Wie sie so vor mir sitzt, wirkt sie sehr klein. Kate Tempests Kopf verschwindet ein wenig unter der roten Wollmütze, ihr Singsang aber zieht in diesen Minuten machtvoll seine Bahnen durch den Backstageraum des Village Underground in London. Jetzt beginnt sie, die Sätze zu dehnen und zu biegen, als sei das hier ein Warm-up fürs Konzert später. Was Kate Tempest zu erzählen hat, kommt einer Liebeserklärung an das Wort gleich. Und das Wort scheint ihr vom Himmel auf die Zunge zu fallen, von dort schickt sie es auf diversen Kanälen in die Welt.

Die 28-jährige Engländerin gilt als Pop-Entdeckung der Saison, wahrscheinlich, weil sie so gar nicht in die Pop-Matrix passt. Kate Tempest rüttelt an den Konventionen dessen, was U und was E ist. Gefeiert für ihre phänomenalen Spoken-Word-Performances im Hip-Hop-Argot, für ihre Sozialstudien, die sie mit der griechischen Mythologie verlinkt hat, für die Bühnenarbeiten und das Album Everybody Down. Wer es hörte, wurde Zeuge einer chemischen Reaktion: wie die Dichtkunst der Tempest mit dem Rumoren der Maschinen und den Beats aus der Box zusammenfällt und in einem Hochofen verschmilzt. Die Urheberin dieses Kunstwerks wirkt noch immer wie das wenig glamouröse Mädchen von nebenan, als das sie einmal begann. Kate Tempest ist in Brockley im Südosten Londons aufgewachsen, als jüngstes von fünf Kindern einer Mittelschichtfamilie. Der Großvater erzählte aus vergangenen Zeiten, der Vater begeisterte sie für Homers Odyssee, die sie über den Alltag in der Vorstadt hinwegtrug. An diesem Morgen scheint Brockley noch nicht aus seinem Märchenschlaf erwacht, es sind kaum Menschen auf der Straße, die Cafés wirken wie Filmkulissen ohne Schauspieler. Am nördlichen Ende das Goldsmiths College, wo Tempest ihren Hunger auf Dichtung in Abendkursen stillte, im Süden die Siedlungen mit den viktorianischen Bauten, die die Spekulanten anziehen. Hier wird der abblätternde Charme einer Idylle verkauft, die Mieten haben sich in den letzten sieben Jahren verdoppelt. Vor ein paar Monaten erst hat Kate Tempest Brockley den Rücken gekehrt: "In Brockley habe ich meine besten Freunde gefunden, Musiker, Maler, Künstler."

Auf Everybody Down lernen wir Charaktere aus dieser Nachbarschaft kennen, Kate Tempest entführt sie von den realen Orten an die Zaubergestade ihrer Imagination und verleiht ihnen so etwas über Raum und Zeit Gebietendes. Die Künstlerin kurvt mit atemberaubendem Tempo durch diese Texte, nimmt uns an der Hand, den Blick auf Becky und Harry gerichtet, zwei Kinder des Prekariats, die sich mit Drogen und schlechten Jobs rumplagen und an einer Hilflosigkeit leiden, die ihre Erfinderin auch erst überwinden musste. Kate Tempest erzählt diese Geschichte mit einem verblüffenden Mix aus Wärme, Beobachtungsgabe und Reflexion. Dabei gibt es einen "Refrain", der gleich mehrfach auf dem Album erklingt und wie ein Hämmerchen auf die Klaviatur des Konstruktivismus schlägt. Dieser Refrain erinnert daran, dass alles, was ist, letztlich unserer Vorstellungskraft entspringt: "It’s true if you believe it / The world is the world / But it’s all how you see it / One man’s flash of lightning ripping through the air / Is another’s passing glare, hardly there." Ein "größeres Bild" nennt Kate Tempest das, jenen Moment, in dem sie ihren Hörern die Erleichterung verschafft, sich von den Windungen der Geschichte zu lösen, um noch einmal von draußen darauf zu schauen.

Es könnte auch ihre eigene Geschichte sein. Mit 16 hat sie die Schule geschmissen, weil ihre Gedanken keinen Widerhall in den Lehranstalten fanden. Sie lebte in besetzten Häusern, rappte auf Poetry Slams und maß sich mit den coolen Jungs, die die Szene beherrschten. "Es war eine Art Zwang, ich wollte mich und meinen Körper hinter mir lassen, es ging um Transzendenz."

Sprache und Rhythmus des Hip-Hop waren die Geburtshelfer für ihre Kunst. Sie habe sich als Teil einer Bewegung erlebt, die ihr schon bald Respekt zollte, sagt Kate Tempest. "Meine Lieblingsplatten forderten mich auf: Lerne, nimm mit, was in den alten, weisen Büchern steht! RZA vom Wu-Tang Clan brachte mir das bei." In ihren Wortströmen kann man beides entdecken, das Versmaß der klassischen Dichtung und die Melodie des Hip-Hop; Tempests Werk gleicht einer Skulptur, die nach allen Seiten wächst, auf die Theaterbühnen, in die Workshops, Schulen und Universitäten, wo ihre Texte als Einführung in die griechische Mythologie dienen, demnächst noch raus in einen Roman, den sie 2015 veröffentlichen wird.

Sie schüttelt den Kopf, als müsse sie sich dafür entschuldigen: "Ich schreibe, wann und wo ich die Möglichkeit dazu habe." Weil sie spürt, wie stark Worte machen können. Das Schreiben habe ihr den Glauben an den göttlichen Funken in jedem von uns gegeben, sagt sie. "The gods are all here, because the gods are all in us", der Satz stammt aus ihrem Spoken-Word-Werk Brand New Ancients, für das sie 2013 den Ted Hughes Poetry Prize erhielt, eine Auszeichnung, die zuvor noch nie an einen Menschen unter vierzig gegangen ist.

Ein paar Tage nach dem Interview in London steht Kate Tempest auf der Bühne des Weekend-Festivals in Köln, ihr erster größerer Deutschland-Auftritt. Die Künstlerin mag immer noch klein wirken, aber mit den ersten Strophen ihres Stücks Marshall Law zieht ein Wortorkan durch die Stadthalle in Köln-Mülheim. Bis die Performerin sich mit einer Frage ans Publikum richtet: "Do you want heartbreak or hardcore?" Als könnten 700 Menschenseelen an dieser Geschichte weiterschreiben, kurz zu Weltenlenkern im Sturm werden. Köln will Hardcore, Kate Tempest gibt mit dem letzten Song vom Album eine Vorschau auf das, was uns bald erwartet: eine Übersetzung des Punkrock in die Poesie des Hip-Hop. It’s true if you believe it.