Shinzo Abe hat in den letzten Wochen etwas beinahe Unglaubliches vollbracht: Zwei Jahre nachdem er zum Premierminister gewählt worden war, stellte er sich erneut zur Wahl. Und obwohl er sein Land entgegen den Hoffnungen in eine Rezession geführt hat, wurde er mit einer noch deutlicheren Mehrheit wiedergewählt. Dabei hatten die Japaner 2012 darauf gesetzt, dass die Rechtskonservativen das Land aus 20 Jahren wirtschaftlicher Stagnation hieven könnten.

Abenomics, so wurde die Strategie Abes genannt, versprach Großes: die Kombination aus einer lockeren Geldpolitik, hohen Staatsausgaben und wachstumsorientierten Strukturreformen würde die anhaltende Deflation beenden, Investitionen fördern und eine neue Ära des Wachstums einläuten. Im November aber zeigte sich, dass die erfolgreiche Phase nur kurz war. Seit Mitte des Jahres schrumpft die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sogar.

Doch Abe wagte es, sich seinen Kurs mit Neuwahlen abzusichern. Und die Japaner vertrauten ihm. Er gewann die Wahl vom vergangenen Sonntag gar mit einer Zweidrittelmehrheit, auch weil Abe einen Schuldigen für die aktuelle Wirtschaftskrise finden konnte. In seine Amtszeit musste er schließlich einen Beschluss der Vorgängerregierung mitnehmen. Demnach sollte im Frühjahr 2014 der Mehrwertsteuersatz von fünf auf acht Prozent erhöht werden.

Abes Regierung hätte diese Anhebung zwar über Bord werfen können, entschied sich aber angesichts der im vergangenen Jahr noch guten Wachstumszahlen und der hohen japanischen Staatsschulden dagegen. Allerdings sieht jenes Gesetz für Oktober 2015 noch eine zweite Erhöhung der Mehrwertsteuer vor, auf zehn Prozent. Und die Neuwahlen vom Wochenende hat der Premier mit dem Versprechen ausgerufen, von dieser zweiten Erhöhung zunächst Abstand zu nehmen.

Nach der zunehmenden Kritik über das Ausbleiben handfester Wachstumsreformen hat Abe damit nach langer Zeit wieder Lob erhalten. Es sei richtig, argumentieren Kommentatoren einhellig, die Mehrwertsteuererhöhung aufzuschieben. Sie belaste schließlich Reiche und Arme in gleichem Ausmaß. Das sei nicht gerecht, vor allem nicht in einer Gesellschaft, in der seit Jahren die Realeinkommen sinken. Da sich 60 Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung aus dem privaten Konsum speisen, dürfe man die Haushalte nicht zu stark belasten.

Diese Argumente sind zwar berechtigt, aber für sich allein genommen, greifen sie zu kurz. Die Mehrwertsteuer ist besser als ihr Ruf, gerade weil sie, im Gegensatz zur Einkommensteuer, alle in gleicher Weise belastet. Das gilt vor allem für alternde Gesellschaften. Ein knappes Drittel der japanischen Bevölkerung ist heute über 60 Jahre alt, also im Pensionsalter. Und auch wenn viele Japaner nach ihrem gesetzlichen Ruhestand noch einige Jahre weiterarbeiten: Würde statt der Mehrwertsteuer etwa die Einkommensteuer angehoben, entgingen dem Staat dauerhafte Einnahmen von Millionen von Rentnern, die im Schnitt sogar wohlhabender sind als die jüngeren, arbeitenden Generationen. In alternden Gesellschaften muss eine Mehrwertsteuer also keineswegs so ungerecht sein, wie es oft behauptet wird.

Japan hat bei der Anhebung der Mehrwertsteuer noch jede Menge Spielraum nach oben, selbst im Vergleich zur Besteuerung von Unternehmen, den bisherigen Profiteuren von Abes Wirtschaftspolitik. Japans Unternehmenssteuer liegt zwar bei 35 Prozent, was im internationalen Vergleich ein eher hoher Wert ist. Aber die Mehrwertsteuer liegt auch mit ihren nun acht Prozent noch deutlich unter den beispielsweise in Europa üblichen 20 Prozent.

Dabei kann sich Japan eine höhere Mehrwertsteuer problemlos leisten. Das Land braucht sie sogar dringend. Die Staatsschuldenquote von etwa 240 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung liegt höher als in jeder anderen Industrienation. Ökonomen um Takatoshi Ito, Professor an der Universität Tokio und der Columbia University in New York, haben errechnet, dass Japan unter den aktuellen Umständen um 2025 eine Schuldenkrise ins Haus steht: Spätestens dann könnte nämlich der Inlandsmarkt, der bisher fast alle Staatsschulden aufkauft, keine weiteren Japan-Anleihen mehr schlucken.

Um ein weiteres Anwachsen der Staatsschulden zu verhindern, würde aber selbst eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf zehn Prozent noch nicht reichen. Eine Kombination verschiedener Steuern wäre dazu nötig. Aber mit der Aufschiebung der Mehrwertsteuer, die Abe nun wohl veranlassen wird, muss auch ein neues Gesetz erarbeitet werden. Das schafft wieder einmal neue Unsicherheit. Und streng genommen, ist auch fraglich, ob Abe mit seinem Wahlsieg vom vergangenen Sonntag überhaupt das Mandat für diesen Schritt erhalten hat: Mit 52 Prozent Wahlbeteiligung war die Anteilnahme der Bevölkerung an der Arbeit der Regierung so gering wie noch nie. Trotz der gewachsenen Mehrheit im Parlament hat Abes Rückhalt bei den Menschen definitiv nachgelassen. Japan steckt eben doch in einer Wirtschaftskrise.