Mit dem linken Arm voran soll ich also wiedergeboren werden. Unser Höhlenführer Marcel erklärt vor jedem Engpass, wie wir hindurch steigen sollen. Jetzt liegt die "Wiedergeburt" vor uns. Ein schulterbreites Loch, durch das man in eine enge Kammer gelangt. "Wie Superman rein, und dann musst du dich huren, verstehst du das?" Schweizerdeutsch. Ich soll mich bücken, auf den Knien rutschen.

Ich mache mit dem linken Arm ein paar Superman-Trockenübungen. Buchstäblich, denn: "Der Hälfte aller Teilnehmer läuft Wasser in die Stiefel", sagt Marcel, während er bäuchlings ins Loch gleitet. Als ich meinen Kopf in die Öffnung stecke, leuchtet die Lampe an meinem Helm einen Spalt aus, der so eng und verwinkelt ist, dass mir beklommen wird. "Der Kanal, durch den du auf die Welt gekommen bist, war noch viel enger", tönt Marcels Stimme dumpf aus dem Dunkeln. So genau erinnere ich mich nicht daran. Aber er war bestimmt nicht felsig, und mir lief dabei auch kein Eiswasser in die Gummistiefel, denke ich. Dann hure ich mich durch meine Wiedergeburt.

Muotathal, Zentralschweiz am Tag zuvor. Zusammen mit Marcel und sechs weiteren Expeditionsteilnehmern sitze ich in einem verqualmten Restaurant am Fuße des Eingangs zum Hölloch, der zweitgrößten Höhle Europas. In den nächsten beiden Tagen wollen wir einen Teil der gut 200 Kilometer langen Gänge erkunden und nachts dort biwakieren. "Keine Handys, keine Uhren, keinen Luxus", sagt Marcel, ein kerniger Typ Anfang 50 mit verstrubbelten schwarzen Haaren. "Sonntag um 16 null null seid ihr wieder draußen, mehr müsst ihr nicht wissen. Genießt es, mal ohne Zeit zu sein."

Seit 24 Jahren führt Marcel Rota Höhlentouren. Dafür, dass er an 150 Tagen im Jahr durchs Hölloch stiefelt und in seinem Urlaub andere Höhlen der Welt inspiziert, ist er ziemlich braun gebrannt. Schon als Kind, sagt er, habe er Fuchslöcher ausgebuddelt. Andere forschen in Höhlen, weil sie hoffen, dort Schätze zu heben. Für ihn ist die Höhle selbst der Schatz.

"Licht ist das kostbarste Gut, wenn wir drinnen sind", erklärt er. Jeder bekommt einen Helm mit Stirnlampe. Marcel wird die Dunkelheit mit der Flamme seiner Karbidlampe durchstrahlen. "Zusammen mit einer Alu-Wärmedecke lässt sich daraus im Notfall ein Thermozelt einrichten." Notfall?

Im Hölloch sei noch nichts passiert, sagt Marcel. Kein Einschluss, kein Unfall. Nicht mal ein verknackster Fuß im letzten Vierteljahrhundert. Es kommt allerdings auch kein Tourist ohne kundige Führung hinein. Wie in Berghütten liegt im Restaurant ein Buch aus, in das jeder Tourleiter sich einträgt. Käme eine Gruppe nicht pünktlich zurück, setzte sich ein 60-köpfiges Bergungsteam in Bewegung.

"Alles tipptopp?"

"Alles tipptopp."

Eine halbe Stunde später stapfen wir wie ein Trupp Kanalarbeiter durch den vernebelten Wald. Im Biwak null, einer Hütte in der Nähe des Restaurants, haben wir den Luxus abgestreift, Jeans und Pullover gegen Thermounterwäsche und reißfeste Overalls getauscht. Statt Bergschuhen tragen wir Gummistiefel, weil sie auf dem glatten Untergrund mehr Halt geben.

Hölloch kommt nicht von Hölle. Sondern von hähl, rutschig, sagen Sprachforscher. Seit Millionen von Jahren frisst sich Wasser durch den Kalkstein. Das hat die vielen Gänge gegraben, sagen Höhlenforscher. Nein, es war doch der Teufel, sagen die Ältesten im Dorf: Eines Tages, als ihm das Teufelsein verleidet war, wollte er ein anständiger Bauer werden. Und kaufte dem Frauenkloster zu Muotathal eine schöne Alp ab. Von Hölleneifer besessen, spannte der Teufel zwei Feuergäule ein und durchpflügte die blumigen Matten am Pragelpass metertief. Als er sah, welche Steinwüste er geschaffen hatte, ergriff ihn brennende Scham. Auf kürzestem Weg stürzte er in seine Heimat zurück. Und hinterließ dabei einen gewaltigen Felsgang im Berg.

In diesem Gang laufen wir nun über das, was Marcel "Autobahn" nennt. Die betonierten Wege sind Relikte aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts, als eine belgisch-schweizerische Gesellschaft die Höhle im großen Stil touristisch erschließen wollte. Noch bevor Muotathal ans Stromnetz angeschlossen war, brannten im Hölloch die ersten Lampen. Nach wenigen Jahren machte ein Hochwasser die Investorenpläne zunichte.

Marcels Karbidflamme wirft ein warmes Licht auf den Fels, der uns umgibt. Aber es ist kalt. Fünf Grad bei hundert Prozent Luftfeuchtigkeit. Atemwolken hängen vor jeder Helmlampe. Wir passieren die "Dolomiten", eine Stalagmitenformation, die an die italienische Gebirgskette erinnert, und verlassen die Autobahn.

So langsam wird die Höhle ihrem Namen gerecht. Ein glitschiger Film aus Wasser oder Lehm benetzt den Boden, über den wir kraxeln. Über eine Halde aus schwarzem Sand tauchen wir an klammen Seilen in die Dunkelheit hinab, sinken mit jedem Schritt in den knirschenden Untergrund. Weil Marcels Stimme über die Distanz verhallt, muss jeder seinem Hintermann erklären, wie schwierige Passagen zu bewältigen sind. "Ohne Riesentamtam die Information exakt weitergeben", sagt Marcel. Höhlen-Stille-Post.

Dann ragt die "Böse Wand" vor uns auf. Die Helmlampen reichen nicht, um ihr Ende anzuleuchten. Die Hölloch-Pioniere standen hier vor einem Problem. Wir hingegen können unsere Karabiner ins Seil neben einer Eisenleiter klinken und vierzig Meter hochsteigen. Oben angekommen, dampfe ich aus allen Öffnungen meines Overalls. Ich bin überrascht, dass unser Weg die meiste Zeit aufwärts führt. Wir sind Bergsteiger unter Tage. Nur dass die Erhabenheit fehlt, die über den Gipfeln liegt. Der Horizont. Die Weite.