Sils-Maria, im Hochgebirge des Engadins auf 1.800 Metern gelegen, ist berühmt für seine berühmten Gäste. Den Anfang machte Friedrich Nietzsche, der zwischen 1881 und 1888 an diesem "lieblichsten Winkel der Erde" die Sommer verbrachte und an seinen Hauptwerken schrieb. Wetterfühlig und hypersensibel, hielt der Philosoph es vor quälenden Kopfschmerzen fast nirgendwo in Europa aus, doch kannte er nichts, was seiner Natur angemessener sei als "dieses Stück Ober-Erde", das er als seine wahre Heimat und Brutstätte bezeichnete. Aufgrund der Stille, Höhe und Einsamkeit könne er in Sils-Maria seine innersten Stimmen vernehmen. Unermüdlich durchkämmte der Philosoph mit weißem Spazierstock, rotem Sonnenschirm, Hut und Sonnenbrille die Gegend – stets in der Hoffnung, dass ihm beim Wandern die besten Gedanken kämen. In Sils-Maria hat Nietzsche seine philosophische Grundüberzeugung entdeckt, dass alles wiederkehrt und zyklisch ist, hier entwarf er den Zarathustra und formulierte seinen berühmten Satz "Gott ist tot".

Zahllose Schriftsteller und Denker sind Nietzsche im 20. Jahrhundert gefolgt. Marcel Proust weinte vor Glück, weil ihm so gefiel, wie die Schmetterlinge über den Silsersee tanzten. Die Magie dieser reinen, scharfen Lichtwelt zog Yehudi Menuhin an, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und David Bowie. Auch ein Kinofilm mit internationaler Starbesetzung, der dieser Tage Premiere hat, versucht, die mythische Ausstrahlung einzufangen: Die Wolken von Sils Maria. Doch was kaum jemand weiß: So wie der Ort mit höchsten kulturellen Errungenschaften verknüpft ist, wirft er auch ein Schlaglicht auf das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts.

Es war der Sommer des Jahres 1936: Noch herrschte Friede in Europa, und im ruhigen Sils-Maria, unweit des mondänen St. Moritz, traf wie jedes Jahr die wohlhabende Olga Spitzer mitsamt ihrem Gefolge aus Paris ein und bezog ihre Villa auf einer Anhöhe im Lärchenwald. Wie schon im vorigen Jahr wurde sie von der Enkelin ihrer Cousine begleitet, einem dunkelhaarigen Mädchen mit großen schwarzen Augen, das gerade seinen siebten Geburtstag gefeiert hatte. Trotz Hollywoodschaukel und Blick über Berge und Silvaplanersee wurde es dem Kind bald langweilig in der Villa, allein unter ihrer erwachsenen Verwandtschaft. Zum Glück gab es unten im Dorf Gleichaltrige, und so fuhr der Chauffeur von Madame Spitzer das kleine aufgeregte Mädchen zu Tosca, der Tochter des Spezereienhändlers.

"Für uns Dorfkinder war es eine Sensation, als dieser schwarze Wagen kam und der uniformierte Fahrer diesem fremden Mädchen den Verschlag aufhielt. Meine Mutter hat uns dann gleich eine Vesper gemacht, und wir Kleinen sind spielen gegangen." Tosca Nett ist heute 84 Jahre und lebt immer noch in Sils-Maria. "Dann haben wir mit Marmeln gespielt", erinnert sie sich. "Wir hatten eine Laube unter den Tannen, darin richteten wir uns ein. Wir haben Puppen gepflegt, sie ins Bettchen gelegt, gewaschen, für sie gekocht, sie gefüttert. Dafür muss man nicht groß reden können. Abends ist der Chauffeur gekommen und hat sie abgeholt. Das war alles ein großes Ereignis."

Toscas Ferienfreundin wurde von allen schlicht Änn genannt: "Sie war sehr schüchtern, eine ganz zarte, scheue Person. Sie tat sich nicht hervor, sondern blieb gern im Hintergrund. Es hat gedauert, bis sie auftaute und aus sich herauskam. Wir haben viele schöne Momente zusammen erlebt." Die beiden verband zwar keine gemeinsame Sprache, doch miteinander spielen und sich trotz aller Unterschiede verständlich machen konnten sie problemlos. "Aber von einem Tag auf den anderen sagte sie mir plötzlich, sie müsse abreisen. Es ging alles ganz schnell."

Zum Abschied überreichte Änn ihrer Spielgefährtin eine kleine, graubraun lackierte Vase mit blauen Strichen. "Sie hat mir gesagt, ich solle sie immer behalten. Die Vase werde mich stets an sie erinnern", erzählt Tosca: "als ob sie gewusst hätte, dass wir uns nicht mehr sehen. Denke immer an mich, hat sie zum Abschied gesagt. Dann werden wir ewig Freundinnen bleiben. Vergiss mich bitte nicht! Das waren ihre letzten Worte an mich."

