entworfene Science Center geplant war, ein naturwissenschaftliches Erlebnismuseum. Es scheiterte, weil sich nicht genügend Geldgeber fanden. Jetzt also: Büros.

Im Schatten des neuen Turms sind vor allem Läden geplant, Vorzeigefilialen internationaler Marken. Gewaltige doppelstöckige Schaufenster präsentieren die Waren zu den Straßen hin; ein Stockwerk tiefer, im Warftgeschoss, entstehen unterirdisch weitere Geschäfte. Eine spezielle Ausrichtung der Gebäude soll möglichst verhindern, dass der Wind durch die Straßen pfeift. Einige Wege erhalten ein Dach aus Glas, damit die Kunden beim Einkaufen stets trocken bleiben.

80 000 Quadratmeter neue Ladenfläche sind vorgesehen, doppelt so viel wie ursprünglich an diesem Ort geplant. Eine "kritische Masse" an Läden soll bewirken, dass die Kunden herbeiströmen und Leben einzieht in die HafenCity. Für die bestehenden Geschäfte in der Innenstadt bedeutet das eine beachtliche neue Konkurrenz. Manche bangen nun: Verträgt Hamburg so viele Läden, noch dazu in Zeiten des Internethandels? Scholz sagt: "Es spricht sehr viel dafür, dass das hier funktionieren wird."

300 Wohnungen sollen auch gebaut werden, etwas entfernt von den Abgasen der Kreuzfahrtschiffe. Allerdings keine Sozialwohnungen, wie sie in der Stadt sonst vorgeschrieben sind.

Es ist aber auch zweifelhaft, ob sich weniger betuchte Hamburger in einem Quartier heimisch fühlen würden, das von Touristen und den Passagieren großer Kreuzfahrtschiffe durchflutet wird. Von Menschen, die in der "Designer Gallery" shoppen und abends dann "The Dining Experience" genießen, natürlich mit Elbblick.