Nichts gegen London, schon gar nicht zur Weihnachtszeit, die Anzahl der im Heathrow Airport erwarteten Flüge ist ellenlang. Wie Coleridges Xanadu liegt die Metropole unter uns mit den Diamantschnüren ihrer Straßen, den hell erleuchteten Fassaden ihrer herrschaftlichen Plätze, den himmelstürmenden Riesenrädern der funkelnden Vergnügungsparks, den lichtgefluteten Fußballfeldern und der London Bridge in Schrägsicht. Denn der Blick ist verwackelt, ein Sturm weht vom Atlantik her. Wir werden "über die Baumwipfel getragen wie eine bunte Blume". Mit diesen Worten beschreibt Wolfgang Herrndorf in seinem Romanfragment ein paar Gleitflieger. Das Buch in meiner Hand ist ein Tonikum. Jeder Satz des unheilbar erkrankten Autors, der seinem Leben vor einem Jahr in Berlin ein Ende setzte, nimmt allegorische Färbung an. Eine unerschütterliche Ruhe liegt über den Beobachtungen seiner Heldin, die nicht mehr in Häusern leben mag. Einfach da zu sein, sich vorwärtszubewegen, in Luftlinie durch die deutsche Provinz, quer durch Besitztümer und über landschaftliche Grenzen hinweg, ist ihre große Liebe. Eigentlich fliegt sie schon. Wir machen es ihr nach, doch wir haben uns ihre Kaltblütigkeit nicht verdient. Wir zählen auf British Airways.

Auch für den nächsten Abend: Es gibt einen privaten Dancefloor in Berlin, ein bisschen Nebel, zwei DJs stehen auf dem Programm. Inzwischen London, wo die gerade Linie eine Fantasie der Parcoursläufer und Fassadenkletterer bleibt. In Mayfair fahren die Taxis durch ein Labyrinth der Einbahnstraßen und temporären Sperrungen immer im Kreis. Die Stadt mit ihren festlich gestimmten Passantenmassen ist eine menschliche Nebelmaschine. Wer das Offene sucht, geht ins Museum. Doch auch hier, im V&A, beim Glamour-Fotografen Horst P. Horst, nur Posen über Posen, die den Blick verstellen. Im letzten Raum der Schock seiner Farbaufnahmen, als hätte man die Türen aufgerissen. Vor uns steht, in atmosphärisches Blau getaucht, Babe Paley, die Herrscherin von Xanadu, blass, mit Perlen behängt, von einer Barbie-Frisur gerahmt, unwirklich nah und modern. Wenn es je eine Transversale gab, dann müsste sie vor diesen braunen Augen enden. Sie sind der Dancefloor, sie wissen alles über die Überflüssigkeit der Umwege.

Vom Taxiradio erfahren wir, dass ein Computerfehler die Flugsicherung über London zum Erliegen brachte. Der Berlin-Flug ist annulliert. Es wäre ein Leichtes, aufzugeben. Doch da sind Wolfgang Herrndorf und Babe Paley. Wie sich herausstellt, gibt es noch eine Maschine nach Hannover. Die Umbuchung fühlt sich experimentell an, der Sturm tobt weiter, die Kabine ist brechend voll. "Es soll regnen in Hannover", sagt der Kapitän beim Anflug, "aber wir sehen die Lichter der Stadt deutlich vor uns." Manchmal klingt eine schlichte Durchsage wie ein Satz aus Herrndorfs letztem Buch. Das gilt auch für den stummen Blick, den das Mädchen im Nebensitz nach der Landung mit mir tauscht.

Um halb zwei sitze ich im Taxi, nach Berlin kann man mitten in der Nacht aufbrechen. Die Autobahnen folgen schon lange dem Herrndorf-Prinzip der geraden Linie. Seine Heldin trampt in einem Viehtransporter und freundet sich mit blauäugigen Schweinen an, die nahe am Verdursten sind. Die Augenfarbe wird auf dem Diskussionsforum der Schweinefans im Netz bestätigt. Als ich um vier erwache, zieht der Tempelhofer Flughafen am Fenster vorbei. Die Strecke hat die Lust zu tanzen aufgebraucht. Es ist, als hätte ich den ganzen Tag auf dem Dancefloor verbracht. Berlin ist eben mehr als zwei DJs und ein wenig Nebel. Es ist Unruhe, Sehnsucht, Wanderlust und Totentanz, ein mentaler Zustand, der auch in London funktioniert.