Das Bühnenbild: ein Cupcake, ein treudoof blickender Dackel, in der Mitte ein riesiger begehbarer Totenschädel, der mit seinen rot glühenden Augen auch der Kopf des Terminators sein könnte. Mensch oder Maschine, Shakespeare oder Schwarzenegger: Das ist hier die Frage. Im Schädel stehen vier Subjekte, die über die Bühne irrlichtern oder eine Zigarette nach der anderen rauchen und im Jargon der lacanianischen Psychoanalyse diskutieren. Weil man in den Schädel kaum hineinsehen kann (kleiner Psychoanalytiker-Witz), wird sein Innerstes fürs Publikum live und unzensiert auf eine Leinwand übertragen (kleiner Privatfernsehen-Witz). Zwischendurch erzählt ein Mann Geschichten wie aus einem Film noir, dann singt eine Frau japanische Karaoke-Schnulzen. Es ist alles sehr verwirrend, aber das war zu erwarten: Willkommen in Rocco Darsow, dem neuen Stück von René Pollesch, das am Freitag im Malersaal des Schauspielhauses uraufgeführt wurde.

Wenn René Pollesch seine Stücke inszeniert, dann herrscht Chaos auf der Bühne und Überforderung im Publikum. Begründet wird das von dem Regisseur und Autor auch damit, dass er ein politischer Theatermacher sei. Wenn er in Interviews darüber spricht, was er nicht will, sagt er "Repräsentationstheater". Er meint damit: ein Theater, das zwar so tut, als gehe es alle Menschen an, das aber trotzdem den Hamlet nur von weißen Männern spielen lässt und Romeo und Julia nie in einer homosexuellen Besetzung zeigt. René Pollesch greift zur revolutionären Lösung: In seinen Stücken gibt es keinen Hamlet, keinen Romeo, keine Julia, überhaupt keine Figuren im konventionellen Sinne.

In Rocco Darsow spielen Sachiko Hara, Christoph Luser und Bettina Stucky aus dem Schauspielhaus-Ensemble. Zusätzlich wurde Martin Wuttke engagiert (bekannt als Kommissar im Leipziger Tatort). Wer Frau, wer Mann ist, ist für das Stück egal. Die Schauspieler stellen niemanden dar. Sie belehren und unterhalten das Publikum, aber sie machen keine Identifikationsangebote. Dass Katharina Popov als Souffleuse gleichberechtigt mit auf der Bühne steht, ist nur konsequent: Bei Pollesch werden die Rollen aufgelöst, bis nur noch universelle Subjekte übrig sind.

Rocco Darsow entspricht dem bekannten Pollesch-Prinzip, enthält aber drei Überraschungen. Die erste ist das Thema des Stücks. Frühere Pollesch-Aufführungen im Schauspielhaus behandelten die Organisation von Politik und Wirtschaft, da ging es zum Beispiel um den Konflikt zwischen linken Kollektiven und neoliberalen Netzwerken. In Rocco Darsow geht es um Liebe. Die Schauspieler sind immer noch Subjekte – aber dieses Mal nicht im politischen, sondern im psychoanalytischen Sinne.