Als Giò Ponti seinen Weggefährten 1929 porträtiert, blickt der neun Jahre jüngere Tomaso Buzzi sein Gegenüber freundlich an, hält ebenfalls einen Skizzenblock und den stets einsatzbereiten Kugelschreiber in den Händen. Die charmante Zeichnung mit den ausgefransten Rändern bringt die komplexe Beziehung zwischen Ponti, dem Gründervater des italienischen Designs, und Buzzi, einem nahezu vergessenen Architekten und Gestalter, auf den Punkt. Sie sind Zwillingsgesichter desselben Januskopfs, nur: Ponti schaut in die Zukunft und Buzzi in die Vergangenheit.

Wer Palladio, Piranesi und Serlio anbetet und unentwegt mit dem Cinquecento, Manierismus und Rokoko flirtet, taugt eben nicht zum Fixstern der Moderne. Aber Tomaso Buzzi, 1900 in Sondrio geboren, als Renaissancemensch vielseitig und hochgebildet, Antifaschist mit Diplom vom Mailänder Politecnico, 1981 in Rapallo gestorben, wollte nun mal aus der Zeit fallen. Während Ponti plante, die Welt mithilfe von Serienprodukten schöner zu machen, wählte Buzzi Ende der dreißiger Jahre die Isolation und kehrte der modernen Italianità den Rücken. Auch um zum politischen Regime auf Distanz zu gehen. Die fruchtbare Zusammenarbeit mit Ponti auf den Gebieten der Architektur, Urbanistik, des Designs und der bahnbrechenden Zeitschrift Domus versickerte im Nichts. Von da an widmete sich Buzzi ausschließlich seinen extravaganten Ideen für die Gärten und Palazzi von Italiens Upperclass. So renovierte er etwa Palladios Villa di Maser im Auftrag der Contessa Marina Volpi, stattete die Mailänder Villa Necchi, ein Juwel des Razionalismo, aus und baute für Maria Sole Agnelli die vielleicht schönsten Pferdeställe südlich der Alpen. Am Ende gipfelte Buzzis Überkultiviertheit in der Privatmythologie seiner labyrinthischen Theaterstadt La Scarzuola, die noch heute das Archiv des Exzentrikers beherbergt. Tempel, Teiche, Treppenfluchten, esoterische Symbole: ein Super-Folly im umbrischen Niemandsland.

Doch wäre es unfair, Buzzi als irren Hofkünstler des italienischen Geld- und Geburtsadels abzutun. Den Funkenflug seines Talents zeichnet noch bis zum 11. Januar eine hinreißende Ausstellung auf der Laguneninsel San Giorgio Maggiore nach. In der von Marino Barovier kuratierten Schau Tomaso Buzzi alla Venini wird endlich der experimentierfreudige Glasdesigner und geschickte Fährmann zwischen den Stilen wiederentdeckt. Seine heitere Zitat-Kunst macht ihn zu einem Vorboten der Postmoderne. Begleitet wird die venezianische Schau in Le Stanze del Vetro von einem Werkverzeichnis, das neben einer Fülle von Gläsern die präzisen Entwurfszeichnungen und zahlreichen Interieurs dokumentiert.

Buzzi griff Details aus der griechischen und etruskischen Antike auf

Zwischen 1932 und 1934 beschäftigte Paolo Venini den Lombarden als künstlerischen Leiter seiner Manufaktur auf Murano. Man kannte sich bereits seit 1927 und hatte mit Ponti, Emilio Lancia, Michele Marelli und Pietro Chiesa "Il Labirinto" ins Leben gerufen: eine Wiener Werkstätte all’italiana, die Komfort mit erlesenen Materialien und einem eleganten, klaren Design verknüpfte.

Verführerisch und rätselhaft sind Buzzis Glasobjekte. Sie greifen Details aus der persischen, griechischen und etruskischen Kunst auf, die vertraut und befremdend zugleich wirken. Von besonderem Zauber sind die Neuschöpfungen etruskischer Askoi – diese handlichen Gefäße mit ein oder zwei Ausgüssen, an denen der Henkel angesetzt ist, wurden in der Antike als Ölspender genutzt. Buzzi reduzierte das Dekor auf zwei Glasbänder. Wie ein lockeres Halfter liegen sie um beide Hälse. Seine Liebe zur ausgewogenen Form zeigt eine coppa delle mani, die auf einem Paar feingliedriger Hände ruht. Was hatte er bloß im Sinn? Eine Opferschale, einen Liebespfand oder eine Trophäe? Sicher ist nur: Buzzis Retromanie war nie banal.

Und dann diese Farben! Meergrün, Türkisblau, Rosé, Pink. Seine Erfolgsformel lautete: die Schattierungen Venedigs minus den Kitsch. Für seine Farbeffekte hatte er die traditionelle Verfahrensweise des Incamiciato auf die Spitze getrieben. Dank einer avancierten Technik wurden bis zu sieben hauchfeine Schichten zu einem insgesamt noch sehr dünnwandigen Glas addiert. Durch subtile Farbkombinationen in 14 Varianten und eine abschließend aufgeschmolzene, fein zersprengte Gold- oder Silberfolie erzielte er eine betörende Oberflächenwirkung. Gerade die schlichten Formen aus den Serien Alga, Laguna, Alba und Tramonto bringen diese koloristische Raffinesse schön zur Geltung. Den Rest erledigt das Licht. "Glas hat ja nicht nur eine plastische Attraktivität, sondern verändert sich je nach Lichtverhältnissen", sagt Askan Quittenbaum vom gleichnamigen Münchner Auktionshaus, "darauf reagieren Buzzis Incamiciati besonders lebhaft."