Eine Mondlandschaft. Über Nebraska weht immer der Wind, immer. Er weht erbarmungslos, wirbelt den Staub über die Hügel, über die kleinen, harten Pflanzen hinweg, weht ihn in die Hütten, durch jede Ritze hindurch, in jedes Auge, ob in das eines Menschen oder das des Viehs. Lächerliche Holzhäuschen stehen auf der Steppe. Es soll eine Stadt sein, und sie nennt sich Loup. Gott hat nicht gewollt, dass hier jemand lebt. Manche Siedler haben nur Hütten aus Grassoden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Winter in Nebraska jenseits dessen, was der weiße Mensch sich vorstellen konnte. Aber der wollte ja in den Westen.

Ein paar Meilen außerhalb von Loup führt Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) ihre Farm. Diese Frau ist anders als der abgerissene Rest der Siedler. Es gelingt ihr mühelos, das Grenzland zum Blühen zu bringen, sie kocht warmes Essen, und bei ihr stehen Blumen auf dem Tisch. Manchmal rollt sie eine längliche Stickerei mit den Tasten des Klaviers aus. Dann spielt sie auf der stummen Tastatur und singt, wie sie es in ihrer Kindheit tat. In dieser Umgebung ist sie so etwas wie die Allegorie der Zivilisation. Doch sie ist auch 31 und nicht verheiratet – und weil man in Nebraska damals nicht lange herumquatscht, fragt sie ihren Nachbarn ins Gesicht, ob er sie nicht heiraten wolle, man könnte ja das Vieh gemeinsam nutzen. Und dieser Kerl, der sich verbessern würde, um es vorsichtig zu formulieren, lehnt ihren Antrag schroff, geradezu hysterisch ab. Das sitzt, auch wenn von Liebe nicht die Rede war.

Auf den Farmen irgendwo in der Umgebung werden drei Frauen verrückt – an der Einsamkeit, an der Gewalt ihrer Männer, am Tod ihrer Kinder, an der unfassbaren Härte des Siedlerlebens. Es bleibt im Dunkeln, was sie genau haben, aber für den Zuschauer gibt es eigentlich nichts Plausibleres an diesem Ort als den Wahnsinn. Nun müssen die jungen Frauen in den Osten geschafft werden, nach Iowa, wo ein Pfarrer sie versorgen wird. Ihre Männer, deren Pflicht es wäre, sie dorthin zu schaffen, sind verhindert, oder sie kneifen, und so erklärt sich Mary Bee bereit, auf einem Kastenwagen mit schweigenden, beißenden oder in Stupor verfallenen Frauen in Richtung des Missouri River aufzubrechen, durch Indianer- und Desperadoland. Freundlich ist der Abschied, aber sie wiederzusehen, damit rechnet keiner mehr in Loup.

Es ist ein seltenes, jedoch bekanntes Motiv im Western, dass in einer Welt ohne Helden die Frau das Regiment übernimmt und für den Fortbestand des Lebens und der Moral sorgt. Aber das ist hier nicht so einfach, denn die Lage ist praktisch aussichtslos. Mary Bee möchte auch nicht in moralischer Schönheit sterben, sondern zurück auf ihren Hof. So sucht sie sich, schon auf der Reise, einen Helfer, und das ist Briggs. George Briggs (Tommy Lee Jones, der auch Regie führte) ist ein alter Gauner, ein Deserteur und Gesetzloser, und als die Frauen vorbeikommen, thront er gerade mit einem Strick um den Hals auf einem Pferd, das ihn baumeln ließe, sobald es sich in Bewegung setzt. Mary Bee befreit ihn, dafür muss er sie begleiten. Auf der Fahrt durch die Hölle ist ihr Helfer einer der kleineren Teufel.

Briggs erweist sich aber tatsächlich als ein verlässlicher Partner, er soll dafür allerdings auch 300 Dollar Belohnung kassieren. Er ist ein alter Praktiker der Wildnis, und sie weiß, dass sie es ohne ihn nicht schaffen wird. Er ist verbraucht, grantig, trinkt und flucht, aber er ist einer, der überleben will.

Ist das ein Western? Nein, The Homesman ist alles andere als ein klassischer Western, es ist ein Anti-, ein Gender-Western – und eine sarkastische Parabel: Stark ist die Frau, sie steht in jeder Hinsicht ihren Mann, trotzdem hätte sie gerne einen Partner, und das ist ihre Schwäche. Die Männer sind Angsthasen, Memmen, Ausreißer. Die Frau ist einsam, der Mann kann sich immer noch betrinken.

Der Wilde Westen ist hier Kulisse, genauer gesagt ein Mittel zur Abstraktion. Nebraska reduziert Frau und Mann gewissermaßen aufs Wesentliche, auf den charakterlichen und ethischen Kern ihrer Person. Und überdeutlich agieren hier auch die Schauspieler, wie im Vorführmodus. Diese Mary Bee Cuddy ist ohne Weiteres als moderne Karrierefrau denkbar. Man kann sich ihre Geschichte genauso in eine heutige Metropole übersetzen. In der letzten Szene lässt sich Briggs mit der Fähre wieder ans Nebraska-Ufer rudern. Vor Freude führt er ein infantiles Tänzchen auf. Da zieht er also hin, singend ins Land, bis wohin keine Zivilisation reicht, ohne Frau und ohne Pflicht, dorthin, wo es ihm wirklich gut geht.