Liebe in zwei Worten. "Bayern Munich!", kräht der kleine Junge hinter uns im Block A 33 im Fußballstadion von Delhi begeistert, und noch ein paar Mal in den nächsten Minuten: "Bayern Munich!" Aber von Bayern München ist nirgendwo im Stadion etwas zu sehen. Auf dem Spielfeld unten im Flutlicht treffen die Delhi Dynamos und der Club Pune City aus dem Süden des Landes aufeinander. Es ist eine der ersten Begegnungen in der Indian Super League (ISL), der neuen Fußballliga des Landes.

Trotzdem sind Bayern, Manchester oder Madrid mit dabei an diesem Spätherbstabend: als Inspiration, als Vergleich, auch als Last. Ein Spiel zu besuchen, im Stadion zu sitzen bedeutet für das indische Publikum den Eintritt in eine Welt, die von diesen Großmannschaften und ihren magischen Namen beherrscht wird. Der Junge hat nur herausgeschrien, was in allen Köpfen steckt. Der europäische Fußball und seine Stars und Vereine sind populär in Indien; die Zeitungen schreiben darüber, man kann die Spiele der englischen Premier League oder der Bundesliga im Fernsehen sehen. Der indische Fußball liegt im Länder-Ranking der Fifa auf Platz 159. 1970 hat Indien die letzte olympische Medaille geholt (Bronze), 1982 ist es bei den Asien-Spielen zuletzt ins Viertelfinale gekommen. Das war es dann mit internationalen Erfolgen in jüngerer Zeit. Die Sportart, in der das Land Weltklassestatus besitzt, die nationale Helden hervorbringt und am Sonntagnachmittag Millionen Jungen und erwachsene Männer auf alle halbwegs freien Flächen treibt, am Rande der Dörfer und in den Parks der Städte, ist Cricket.

Die Indian Super League ist der Versuch, Fußball auf diesem schwierigen Terrain endlich wettbewerbsfähig und erfolgreich zu machen – sportlich und wirtschaftlich. Acht neu gegründete Teams kämpfen bis Ende Dezember um die Meisterschaft. Es ist ein Unternehmen mit viel Geld und Glamour, berühmten Schauspielern (und Cricket-Stars!) als Besitzern der extra für dieses Turnier ins Leben gerufenen Mannschaften, mit großen Unternehmen als Partnern und Sponsoren, mit europäischen Stars im fortgeschrittenen Alter wie Alessandro Del Piero (Italien, Weltmeister 2006) oder Robert Pirés (Frankreich, Weltmeister 1998) als Publikumsmagneten. Ein Fernsehsender ist unter den Mitveranstaltern, so ist die mediale Präsenz der Liga schon garantiert. Aber wie wird sie sich neben dem globalisierten Perfektionsfußball behaupten, der die Fantasie besetzt hält? Neben "Bayern Munich"?

Das Publikum ist entspannt, wohlerzogen und bürgerlich: mehr American Football als alteuropäischer Fußball mit seinen Resten an Rauigkeit und Stammesleidenschaft. Viele junge Paare und Familien mit Kindern. Mit Jungen vor allem, manchmal kostümiert in nagelneuen Stollenschuhen, Stutzen und Trikots, die noch nie einen Amateur-Fußballplatz gesehen haben und wahrscheinlich nie einen sehen werden; oft sind die Schwestern aber auch mitgekommen, in Zivil, in Kindergeburtstagskleidung. Draußen vor der Arena werden Selfies und Gruppenbilder mit dem Stadion als Hintergrund geschossen. Drinnen gibt es Pizza und Popcorn. Es ist, am Dienstagabend, eine Sonntagnachmittagsstimmung, wie in einem der Multiplex-Kinos in den Shoppingmalls, in denen das wohlhabende Großstadtindien am liebsten seine Freizeit verbringt. Das Spiel unten auf dem Platz ist ein bisschen zerfahren und endet torlos. Alessandro Del Piero, der erst nach einer halben Stunde eingewechselt wird, hat sichtlich keinen guten Tag. Aber die La-Ola-Wellen rollen trotzdem – es muss sich einfach gut anfühlen, das jetzt auch machen zu können, wie die vielen Hunderttausende, bei denen man es am Bildschirm gesehen hat.

Dabei ist Fußball in Indien keineswegs ein geschichtsloser Import, kein rein synthetisches Produkt. "Fußball ist in Indien älter als in Deutschland", sagt Novy Kapadia mit Stolz. 1888, berichtet Kapadia, hat das erste Fußballturnier im damals britisch beherrschten Indien stattgefunden, veranstaltet für die Soldaten der Kolonialmacht; seit etwa 1900 haben auch einheimische indische Mannschaften teilgenommen. Der Englisch-Dozent an der Universität Delhi ist im Nebenberuf ein bekannter Sport-Enthusiast und Kommentator, Autor des Buches The Football Fanatic’s Essential Guide on the World Cup, ein Ein-Mann-Forschungsinstitut zur Geschichte des Fußballs in Indien. Die Faszination reicht in seine Kindheit zurück: Er ist in Delhi in der Nähe des Bahnhofs in der Altstadt aufgewachsen, in einem Quartier, in dem vor allem Muslime und Zuwanderer aus dem ostindischen Bengalen lebten: die beiden Gruppen, die immer am fußballfreundlichsten waren. Wenn Mannschaften aus anderen Städten am Bahnhof ankamen, für Spiele in Delhi, herrschte Ausnahmezustand unter den Jungen im Viertel.

1940, erzählt er weiter, jetzt wirklich mit leuchtenden Augen, hat zum ersten Mal ein indisches Team gewonnen, der Verein Mohammedan Sporting aus Kolkata, 2 : 1 gegen die Auswahl des Royal Warwickshire Regiment. Es war die erste indische Mannschaft, die nicht mehr barfuß, sondern in Schuhen spielte, die besten Spieler aus dem ganzen Land versammelte, systematisches Fitnesstraining betrieb. Die englischen Kolonialherren zu besiegen, mit dem Westen in einer westlichen Disziplin gleichzuziehen war und ist in Indien eine große Sache, nicht nur im Sport.

Bis in die 1960er Jahre, so Novy Kapadia, war Fußball in Indien nicht weniger beliebt als Cricket. Doch im Vollprofi-Zeitalter, spätestens seit den achtziger Jahren, hat der Fußball den Anschluss ans internationale Niveau verloren. Die indischen Spieler waren halb freigestellte, vom Arbeitgeber ein bisschen geförderte Firmenmitarbeiter, Polizei- oder Militärangehörige – keine wirklichen Berufsathleten. Im Fernsehen konnte die Nation jetzt miterleben, wie schnell, kraftvoll und torgefährlich anderswo gespielt wurde: ein demoralisierender Anblick, wenn man ihn mit dem Leistungsstand zu Hause verglich. Indien verlor die Lust am eigenen Fußball. Zweimal seit 1997 wurden Ligen gestartet, die den heruntergekommenen Sport wiederbeleben sollten. Die Indian Super League ist der dritte Versuch. 2017, wenn das Land die Fifa-Weltmeisterschaft der unter Siebzehnjährigen austrägt, soll sie Indien zurück auf die Landkarte des globalen Fußballs gebracht haben.