Tosca bewahrte die Vase gut auf und nahm sie sogar mit, wenn sie verreiste. Stets stellte sie im Frühling und Sommer frische Blümchen hinein – und dachte dabei an Änn. Erst viele Jahrzehnte später verstand Tosca Nett, mit wem sie da gespielt hatte. "Ich besuchte die Gedenkstätte im Nietzsche-Haus. Dort sah ich die Fotos eines kleinen Mädchens, darunter stand der Name: Anne Frank. Ich musste immer wieder hinschauen. Ich konnte es nicht glauben. Aber es gab keinen Zweifel: Es war meine Freundin. Ich habe dann die Vase der Sammlung des Nietzsche-Hauses geschenkt. Damit ihr Besuch nicht in Vergessenheit gerät, nicht nur für mich."

Im Flur des ersten Stocks, gleich bei der einfachen Schlaf- und Schreibstube Nietzsches, wird die Vase neben Schwarz-Weiß-Fotos von Thomas Mann und Hermann Hesse, jeweils im Skianzug, sowie Briefen Rainer Maria Rilkes, in denen er von den hiesigen Alpenblumen schwärmt, noch heute ausgestellt. Doch außerhalb des Nietzsche-Hauses ist Anne Franks Aufenthalt in Sils-Maria, das auf seine prominenten Besucher sonst so stolz ist, kaum ein Thema. Als auf private Initiative hin ein Denkmal mit den Symbolen der großen Weltreligionen geschaffen wurde, das für Toleranz stehen und an die Besuche des Mädchens 1935 und 1936 erinnern soll, hat man es nicht wie geplant im Ortskern, sondern vor der Villa Spitzer aufgestellt, abseits im Wald. Aus der Gemeindeversammlung war zu hören, man habe sich für diesen versteckten Platz entschieden, weil man die deutschen Touristen nicht vergraulen wolle, indem man sie permanent an ihre schwierige Geschichte erinnere. Auch ein geplanter Vortrag über Anne Frank zum Schweizer Nationalfeiertag kam aus diesen Gründen nicht zustande.

Für Urs Kienberger, den Seniorchef des Grandhotels Waldhaus, das auf einem Felsvorsprung das Hochtal überblickt und in unmittelbarer Nachbarschaft zur ehemaligen Villa Spitzer steht, ist das Andenken an die jüdischen Besucher von Sils-Maria hingegen selbstverständlich. "Unsere Gäste waren und sind traditionell gemischt", erzählt er beim Spaziergang: "vor allem natürlich vor dem Zweiten Weltkrieg, aber auch danach. Emil Rathenau, der Gründer der AEG und Vater Walther Rathenaus, war unser Stammgast, Samuel Fischer, der berühmte Verleger, der Regisseur Max Reinhardt, Albert Einstein, der Dirigent Otto Klemperer, der Maler Max Liebermann." Alle hatten sie einen jüdischen Hintergrund.

"Naturgegend mit ihrer schönsten Doppelgängerei"

Zu den Rekordhaltern, was die Zahl der Übernachtungen in Sils-Maria angeht, gehört der Philosoph Theodor W. Adorno. In den fünfziger und sechziger Jahren feierte er alle seine Geburtstage in Sils-Maria, mehr als 420 Tage verbrachte er hier insgesamt. Adorno kam, um unter den Fichten und Kiefern auf den Spuren eines weiteren jüdisch-deutschen Denkers zu wandeln, Walter Benjamin. Der fragte sich bei seinem Besuch auf dem Hochplateau angesichts der zu allen Seiten schützenden Berge mit ihren ungeheuren vereisten weißen Zacken, wozu überhaupt die ganze Kultur da sei – um sich dann klarzumachen, dass gerade diese ihn erst dazu befähige, das großartige Naturschauspiel lieben zu können. Doch vor allem war Adorno wegen des Zarathustra-Schöpfers hier und setzte während seiner Spaziergänge ins Fextal, wo es Nietzsche immer am besten gefallen hat, die Ausdruckslosigkeit der Murmeltiere mit der Distanz des Denkers in Beziehung, der sich hier vor den Niederungen der Welt versteckte.

Auch Paul Celan, den Dichter der europäischen Nachkriegsmoderne, lockte diese Übersichtlichkeit und Freiheit in großer Höhe an. Sein Aufenthalt in Sils-Maria war dabei ganz der Auseinandersetzung mit dem Judentum gewidmet. Er malte sich aus, wie es wäre, Adorno bei einem Spaziergang zwischen den Felsbrocken "zufällig" zu treffen – doch reiste er ein paar Tage zu früh wieder ab und verpasste den bewunderten Gelehrten. Womöglich hatte Celan auch gar nicht vor, dem anderen tatsächlich über den Weg laufen. So konnte er die Begegnung umso kraftvoller in seinem fiktiven Gespräch im Gebirg, das er in Sils-Maria konzipierte, stattfinden lassen.

In dem Text treffen zwei wandernde Juden aufeinander, "Jud Klein", womit sich Celan selbst meint, und "Jud Groß", Adorno. Zwischen diesen beiden einsamen Wanderern stiftet die häufig karge und dennoch einladende Alpenlandschaft schicksalhafte Gemeinsamkeiten. Zugleich spielt der Text auf Georg Büchners Lenz an, eine Erzählung, die vom Weg des gleichnamigen Protagonisten durchs Gebirge berichtet.

Wie bei Büchner geht es auch in Celans Silser Erfahrung um die Isolation, in der man nicht alleine bleibt, sondern konfrontiert wird mit dem anderen, das in einem selbst ist. So wächst die Abgeschiedenheit, die man sich so gut in der Höhenwelt erlaufen kann, zu einem besonderen Ort der Konfrontation: mit dem, was man in sich zu unterdrücken neigt, was in einem selbst fremd und gefährlich erscheint. "Ich bin mir selbst begegnet", resümiert Celan seine Reise in jene "Naturgegend mit ihrer schönsten Doppelgängerei" und legt damit den Finger auf die Wunde. Denn der Antisemitismus, das ist die Verleugnung dieser Doppelgängerei, das ist die "pathische Projektion" des Subjekts, von der Adorno und Max Horkheimer 1944 im Kapitel Elemente des Antisemitismus aus der Dialektik der Aufklärung sprachen: "Regungen, die vom Subjekt als dessen eigene nicht durchgelassen werden und ihm doch eigen sind, werden dem Objekt zugeschrieben: dem prospektiven Opfer." So kommt es zum fatalen Trugschluss des Subjekts, und "anstatt in sich zu gehen, um das Protokoll der eigenen Machtgier aufzunehmen, schreibt es die Protokolle der Weisen von Zion den andern zu".

Nietzsche hat es nicht anders gesehen, als er in der Bergwelt "mit angenehmem Grausen" sich selber entdeckte und sein radikaler Anti-Antisemitismus entstand. Alle Antisemiten, notierte er als eine seiner letzten schriftlichen Äußerungen, solle man erschießen lassen.

Celan hätte ihm in der Sache recht gegeben, die rabiate Rhetorik Nietzsches aber sicherlich zurückgewiesen: Nicht ums Totschießen geht es schließlich, sondern darum, die eigene Komplexität zu entdecken, inklusive all jener Teile, die ein erster Impuls abstoßen und als Fremdes ausgrenzen möchte. Die Mädchen Änn und Tosca, die trotz ihrer Differenzen und Sprachschwierigkeiten wie selbstverständlich miteinander spielten, geben dafür ein Beispiel ab. Und langsam wird es auch heute wieder Normalität, dass in Sils-Maria jüdisch-orthodoxe Touristen, die im Maloja-Palace-Hotel wohnen, wo koscher gekocht wird, christlichen wie atheistischen Wanderern begegnen, etwa auf dem Schluchtenweg, der gleich hinter dem Nietzsche-Haus beginnt und zur Villa führt, in der Anne Frank ihre letzten Ferien verbrachte.

Als sie sich später in Amsterdam verstecken musste, während die Nazi-Mörder die Straßen und Häuser durchkämmten, schwärmte Anne Frank in ihrem Tagebuch von einem traumhaften Ort in den Alpen. Sie malte sich aus, wie sie in Pelz gehüllt aus einer Limousine steigt, in einer schicken Boutique ein gefüttertes Eiskunstlaufkostüm und Schlittschuhe kauft und damit als weißer Schwan über vereiste Seen tanzt. Inmitten eleganter Möbel sah sie sich oben in der Villa auf dem Berg ihre Gäste empfangen, auch die Kinder aus dem Dorf. Sie hat dann Kleider für sämtliche Bedürfnisse und Witterungen, eine Schachtel voller Kosmetikartikel und lernt Bündner Dialekt, um in einem Schweizer Film eine Hauptrolle spielen zu können.

Es sind gebrechlich schöne Zeilen, mit denen sich Anne Frank inmitten des Grauens eine Gegenwelt des Friedens und der Verständigung erträumte. Diese Gegenwelt sollte eine Zukunft haben. Anne Frank hingegen hatte sie nicht: Sie wurde nach Auschwitz deportiert, kam von dort mit ihrer Schwester Margot kurz vor Kriegsende nach Bergen-Belsen und starb an Typhus.

Norman Ohler ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Mit Wim Wenders schrieb er das Drehbuch für dessen Film "Palermo Shooting" von 2008